Neues Geld für die Königin des Weglassens

Sie ist eine etwas andere Achtundsechzigerin. Damals, im Jahr des Studentenprotests, legte Jil Sander den Grundstein für ein weltweit operierendes Modeunternehmen. Ganz klein fing die gelernte Textilingenieurin und Modejournalistin an. Um eine Boutique im feinen Hamburg-Pöseldorf eröffnen zu können, verkaufte sie sogar ihr Auto. Weil ihr Laden aber recht schnell eine begehrte Adresse war, wurde Jil Sander mutig. 1973 brachte sie ihre erste eigene Kollektion heraus. Ein Flop. Die Damenkleidung, darunter ungefütterte Blazer, war so schlecht genäht, dass der Einzelhandel die Ware zurückgehen liess. Vielleicht lag es an dieser Erfahrung, dass Jil Sander später als Puristin und Qualitätsfetischistin gerühmt werden sollte, bekannt für gediegene Stoffe und ausgezeichnete Verarbeitung. Der Weg dahin führte 1974 über eine zweite Kollektion. Mit dieser setzte sich Sander durch. 1978 gründete sie die Jil Sander GmbH; schon nach wenigen Jahren zählte sie zu den bekanntesten Modedesignern der Welt. 1989 ging sie mit ihrer Firma an die Börse. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen, das weltweit 50 eigene Boutiquen betreibt und in 250 Verkaufsstellen repräsentiert ist, rund 214 Millionen Mark Umsatz. Das Unternehmen hat 450 Beschäftigte.Dass die Jil Sander AG nun zu 75 Prozent von dem Mailänder Modehaus Prada übernommen wird, dürfte für die Chefin keine leichte Entscheidung gewesen sein. Der Norddeutschen, 1943 als Heidemarie Jiline Sander in der Nähe von Dithmarschen geboren, wird eine gewisse Dickschädeligkeit nachgesagt. Die Selfmade-Frau, die mit ihrem eigenen Gesicht erfolgreich für ihre Produkte warb, ist nicht unbedingt dafür bekannt, gut delegieren zu können. Doch die Asienkrise, das noch schwache Lizenzgeschäft und der hohe Investitionsaufwand für ihre Luxusläden ließen Sander keine andere Wahl für die Expansion musste sie sich einen starken(Fortsetzung Seite 2)Sander, Fortsetzung von Seite 1 ---Partner suchen. Immerhin: Laut ersten Berichten soll Sander Vorstandsvorsitzende bleiben; die Verantwortung für Styling und Design soll weiter bei ihr liegen.Qualität und Eigenständigkeit waren immer Jil Sanders Programm. Ihre Kollektionen, gefertigt aus Wolle, Kaschmir und Seide, werden bis heute nicht in Fernost hergestellt, sondern in Italien und Deutschland. Karg, aber edel; klassisch-klar, aber raffiniert, so wird der Sander-Stil beschrieben, der es in eher schwelgerischen Modephasen nicht ganz einfach hatte. Manche Kritiker empfanden die Entwürfe der "Königin des Weglassens" als schlicht langweilig."Ich mache Mode für die Frau, die sich avantgardistisch lässig kleidet, sich aber dennoch nicht verkleidet fühlen will", so drückte es Sander selbst aus, als sie noch nicht sätzeweise mit englischem Trend-Vokabular ("pureness", "thrill") um sich warf. Ihr großzügiger Umgang mit Anglizismen brachte ihr 1997 eine Rüge des "Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache" ein. Sie spricht dennoch weiter von ihrer "company".Über Jil Sanders Privatleben ist in den üblichen Nachschlagewerken nicht viel zu erfahren. "J. S. ist ledig", schreibt beispielsweise das "Munzinger"-Archiv und fügt an, dass "Golf und Bergwandern sowie das Sammeln von moderner Kunst" ihre Hobbys sind. Sie liebe ihren Garten heißt es anderswo, sie fahre Porsche und Bentley und trage als Schmuck nur Herrenarmbanduhren. Dass Sander lesbisch ist, gilt, wie es so gerne heißt, "als offenes Geheimnis". Ein wirkliches "Coming out" oder ein "Outing" in der Presse gab es aber nie; Sanders Homosexualität wurde niedrigschwellig kommuniziert: Mal ein Foto mit Lebenspartnerin in der "Wirtschaftswoche", mal ein Nebensatz in der "Zeit". Sander selbst sagte dazu, dass sie ihre "private Sphäre" wahren wolle, es gebe "allerdings auch überhaupt nichts, was ich verbergen müsste".Die Modemacherin setzt ihre Person in der Öffentlichkeit ganz anders ein als etwa Karl Lagerfeld oder Wolfgang Joop. Manchmal droht ihre demonstrative Zurückhaltung zum Kult zu werden, was heftige Reaktionen der Konkurrenten provozieren kann. 1997, als Jil Sander ihre erste Herrenkollektion vorstellte, wurde Joop sehr deutlich: "Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Frau Männermode machen will, in deren Firma sich niemand für Männer interessiert. "