Das wird nicht einfach, sagte Arno Widmann. Der damalige Redakteur der Meinungsseite war ganz offen zu Heiko Sakurai, als der vor nun gut zehn Jahren Karikaturist bei der Berliner Zeitung wurde. Immerhin folgte er Dieter Zehentmayr, der bis zu seinem Tod auf einzigartige Weise acht Jahre lang mit seinen Karikaturen das Gesicht der Meinungsseite, ja der Berliner Zeitung geprägt hatte. Sakurai wusste das natürlich.

Die Schärfe und Präzision von Zehentmayrs Zeichnungen waren ihm wohl vertraut – und deshalb wohl versuchte er erst gar nicht, in dessen Fußstapfen zu treten. Er musste es auch nicht. Denn schon bald zeigte sich, dass er einen ganz eigenen und sehr pointierten Stil hat. Hintergründig und stets überraschend mit Assoziationen, die das politische und gesellschaftliche Geschehen auf den Punkt, oder besser gesagt: in feine Striche bringen. So auch in seinem neuen Jahresband mit Karikaturen aus dem Jahr 2015.

Komplexe politische Themen oder auch Streitigkeiten in einer Partei kann er so knapp und präzise fassen, dass fast jeder Kommentar daneben verblasst. Als eine neue Studie zu dem Ergebnis kam, dass zwar immer mehr Menschen arbeiten, die Armut aber trotzdem zunimmt, lässt er einen Anzugträger irritiert vor einer Grafik zu Beschäftigung und Armut stehen und eine Putzfrau vorbeikommen, die einfach sagt: „Ich könnte es Ihnen erklären, aber leider habe ich laut Vertrag nur 3 Minuten 45, um dieses Großraumbüro zu reinigen.“

Zum 25. Jahrestag der deutschen Vereinigung serviert er eine große Torte, die West und Ost in Gestalt des deutschen Michel und seiner Frau verspeisen wollen, während im Hintergrund Flüchtlinge um Hilfe ersuchen. Da sagen die beiden: „Kaum hat man’s endlich zu etwas gebracht … soll man auch schon etwas ABGEBEN!“

Lieblingsmotiv: Angela Merkel

Seine große Liebe ist allerdings Angela Merkel. Ihr Wirken beobachtet er offenbar rund um die Uhr. Keine noch so kleine Bemerkung oder Geste entgeht ihm – und findet daher Eingang in seine Karikaturen. Es ist kein Zufall, dass die Kanzlerin den Umschlag ziert, als Freiheitsstatue, die eine Steintafel trägt, auf der „Wir schaffen das!“ steht. Auch in diesem Jahresband taucht sie alle paar Seiten auf. Mal ganz klein auf einem sehr langen blutroten Teppich, der zu einem riesigen türkischen Premier Erdogan führt, um über das Flüchtlingsproblem zu sprechen; mal ganz groß als Zyklopin, die Griechen verspeist, nachdem Alexis Tsipras ein Referendum über das Schuldenpaket verkündet hat.

Ein geschätzter Kollege meint zwar, dass Sakurais Merkel der echten gar nicht ähnlich sehe. Doch da irrt er. Eigentlich kann man sich Merkel nicht mehr anders vorstellen. Sakurai hat die Essenz der Figur erfasst wie kein anderer Zeichner. Und er gewinnt ihr so viele Facetten ab, dass es nie langweilig wird, diese Karikaturen anzuschauen. Wir können nur hoffen, dass er noch möglichst lange für die Berliner Zeitung zeichnet.

Heiko Sakurai: Neues Land. Cartoons des Jahres. Schaltzeit Verlag, 176 Seiten, 17,90 Euro.