Ayline Guler ist ein lebensfroher, wissbegieriger Mensch und erfüllt damit schon einige Voraussetzungen, die man als Brunnenkiezmutter braucht. Die 40-jährige Armenierin wurde in der Türkei geboren, lebte zeitweise in Frankreich und kam 1986 nach Deutschland. Nun möchte sie Familien mit Migrationshintergrund unterstützen, aus der Isolation herauszukommen, indem sie diese mit ihrer Erfahrung berät. "An erster Stelle geht es uns um die Kinder", sagt Guler, alleinerziehende Mutter von drei Kindern.Ab Juni wird sie im Brunnenviertel unterwegs sein und mit ihr neun andere Frauen. Die roten Taschen mit dem schwarzen Schriftzug "Brunnenkiezmütter" sind noch leer, aber bald werden sie zahlreiche Informationsbroschüren und Arbeitsmaterialien aufnehmen."Wir möchten dazu beitragen, den Eltern die Augen zu öffnen und ihnen zeigen, wie wichtig Bildung und Integration sind", sagt Guler. Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in der Sprachförderung und im Bildungsbereich. Aber auch in Fragen der Ernährung, der Kindesentwicklung und der häuslichen Gewalt werden die Frauen den Eltern zur Seite stehen. Zuvor aber werden sie geschult. Nach der sechsmonatigen Ausbildung bieten die Kiezmütter ihre Hilfe vor Ort an, bei maximal zehn Hausbesuchen pro Familie und in Sprechstunden. Ayline Guler, die außer Deutsch auch Französisch und Türkisch fließend spricht, genießt die Schulung für ihre künftige Tätigkeit, die ihr, wie sie sagt, viele Erweiterungsmöglichkeiten bietet. Auch das Klima unter den Kiezmüttern sei gut. Es würde Toleranz geübt, einige tragen Kopftuch und andere nicht, so Guler.20 000 Menschen leben im Brunnenviertel. Das Stadtteilmanagement berichtet, dass die Arbeitslosenquote mehr als 20 Prozent beträgt. Fast zwei Drittel der Bewohner haben einen Migrationshintergrund. "Eine große Aufgabe des Bezirks ist die Herstellung von Chancengleichheit", sagt Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD). "Doch die besteht im Wedding noch nicht, wie Schulabschlüsse, Tests und die Position im Berliner Sozialatlas zeigen." Rund 90 Prozent der Schüler der Gustav-Falke-Grundschule haben ausländische Wurzeln. Bildungsbewusste Eltern schicken ihre Kinder bereits auf Schulen in den umliegenden Gebieten, um die deutsche Sprachförderung zu gewährleisten, so die Quartiersmanager. Das Viertel ist ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Nationalitäten. Dieses kulturelle Miteinander bringt trotz vieler Vorteile auch spezifische Probleme, denen man sich mit Projekten wie den Kiezmüttern zu nähern versucht.Eine umfangreiche Vernetzung im Viertel und ein gewisses Bildungsbewusstsein sind Voraussetzung, um Brunnenkiezmutter zu werden. Auch die Sprachkenntnisse wurden zuvor in Gesprächen getestet. Viele der Frauen zwischen 20 und 43 sind arbeitssuchend. "Sie sehen diese Arbeit auch als eine Möglichkeit, wieder in das Berufsleben einzusteigen," sagt Heike Baake von der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen (GFBM), die gemeinsam mit dem Pfefferwerk Stadtkultur Trägerin des Projektes ist. "Wir haben schon Kontakt zum Job-Center aufgenommen, um die Stellen eventuell als eine Maßnahme zu etablieren", sagt Baake. Mit dem Beginn der Hausbesuche sollen die Mütter eine Aufwandsentschädigung von hundert Euro pro Monat bekommen. Insgesamt hat das Projekt, das über das Quartiersmanagement Brunnenviertel-Ackerstraße gefördert wird, ein Budget von 54 000 Euro.Angeregt wurde es durch den Erfolg der Neuköllner Stadtteilmütter, die es seit 2004 gibt. "Wir betrachten sie als große Schwestern", sagt Heike Baake. Es sei positiv, aus ihren Erfahrungen lernen zu können. Inhaltlich soll es fast keine Unterschiede geben, nur die Finanzierung erfolge anders. "Außerdem ist unsere Projektbreite viel geringer", erklärt Baake. "Wir sehen es als kleines Pilotprojekt für ganz Mitte." Bis Ende 2010 können sich die Kiezmütter nun beweisen, dann muss über eine Weiterführung entschieden werden.------------------------------Foto: Eine von zehn: Ayline Guler ist demnächst Brunnenkiezmutter.