Hört, hört! Das Berliner Abgeordnetenhaus hat einen neuen Sound. Bei der ersten Sitzung nach den Parlamentsferien am Donnerstag nahm Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) eine neue Ton- und Videoanlage in Betrieb, die die angejahrte alte Anlage ersetzt. Natürlich ist die neue, 1,5 Millionen Euro teure PA voll digital, weswegen das Präsidium der Premiere mit einem gewissen Rest-bammel entgegensah. Digitaltechnik kennt bekanntlich nur die Zustände 1 oder 0. Letzterer trat auch zwei Mal ein: Jeweils für einige Minuten fiel die Anlage aus. Für digitale Verhältnisse blieben die Störungen kurz und vor allem sind die Reden der Abgeordneten deutlich besser zu hören - auch die der Opposition. Die hatte immer mal wieder den Verdacht geäußert, dass Momper die Lautstärke bei Rednern der Koalition erhöht, bei denen der Opposition aber heruntergedreht habe. Wenn Grüne, CDU und FDP künftig nicht durchdringen, liegt es nicht am Schalldruck, sondern an mangelnder Kraft der Argumente.----Parlamentsvizepräsidentin Karin Seidel-Kalmutzki (SPD) nutzte die Mikrofonproben kreativ. Sie gratulierte dem CDU-Abgeordneten Joachim Luchterhand zur Geburt des ersten Enkels. Der 66-jährige ehemalige Siemens-Ingenieur und Fachmann für berufliche Bildung sei total glücklich über den Nachwuchs, heißt es in der CDU.----An der Privaten Kant-Schule in Steglitz erproben Politiker ein neues Berufsfeld. Sie versuchen sich in einer Schulstunde als Lehrer. Die Themen setzen sie selbst. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) dozierte darüber, was man tun könne, damit die Welt besser wird. Am besten in die SPD eintreten, wie er es als junger Mann gemacht habe, war Wowereits Tenor. Der Steglitz-Zehlendorfer SPD-Bundestagskandidat Klaus-Uwe Benneter versuchte Zwölftklässler von der "Sozialverantwortung des Eigentums" zu überzeugen, drang aber bei den Schülern nicht durch. Sein CDU-Kontrahent Karl-Georg Wellmann erläuterte den Zwölftklässlern, wieso Außenpolitik wichtig ist. Und FDP-Politikerin Mieke Senftleben beschäftigte sich mit "Politikverdrossenheit". Die hatte sie direkt in Gestalt zweier Schüler vor sich sitzen, die sich extra Mützen mit dem Konterfei von Horst Schlämmer ("Isch kandidiere") alias Hape Kerkeling aufgesetzt hatten. Doch Mieke Senftleben schlug sich tapfer, schließlich ist sie gelernte Lehrerin.----Wie bürgerlich ist die Linke? Es wird schlimmer. Der parlamentarische Geschäftsführer Uwe Doering hat eine lupenreine linke Biographie, kämpfte schon in jungen Jahren, als andere Jugendliche die Tanzschule besuchten, für die Rechte der Werktätigen, wurde Betriebsratsvorsitzender und engagierte sich in Verbänden der "Antifaschistinnen und Antifaschisten". Jetzt fiel dem 1953 geborenen gelernten Elektromechaniker auf, dass bürgerliche Zerstreuungen wie der Gesellschaftstanz doch ganz schön sein können. Anlässlich einer Familienfeier machte er einen Crashkurs in den Standardtänzen (Vor-Seit-Schluss, Rück-Seit-Schluss uuuund Dreeeehung!), fand aber daran so viel Gefallen, dass er jetzt richtig Foxtrott, Walzer und Tango lernen will. Auch hier schafft die Linke den Wiegeschritt: Gesellschaftstanz und Gesellschaftskritik sind keine Antagonismen.----Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) kam bei der großen Anti-Atomkraft-Demonstration ins Grübeln. Da die deutschen Anti-Atomkraft-Sticker wegen des Andrangs ausverkauft waren, nahm sie einen mit dem Aufdruck "Atomenergio - Ne Dankon!". Welche Sprache ist das: Spanisch? Nordisländisch? Niedersorbisch? Lompscher erhielt von einem Dolmetscher beim Interkulturellen Umwelt- und Gesundheitsfest Auskunft - allerdings erst nach längerer Recherche: Esperanto. (mak., tr.)

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