MIAMI, 9. Februar. Die deutsche Fußball-Nationalelf kehrt sieglos aus den USA zurück: Die Mannschaft von Teamchef Erich Ribbeck beendete ihre Amerika-Reise mit einem 3:3 (1:1) gegen Kolumbien und kann sich insbesondere bei Oliver Neuville und dem Herthaner Michael Preetz bedanken, nicht auch das zweite Spiel in Folge verloren zu haben."Vorsicht! Heute wieder Länderspiel", hatte am Dienstag ein großes Boulevardblatt ebenso fürsorglich wie opportunistisch getitelt. Das Zentralorgan des deutschen Fußballfreundes vermittelte damit den Eindruck, daß die Darbietungen der Nationalelf nur noch mit Risiken und Nebenwirkungen wie etwa Hautausschlag und Übelkeit anzusehen seien.Anfangs ging es gut: Lothar Matthäus, Marco Rehmer und der neu ins Team gerückte Christian Wörns spielten in der Abwehr zunächst engagierter als beim 0:3 gegen die USA. Im Angriff war das Spiel mit dem Debütanten Marco Reich und Neuville auf den Flügeln sowie Preetz in der Mitte weitaus variantenreicher. Dazu machte es Kolumbiens Auswahl machte es den Deutschen leicht: Sie ist nicht mehr das ambitionierte Team des Carlos Valderrama, der über Jahre hinweg mit ausladender Mähne die Kommandos gab. Der Spielmacher verabschiedete sich nach der WM in Frankreich und lästert nun von seinem Arbeitsplatz, Miami, über seine Nachfolger; in der Mehrzahl sind es Namenlose. So ist Stürmer Faustino Asprilla, Angestellter des AC Parma, wichtigste Autorität in der Elf von Trainer Javier Alvarez und erste Anspielstation. Derart ausrechenbar war das Spiel der Kolumbianer leicht zu bremsen.Bis zur 26. Minute: Torwart Oscar Cordoba schlug den Ball weit nach links auf Zambrano, der ließ Wörns stehen, paßte steil auf Morantes, der quer auf Asprilla, und es stand 0:1. Von da an, und bis zum Schlußpfiff, wurde erneut deutlich, daß Ribbecks Elf die größten Probleme in der Abwehr plagen. Rehmer, Wörns und Markus Babbel verloren gegen Asprilla und Morantes die Orientierung, Libero Matthäus spielte zu weit vorne und schien manches Mal zu müde, um zurückzulaufen. So mußte Offensivkraft Neuville mehrmals in der Abwehr klären.Der Stürmer aus Rostock war es auch, der am Resultat arbeitete. In Minute 33 drang er in den Strafraum ein und paßte den Ball auf Preetz, der ihn aus Kurzdistanz ins Tor drückte. Es war auch Neuville, der die Urheberrechte am 2:1 reklamieren durfte. Nach 55 Minuten schlug er eine Flanke, Preetz stieg auf und hielt den Kopf hin.Neuville erfüllte als Antreiber im Orange-Bowl-Stadium von Miami jenen Job, der eigentlich Andreas Möller aufgetragen war. Dabei waren die Bedingungen günstig für den Dortmunder: Kurz vor der Halbzeit hatte Alexander Lemus den Referee beschimpft und Gelb-Rot gesehen, von da an hätte Möller Platz genug gehabt.Doch der nutzte die Räume nicht, was einer der Gründe war, wieso die deutsche Elf das Spiel trotz der Führung nicht in den Griff bekam. Es waren die Kolumbianer, die wie in Überzahl agierten und in Minute 68 zweifelhaften Lohn erhielten: Bermudez flog einer Schwalbe gleich über den eingewechselten Keeper Jens Lehmann hinweg, Schiedsrichter Hall gab Strafstoß, den Asprilla zum 2:2 verwandelte. Auch das 3:2 durch Marco Bode nach Vorarbeit von Preetz hatte nur kurze Gültigkeit. Elf Minuten vor dem Schlußpfiff köpfte Verteidiger Ivan Cordoba einen Freistoß von, natürlich, Asprilla ins Netz.Ein Remis und eine Niederlage die Handlungsreisenden in Sachen Fußball hatten sich von ihrer Reise in die USA mehr erhofft. Welche Frustrationen ihre Auftritte in der Heimat auslösten, haben sie in Miami nicht ganz mitbekommen. In Stuttgart ließ der Hauptsponsor (Daimler-Chrysler) die Sorge kundzutun, daß "solche Auftritte auch das Ansehen des Werbepartners" schädigen, und der Bund der Steuerzahler schalt die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, kein Steuergeld mehr zu verschwenden für TV-Rechte an Länderspielen.Jenseits des Atlantiks haben sie diese Wut in voller Wucht nicht mitbekommen. Sie sollten der Kontinentalverschiebung danken.

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