Berlin - Als Emmi Zeulner den nächsten Schritt tut, um ihr Versprechen zu erfüllen, sitzt sie im riesigen Anhörungssaal des Bundestags, im Lüders-Haus am Spreebogen. Die junge Abgeordnete ist angespannt, sie hat sich intensiv auf die kommende Stunde vorbereitet.

Die Besuchertribüne ist ungewöhnlich voll: Verbandsvertreter, Presse, aber auch junge Mütter, die sich vom Thema der Anhörung betroffen fühlen: „Zukunft der Hebammen sichern“. Im Internet bewegt die Frage gerade Hunderttausende. Deutschland stehe vor der Weichenstellung, wie seine Kinder künftig zur Welt kommen, heißt es. Für die Abgeordnete Zeulner ist das Thema aus einem weiteren Grund wichtig: Sie hat versprochen, sich darum zu kümmern.

Im Saal sitzen die Gesundheitspolitiker aller Parteien an langen halbrunden Tischen einem Dutzend Sachverständiger gegenüber. Emmi Zeulner ist genau in der Mitte der 18 Fachleute ihrer Fraktion platziert. Bei Anhörungen gibt es keine Hinterbänkler und Spitzenpolitiker, nur fragende Abgeordnete und antwortende Experten. Es geht um Fakten, nicht um Show. Das ist jedenfalls die Theorie. Und an die will sich Emmi Zeulner, 28 und nun seit anderthalb Jahren für die CSU im Gesundheitsausschuss des Bundestages, halten. Weil sie im Wort steht: bei denen, um die es geht.

Hohe Prämien

Als Emmi Zeulner ihr Versprechen zum ersten Mal gab, saß sie mit gut 40 Hebammen aus ihrer fränkischen Heimat im Restaurant Schlossbräu in Thurnau bei Kulmbach. Die Frauen hatten die neue Abgeordnete eingeladen, um ihre Nöte zu schildern: Die Geburtsstationen der Krankenhäuser seien überlastet, zugleich schlössen immer mehr Geburtshäuser. Hausgeburten betreue kaum noch eine von ihnen. Besonders schlimm sei, dass es für sie bald keine Haftpflichtversicherungen mehr gebe. Den Versicherern würden die Regressforderungen bei Geburtsschäden zu teuer. Die Hebammen müssen von diesem Sommer an fast 6 300 Euro Versicherungsprämie im Jahr zahlen, Ende der Neunzigerjahre war es nicht mal ein Zehntel. Das könnten sie sich nicht leisten, klagten die Frauen.

Emmi Zeulner versprach, sich dafür einzusetzen. „Sie hat wirklich den Eindruck gemacht, dass sie uns verstanden hat“, sagt heute Anja Maier, die Kulmbacher Hebamme, die den Termin organisiert und Zeulner auf das Thema gebracht hatte: Maier hatte sie im Wahlkampf angeschrieben. Sie hatte gehört, dass die Kandidatin Krankenschwester ist und sich in der Politik für die medizinische Versorgung auf dem Land stark machen will. Vielleicht würde sie sich ihrer annehmen, dachte sie. Und lag richtig: Das Thema tauchte immer wieder in Zeulners Wahlkampfreden auf. Sie traf Hebammen, erwähnte sie in Interviews. „Es darf nicht dazu kommen“, forderte sie, „dass Hebammen den Kern ihres Berufes – die Geburtsbetreuung – aus finanziellen Gründen nicht mehr ausüben können.“ Das mochten die Medien: Eine junge Frau will in den Gesundheitsausschuss, um die Pflegeberufe retten.

Zugleich machte das Thema Karriere. Die Warnung vor dem Aussterben der Hebammen wurde lauter, Union und SPD versprachen im Koalitionsvertrag Rettung. Der Gesundheitsminister kündigte ein Gesetz an. In Kulmbach schöpfte Anja Maier kurz Hoffnung. Das war vor einem Jahr. Heute ist sie enttäuscht, auch von Emmi Zeulner. „Sie hat versprochen, mit dem Gesundheitsminister zu sprechen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört.“ Maier seufzt. Eine kleine Abgeordnete sei wohl doch machtlos gegen das Gesundheitssystem.

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie Emmi Zeulner im hetzigen Alltag einer Bundestagsabgeordneten ankam.