Ismailia - Umm Mohammed besitzt nicht viel. Alles, was der 65-jährigen Witwe wichtig ist, passt an die Wand über ihrem Plüschsofa: Da hängt ihr Hochzeitsbild, ein Foto ihrer Eltern, ein Koranspruch. Seit neuestem hängt dort ein Zertifikat der Suez-Kanal-Bank. Für umgerechnet 110 Euro hat sich Umm Mohammed einen Anteil am „großen ägyptischen Traum“ gekauft. So nennen die Zeitungen das Mega-Projekt der Regierung. Der Suezkanal soll ausgebaut werden, sodass er auch künftig von modernen Riesen-Schiffen befahren werden kann. Zudem soll rund um den Kanal eine Handelszone entstehen, und mehrere neue Städte sind geplant, um das dicht besiedelte Nil-Tal zu entlasten.

Der neue Suez-Kanal soll die ägyptische Wirtschaft beleben und Ägypten wieder Glanz und Ansehen verleihen. „Durch dieses Projekt wird Ägypten erblühen und zu dem werden, was es im Grunde ist: das beste und fortschrittlichste Land der Welt“, schwärmt Umm Mohammed. Die zierliche Frau im schwarzen Gewand zeigt auf ein Bild des Präsidenten. Sie hat es zwar nicht zwischen die Heiligtümer an der Wand über dem Sofa gehängt, aber al-Sisi hat immerhin am Kühlschrank seinen Platz gefunden. „Al-Sisi packt die Sachen an. Als er im Sommer die Ägypter aufgerufen hat, sein Projekt zu finanzieren, da habe ich nicht lange gezögert. Ich kratzte meine Ersparnisse zusammen, um mir meinen Anteil zu kaufen.“

Natürlich freut sie sich auch darüber, dass ihre Investition gut verzinst wird. Zwölf Prozent verspricht die Bank – ohne Risiko. Das wird zumindest so versprochen, denn die Einlagen werden von der Zentralbank garantiert. In anderen Weltregionen nennt sich das Crowdfunding. Knapp acht Milliarden Euro kamen so in nur acht Tagen zusammen. Dann stellten die staatlichen Banken den Verkauf ein.

Es war schon lange klar, dass der Suez-Kanal erweitert und ausgebaut werden muss. Der 1869 eröffnete Kanal zwischen Rotem Meer und Mittelmeer war immer wieder erweitert und vertieft worden, um die wachsende Zahl von immer größer werdenden Schiffen aufzunehmen. Schon unter Ex-Präsident Hosni Mubarak gab es Pläne für eine General- Erweiterung, doch dafür fehlte das Geld.

Symbol ihres Kampfes für die Unabhängigkeit

Nach der Revolution konnte sein Nachfolger Mohammed Mursi zwar katarische Investoren gewinnen, aber das lehnte die Mehrheit der Bevölkerung ab. Der Suez-Kanal ist für die Ägypter nicht nur die wichtigste Devisenquelle, sondern vor allem das Symbol ihres Kampfes für die Unabhängigkeit. 1875 nämlich hatte die britische Regierung die Aktienan-teile des bankrotten Ägypten aufgekauft und damit den entscheidenden Einfluss auf den Kanal erhalten, später wurde das ganze Land von Großbritannien besetzt. Wenige Jahre nach dem Sturz des Königs 1952 und der Ausrufung der Republik wurde der Kanal verstaatlicht. Die Beteiligung ausländischer Investoren ist seither tabu.

Aber es gab auch viele Gerüchte, die die Ägypter gegen das Projekt aufbrachten. So soll Mursi angeblich ein Stück vom Sinai als Gegenleistung zur Besiedelung durch radikale Palästinenser freigegeben haben. Mursi wurde dann von den Militärs gestürzt, General al-Sisi im Juni 2014 zum Präsidenten gewählt. Kaum im Amt führte seine erste Reise zur Suez-Kanal-Behörde in Ismailia. Dort startete er das neue Projekt, und er machte erst einmal alles richtig: Er erklärte den Ausbau zum nationalen Traum und gestattete nur Ägyptern die Finanzierung. Damit sich viele beteiligen und vom Erfolg profitieren können, wurden Mini-Anleihen zum Preis von wenigen Euros aufgelegt.

Ein Nebeneffekt war, dass damit auch den Banken geholfen wurde. Mehr als vier Milliarden Euro hatten die Ägypter zuvor unter der Matratze oder in Spardosen liegen. „Dieses Geld wurde mit den Anleihen dem Bankensystem zugeführt. Es ist ein umfassendes nationales Projekt. Alle Bereiche der Wirtschaft werden positiv beeinflusst“, sagt Ahmed Zaghloul, Wirtschaftsredakteur der Zeitschrift Ruz al-Youssef. Noch größer ist der politische Nutzen: Der Anteilsverkauf wurde zum nationalen Großereignis. Bis dahin hatte nämlich die Mehrzahl der Anleger – in der Regel eher älter, arm und ungebildet sowie auch die junge Mittelschicht – die Banken ebenso wie die Wahllokale gemieden.

Bei al-Sisis Besuch in Ismailia kam es zu einer Szene, die seitdem Hunderte Male im TV wiederholt wurde. Zu sehen ist al-Sisi, wie er den Ausführungen von Admiral Mohab Mamish lauscht. Der Chef der Suez-Kanal-Behörde erklärt, wie durch den Bau eines 35 Kilometer langen Nebenarms der Verkehr auf dem 193 Kilometer langen Suez-Kanal beschleunigt werden kann. Da der Kanal dann in beiden Richtungen zugleich befahren werden könne, werde die Passage in Zukunft statt 18 nur noch elf Stunden dauern, die Anzahl der Schiffe pro Tag auf 97 verdoppelt werden. Damit würden die Einnahmen um 259 Prozent steigen. Am Ende der Präsentation fragt al-Sisi den Redner nur knapp: „Wie lange wird es dauern?“ Mamish antwortet stolz: „In nur 36 Monaten können wir fertig sein.“ Al-Sisi aber hat da schon einen Zeigefinger gehoben: „Ein Jahr, mehr nicht.“ Admiral Mamish ringt kurz um Fassung, erwidert jedoch zackig: „Betrachten Sie die Aufgabe als erledigt.“

Ein Konsortium von rund 40 Unternehmen – die meisten von ihnen ägyptische, aber auch einige ausländische Firmen – wurde mit der Ausführung betraut. Die Führung übernahmen Ingenieure des Militärs. Fast täglich bringen die regierungsnahen Zeitungen Erfolgsberichte. Doch auch Zweifel werden laut: Ist das Projekt vielleicht doch größenwahnsinnig? Der Zeitplan völlig unrealistisch? Kann man wirklich mit Großprojekten die Wirtschaft eines Landes sanieren? Und ist es vielleicht der einzige Plan, den das Militär auf Lager hat?

Investoren dringend gesucht

Diese Zweifel möchte die Regierung nicht laut werden lassen und will deshalb auch die internationalen Medien überzeugen. Schließlich werden weitere Investoren dringend gesucht, zum Beispiel für die Handelszone neben dem Kanal. Für Mitte März lädt Ägypten deshalb zu einer großen Investorenkonferenz nach Scharm el Scheich ein.

„Das sichere Ägypten und sein beschützter Kanal heißen die Gäste willkommen“, steht auf dem großen Plakat, das auf der Mole vor der Suez-Kanal-Behörde flattert. In drei Bussen wurden kürzlich Korrespondenten internationaler Medien nach Ismailia gebracht. „Meine Damen und Herren, jetzt kommt der große Moment. Sie werden als erste Medienvertreter auf einem Teil des neuen Kanals fahren“, tönt es aus dem Lautsprecher. Ahmed Abdel Moneim, Mitarbeiter der Werbeabteilung der Suez-Kanal-Behörde, ist stolz darauf, dass er die Führung machen darf. Er steht mit seinem Mikrofon auf der Brücke des Kanalschleppers, der vom alten Kanal in einen neu gebauten Seitenarm abbiegt.

Dieser Nebenkanal wurde durch eine gewaltige Sanddüne gegraben. An seinem Ende breitet sich eine große Wasserfläche aus. Dort sind Schwimmbagger vertäut. In der Ferne bewegen sich die Greifarme Dutzender Bagger auch an Land. Kameras surren, Fotoapparate klicken. „Endlich bekommen wir mal ein paar Bilder“, sagt Mohammed Ahmed, ein ägyptischer Kameramann der für einen französischen TV-Sender arbeitet. „Allerdings ist das hier Murx. Die Bagger sind zu weit weg, und was beweist schon diese Wasserfläche?“, fragt er. „Nichts! Wir sind genauso schlau wie vorher. Entweder wir glauben der Regierung, dass dieses Projekt großartig ist oder wir glauben den Skeptikern, die aber keine handfesten Belege haben, dass das Projekt zum Scheitern verurteilt ist.“ Die Regierung setze alles daran, die Bevölkerung an den Erfolg glauben zu lassen. „Schließlich ist allen klar, dass die Geduld der Ägypter begrenzt ist. Sie haben zwei Präsidenten gestürzt, und wenn die Wirtschaftslage nicht bald besser wird, kann sich auch diese Regierung nicht lange halten.“

Umm Mohammed glaubt an den Erfolg. Seit sie den Bericht gesehen hat, den das staatliche Fernsehen am Abend nach dem Medientermin am Kanal sendete, ist sie selig. „Ich habe gesehen, dass es vorangeht“, sagt sie. „Und ich habe auch gesehen, dass die ausländischen Journalisten dort waren und sehr beeindruckt aussahen. Die Zukunft ist jetzt zum Greifen nahe!“, meint die Investorin.