NÜRNBERG. Am 6. April dieses Jahres saß Halit Yozgat fünf Minuten vor 17 Uhr an der Kasse seines Internet-Cafés. Es liegt in der Holländischen Straße in Kassel, nur hundert Meter von der Polizeidirektion der Stadt entfernt. Jemand kam herein, zog eine Ceska-Pistole, Modell 83, Kaliber 7,65 mm, schoss dem 21-Jährigen zweimal in den Kopf und verschwand. Fünf Minuten später war Yozgats Vater Ismail da. Er wollte seinen Sohn ablösen, der zur Abendschule musste. Ismail Yozgat fand seinen Sohn auf dem Boden. Er lag im Sterben. Schnell war klar, dass dies der neunte Fall ist. Der bisher letzte in der größten Mordserie der bundesdeutschen Kriminalgeschichte.Im September 2000 wird ein türkischer Blumenhändler an seinem mobilen Stand in Nürnberg erschossen. Zehn Monate später findet man in Nürnberg den Inhaber einer türkischen Änderungsschneiderei tot in seinem Laden. Vierzehn Tage danach trifft es den Obst-und Gemüsehändler Süleyman Tasköprü in Hamburg und zwei Monate darauf den Obst-und Gemüsehändler Habil Kilic in München. Dann ist dreieinhalb Jahre Pause. 2004 geht es weiter. Der Verkäufer eines Döner-Standes in Rostock wird erschossen, ein Dönerbudenbesitzer in Nürnberg, der Inhaber eines Schlüsseldienstes in München und, zwei Tage vor Halit Yozgat, ein Kioskbesitzer in Dortmund.Die Opfer sind alle Türken oder Deutsche mit türkischer Herkunft, bis auf Theodorus Boulgarides, der das siebte Opfer und Grieche war. Alle wurden mit derselben Waffe getötet, alle waren Kleinunternehmer und alle wurden zu den Geschäftszeiten in ihren Läden erschossen. Am 9. Juni 2005, unmittelbar nach dem sechsten Mord in Nürnberg, wollen Passanten zwei Täter gesehen haben. Sie beobachteten zwei Männer auf Fahrrädern, die sie in einen Van luden. Wegen der zeitlichen Abläufe glaubt die Polizei, dass es die Mörder waren. Eine Spur von ihnen gibt es aber nicht.Das Internet-Café in der Kasseler Holländischen Straße ist jetzt geschlossen. Innen ist eine große, schwarze Plane am Schaufenster befestigt, damit man nicht hineinsehen kann. Draußen hängt ein Zettel an der Scheibe: "Tele-und Internet-Café sofort zu verkaufen." Darunter steht die Handynummer von Ismail Yozgat, dem Vater des letzten Opfers. Ein paar hundert Meter weiter liegen die Räume des türkischen Kulturvereins. Halit war Vereinsmitglied und sein Vater ist es immer noch. In den siebziger Jahren war er aus dem anatolischen Dorf Külekci nach Deutschland gekommen.Ein paar Jahre später kam Mehmet Demircan, der heute den Verein leitet, nach Deutschland. Demircan ist 42, ein kräftiger Mann mit dunklem Schnauzbart und als Kraftfahrzeugtechniker bei VW beschäftigt. Er ist mit Ismail Yozgat befreundet. Er sagt, dass der Freund noch immer unter Schock steht. Demircan denkt, dass es bei den Morden um Ausländerhass geht. "Die deutsche Regierung traut sich bloß nicht, das zuzugeben."Im Mai hat der Kulturverein in Kassel einen Schweigemarsch zum Rathaus organisiert. Fast viertausend Leute waren gekommen, Vertreter der politischen Parteien, der beiden Kirchen, der Jüdischen Gemeinde. Sie wollten an den jungen Mann aus ihrer Mitte erinnern und öffentlich fordern, dass der oder die Mörder endlich gefunden werden müssen. Es geht ihnen nicht nur um eine Bestrafung. "Die Mörder sind immer noch unter uns", sagt Mehmet Demircan, "und unsere Freunde und Bekannte, darunter viele kleine Geschäftsleute, haben Angst." Sie fragen sich, wann es einen neuen Toten geben wird.Ein wenig weiter nach Süden, zwei Stunden mit dem Zug, von Kassel aus gesehen, laufen die Fäden zusammen. Es gibt Sonderkommissionen in Rostock, Dortmund, München und Kassel, aber in Nürnberg arbeitet die sogenannte Besondere Aufbauorganisation (BAO) "Bosporus". So eine Einheit wird immer dann formiert, wenn außergewöhnliche Dinge geschehen sind. Die BAO koordiniert die Ermittlungen in ganz Deutschland, sammelt alle Informationen und hält die Verbindung zur Generalsicherheitsdirektion Ankara, Direktion für organisierte Kriminalität. Auch in der Türkei gibt es Leute, die sich nur mit dieser Mordserie befassen. In Deutschland sind es insgesamt 150 Kriminalisten.Ihr Chef ist Wolfgang Geier, Leitender Kriminaldirektor im Polizeipräsidium Mittelfranken. Er ist ein Mann Anfang fünfzig und so entspannt und freundlich, dass man sich als Straftäter keinen anderen Vernehmer wünschen würde. Aber vielleicht täuscht das auch. Geier sagt, dass sie nicht viel in der Hand haben. Sie wissen, dass alle neun Opfer mit derselben Waffe erschossen wurden. Alle waren Kleingewerbetreibende und alle wurden tagsüber in ihren Geschäften ermordet. "Nach außen hin waren das anscheinend brave Geschäftsleute ohne Reichtümer", sagt Wolfgang Geier. Bei keinem der Opfer konnten bisher Verbindungen zu anderen Getöteten hergestellt werden. Und in keinem Fall ist ein Motiv erkennbar. Geier ist jetzt dreißig Jahre in dem Geschäft und hat schon viele Verbrecher verhaftet, aber er hat es noch nie erlebt, dass man auf kein Motiv kommt und dass es am Tatort keine Spuren gibt. Es gibt auch keinen zeitlichen Rhythmus, keine Systematik. Er sagt es jetzt zum x-ten Mal, dass eine solche Serie einmalig ist, in Deutschland, in Europa, in der Türkei.Was Wolfgang Geier an diesem Tag nicht sagt, ist, dass bereits am 21. April ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes festgenommen wurde. Zwei Wochen nach dem Mord an Halit Yozgat. Der Mann wurde verhört und nach einem Tag wieder freigelassen, weil es keinen dringenden Tatverdacht gab. Trotzdem ist er der einzige Verdächtige in dem Fall. Und er hat offenbar zugegeben, kurz vor der Tat in Kassel in dem Internet-Café der Familie Yozgat gewesen zu sein. Der Mann behauptet allerdings, eine Minute vor dem Mord das Café verlassen zu haben. Die Polizei glaubt, dass der Mörder bei allen Taten durch eine Plastiktüte geschossen hat, um die Patronenhülsen nicht zu verlieren. Ein Zeuge in Kassel will gesehen haben, wie der Verfassungsschützer mit einer Tüte in den Laden ging. Außerdem stellten die Fahnder in der Wohnung des Mannes ein Buch über Serienmorde sicher.All das wurde erst an diesem Freitag durch einen Bericht der Bild-Zeitung bekannt. Warum hat Wolfgang Geier in dem Gespräch kurze Zeit davor nichts von dem Verdächtigen erzählt? Wollte er die Ermittlungen nicht gefährden? Traut er der Spur nicht? Die Kasseler Staatsanwaltschaft teilt am Freitag mit, dass die Beweise nicht ausreichen für einen Haftbefehl. Ist es wieder eine Fährte, die ins Nichts läuft?Seit sechs Jahren verfolgen Wolfgang Geier und seine Leute zwei Ermittlungshypothesen. Die erste besagt, dass die Opfer Mitglieder einer kriminellen Organisation waren, die einen Fehler gemacht haben und dafür bestraft wurden. Bei einem der Toten wurden sogenannte Rauschgiftanhaftungen gefunden, aber die kann man sich auch in der Straßenbahn holen. Das Hamburger Opfer hatte Verbindungen zum Rotlichtmilieu. Im zweiten Szenario gehen die Kriminalisten nicht von einer Organisation aus, sondern davon, dass es neun unterschiedliche Motive gibt. Geier versteht nur nicht, warum bisher kein einziges Motiv sichtbar geworden ist.Sie denken über die Handschrift der Morde nach und darüber, ob es eine Art Botschaft gibt. "Wir erleben hier eine große Dreistigkeit", sagt Wolfgang Geier. "Der oder die Täter mussten doch damit rechnen, dass jemand bei der Tatausführung in das jeweilige Geschäft kommt. Wollen sie uns sagen, dass wir sie sowieso nicht erwischen werden? Und wenn es nicht immer die gleiche Pistole wäre - wüssten wir dann überhaupt, dass die Fälle zusammen gehören?" Wahrscheinlich wüssten sie das nicht.In der Besonderen Aufbauorganisation in Nürnberg gibt es einen Raum, der mit Ordnern vollgestellt ist. Hier werden die neun Fälle dokumentiert. Seit einiger Zeit haben sich die Kriminalisten vom Papier verabschiedet, weil die Ermittlungen zu umfangreich geworden sind. Geier sagt, dass sie inzwischen ein Datenvolumen von zweifacher Gigabyte-Größe haben. Sie haben 5 500 Spuren verfolgt, von denen jede einzelne aus sehr vielen Daten besteht. Sie haben zwölf Millionen Telefonate überprüft und fast genau so viele Kontenbewegungen, aber der Abstand zu den Tätern ist so groß wie am Anfang.Zur Zeit werten die Fahnder die Bewegungsmuster des Verfassungsschützers aus. Sie wollen herausbekommen, ob der Mann zum Zeitpunkt der anderen acht Morde in der Nähe der Tatorte war. Tankquittungen, Kreditkartenabrechnungen, Bahntickets und Fahrtenbücher werden ausgewertet. Überwachungsbilder von Bahnhöfen, Tankstellen und Flughäfen werden gesichtet. Es kann Monate dauern, bis man weiß, ob der Verdächtige der Täter ist, oder ob wieder alles nur vergebliche Mühe war.Weil der Fall so beispiellos ist, gibt es kaum Erfahrungswerte, auf die man zurückgreifen kann. Das sagt Stephan Harbort, Kriminalhauptkommissar in Düsseldorf, der sich seit fünfzehn Jahren mit dem Thema Serienmord beschäftigt. Anhand der Gerichtsakten hat er alle Serienmorde seit dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik und der DDR untersucht und in wissenschaftlichen Studien ausgewertet. Harbort sagt, dass man nicht weiterkommt, solange das Motiv des Täters unklar ist.Er sieht verschiedene Dinge, mit denen man trotzdem weiterkommen kann. Dass es gerade diese Opfer getroffen hat, ist für ihn kein Zufall. "Die Tatorte sind über das ganze Land verstreut, und das ist bestimmt auch kein Zufall. Wenn es nur darum geht, Ausländer einer bestimmten Nationalität zu töten, muss man nicht das ganze Land bereisen." Aber er kommt auch nur zu einer Schlussfolgerung, die vorerst zu nichts führt. Stephan Harbort denkt, dass der oder die Täter nicht geisteskrank sind, sondern planmäßig, selbstsicher, spurenarm und kaltblütig handeln. Wahrscheinlich, denkt er, sind sie Mitglieder einer kriminellen Vereinigung.Der Ermittlungsleiter Wolfgang Geier denkt, dass den Kriminalisten bei den Befragungen nicht immer die Wahrheit gesagt wird. Oder nicht die ganze Wahrheit. "Ich denke an Bekannte, Freunde und Verwandte der Opfer. Und ich bin mir nicht sicher, ob sie uns nichts sagen können oder nichts sagen wollen. Von dieser Seite kamen jedenfalls keine wichtigen Hinweise." Er spricht von einer Parallelwelt, in die er da geblickt hat und in der es kein Vertrauen zu den Behörden gebe.Allein in Nürnberg sind die Beamten auf über 500 Kleingewerbetreibende zugegangen, nachdem sich auf einen entsprechenden Aufruf der Polizei fast niemand von ihnen gemeldet hatte. Herausgekommen ist auch dabei nichts. Außer der Mutmaßung, dass die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) hinter den Morden steckt. Aber die Kollegen in der Türkei sagen, dass dies nicht die Handschrift der PKK ist.Wolfgang Geier hätte gern einen roten Faden, aber den gibt es nicht. Vielleicht bringt ihn der Verfassungsschützer weiter, vielleicht auch nicht. Vor einiger Zeit haben sie die Belohnung für Hinweise von 30 000 auf 300 000 Euro erhöht. Sie haben gehofft, dass sich selbst in kriminellen Organisationen jemand findet, der bei einer solchen Summe schwach wird. Aber es blieb still. Der Fall bleibt ein Rätsel.------------------------------"Was gegen den Mann vom Verfassungsschutz spricht, ist, dass er in der tatkritischen Zeit am Tatort war. Aber die Verdachtsstufe ist gering." Hans-Manfred Jung, Oberstaatsanwalt------------------------------Foto: Mai 2006. Schweigemarsch in Kassel für acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer, die Opfer eines Serienmörders wurden.