Der Himmel über dem Lido von Venedig ist dunkel an diesem mediterranen Morgen; aus der Ferne dringt Donnergrollen -man könnte fast glauben, dass der letzte Film der vergangenen Nacht noch kein Ende gefunden hätte. In "Redacted" erzählt der Regisseur Brian De Palma vom Irak-Krieg, von menschlicher Rohheit, die ungehindert wuchert, genährt vom Dauerstress, den der allgegenwärtige Tod erzeugt. US-amerikanischen Soldaten sind hier für einen Kontrollpunkt in Samarra zuständig; sie gehen nicht nur brutal gegen jene Zivilisten vor, die etwa die Warnschilder missachten, weil sie, wie viele Iraker, Analphabeten sind; sie gehen auch aufeinander los, einen Schwächeren gibt es immer, auch im eigenen Lager.Eine hochschwangere Irakerin wird getötet, als deren Bruder sie eilig ins Krankenhaus bringen will, denn erst wird geschossen und danach vielleicht gefragt. Im Suff vergewaltigen und töten zwei Soldaten eine 15-Jährige, verbrennen ihre Leiche und massakrieren ihre Familie. Als das Verbrechen untersucht wird, sagt der eine: Wie bitte, wir dürfen die Iraker erschießen und in die Steinzeit zurückbomben, aber ficken dürfen wir sie nicht? Ihr könnt mich nicht verurteilen, ich kämpfe ja gegen die Terroristen.Das alles ist ebenso furchtbar wie alltäglich, und damit ergibt sich ein grundsätzliches Problem: Wie soll, ja wie darf man heutzutage vom Krieg erzählen - das ist die Frage, mit der Brian De Palma die Zuschauer konfrontiert. Also geht es in "Redacted" nicht allein um Bestialität, sondern mehr noch um die Bilder, die der Krieg produziert. Darf man ihnen trauen? Und bewirken sie überhaupt etwas? Der Film ist als Dokudrama angelegt; auf der Grundlage eines authentischen Falls hat De Palma Dokumente inszeniert: das Videotagebuch eines US-Soldaten, Fernsehnachrichten, Internetbekenntnisse, Überwachungsvideos aus dem Army-Camp, Kriegsreportagen, Videobotschaften einer Ehefrau eines Soldaten, Material von Journalisten, die US-Truppen bei Einsätzen begleiteten.Das alles zeitigt seine Wirkung auf den Zuschauer, und es zeigt zudem den immensen Einfluss von Regisseuren wie Michael Winterbottom oder Michael Moore, die sich ungeniert der Form des Dokudramas bedienen, auf das kritische Kino der Gegenwart. Dokudramen simulieren die Wirklichkeit eindrucksverstärkend, um deren Zusammenhänge anschaulich zu machen; dabei verwischen sie die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung. Schon länger werden TV-Nachrichten dokudramatisch, etwa mit Musik, aufbereitet, und auch De Palma unterlegt seine pseudoauthentischen Bilder mit Barock- und Opernmusik. Ob gerade dieses Genre geeignet ist, hinter die Oberfläche der Bilder zu dringen, ist fraglich.In seiner Streitbarkeit ist "Redacted" aber doch allemal ein interessanter Beitrag in einem Wettbewerb, der schon einige Enttäuschungen parat hielt. Etwa Ang Lees "Lust, Caution". 2005 hatte der Taiwanese mit dem Cowboy-Drama "Brokeback Montain" am Lido den Goldenen Löwen gewonnen. Einen "erotischen Spionagethriller" nennt der Regisseur seinen neuen Film, der zu Beginn der 1940er-Jahre im von den Japanern besetzten Teil Chinas spielt. Auch hier führen Männer einen Krieg, in dem Frauen Objekte sind. Eine schöne junge Chinesin (Kinodebütantin Tang Wei) wird von der Widerstandsbewegung auf einen hochrangigen Kollaborateur (Tony Leung) angesetzt; beide fühlen sich bald stark zueinander hingezogen, was Anlass bietet zu ausgiebiger Lakengymnastik - was ein gelenkiger Körper nicht alles zustande bringt! Doch Thrills wie Erotik fallen schnell der eleganten Kälte zum Opfer, mit der Ang Lee hier eine sadomasochistische Beziehung erforschen will.Auch "Sleuth" zeigt zwei Männer in einem - privaten - Krieg, dessen Anlass mehr und mehr vergessen wird: die sexuelle Konkurrenz um eine Frau, die nur symbolisch im Gespräch der Rivalen anwesend ist. Kenneth Branaghs neue Regiearbeit ist das Remake der Verfilmung eines Bühnenstücks von Anthony Shaffer; es ist ein prätentiös mathematisches Kammerspiel, zu dem der Nobel-Preisträger Harold Pinter das Drehbuch schrieb, aber auch die Tour de Force eines großartigen Schauspielers: Als alternder Bestsellerautor ist Michael Caine mit seinem noblen Minimalismus dem herumhampelnden Jude Law unvergleichlich überlegen.Das sind die Glücksmomente, die einem so ein Festival schenkt - das Bewusstsein, etwas ganz Besonderes zu sehen, eine herausragende Leistung eben. Und manchmal gibt es obendrauf einen Film, der seinen ganz eigenen Rhythmus findet noch im Rahmen eines schwierigen Gegenstands und verwickelten Plots. So ein außergewöhnlicher Film ist "Michael Clayton", das Regiedebüt des Drehbuchautors Tony Gilroy: ein hinreißender Thriller, aber auch das Porträt eines Angestellten, der sich in einer entfremdeten Arbeitswelt verbraucht.Sicheren Schritts auf dem Weg zum Charakterdarsteller spielt George Clooney den Rechtsanwalt Clayton, der in einer New Yorker Nobelkanzlei dafür zuständig ist, nebenher anfallenden Dreck zu beseitigen. Clayton muss sich darum kümmern, wenn die reichen Klienten Fahrerflucht begehen oder ihre Frauen in Luxuskaufhäusern klauen; er ist der Schadensbegrenzer, selbst nennt er sich Hausmeister. Sein Gesicht ist mit den Jahren grau geworden; stumm erleidet Clayton die Wutausbrüche und Beleidigungen seiner Kunden. Clooney spielt einen Mann, der am Ende aller Lebensmöglichkeiten angelangt scheint: durch Spielsucht und ein Pleite gegangenes Restaurant hoch verschuldet, geschieden, frustriert.Das alles wird beiläufig abgehandelt, impressionistisch: als Alltag eines Menschen, der in seinem Unabhängigkeitsbemühen gescheitert ist, aber irgendwie weitermachen muss. Seit 17 Jahren arbeitet Clayton nun schon bei "Kenner, Bach & Ledeen", ohne je Partner des Kanzleichefs Marty (Sydney Pollack) geworden zu sein, der ohne ihn indes nicht auskommt. Erst recht nicht, als Staranwalt Arthur Eden durchzudrehen scheint und gegen die Chemiefirma U/North ermitteln will, die er doch vertreten soll - und deren Düngemittel Krebs verursachen. Nach Arthurs plötzlichem Tod ermittelt Clayton auf eigene Faust gegen einen weiteren Hausmeister: die U/North-Anwältin Karen (Tilda Swinton).Überwachungskameras, Telefone, Computerdaten, Akten: Fast jeder Wettbewerbsbeitrag der vergangenen Tage rückte die Informations- und Bilderproduktion sowie ihre Deutung und auch die Arten, auf die wir kommunizieren, selbst ins Bild. Gilroy beginnt seinen Film mit einer langen Kamerafahrt durch die nächtlichen Räume der Kanzlei, wo der Reinigungsdienst seinen Putzwagen über den Teppich schiebt. Er endet mit einem minutenlangen Blick auf das Gesicht von George Clooney in einem Taxi: Es ist das Gesicht eines Überlebenden in einem alltäglichen Krieg.------------------------------In "Redacted" geht es nicht allein um Bestialität, sondern mehr noch um die Bilder, die der Krieg produziert.------------------------------Foto: Einer muss schließlich den Dreck wegschaffen: George Clooney als frustrierter Rechtsanwalt Michael Clayton.