Calais - Ein nach dem Untergang eines Migrantenbootes im Ärmelkanal in der Nacht festgenommener mutmaßlicher Schleuser kam aus Deutschland. „Der Schleuser, den wir heute Nacht festgenommen haben, hatte deutsche Kennzeichen“, sagte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin am Donnerstag im RTL-Fernsehen. „Er hat diese Schlauchboote in Deutschland gekauft.“ Generell stammten etliche der von Schleusern an der Kanalküste eingesetzten Boote aus der Bundesrepublik. „Die Schleuser kaufen diese Schlauchboote in Deutschland mit Bargeld.“

Bei dem Unglück mit dem Flüchtlingsboot im Ärmelkanal waren am Mittwoch mindestens 27 Menschen ums Leben gekommen. Es handelte sich nach Angaben der Polizei um ein Schlauchboot, aus dem die Luft entwich. Es hatte in Dünkirchen abgelegt.

Nur zwei Menschen überlebten das Unglück

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Lille handelt es sich bei den Opfern um 17 Männer, sieben Frauen und drei junge Menschen, zu deren Geschlecht und Alter es keine Informationen gab. Zwei Männer, einer aus Somalia und einer aus dem Irak, haben das Unglück überlebt. Sie waren stark unterkühlt, aber schweben nicht in Lebensgefahr.

Noch am Abend wurden vier mutmaßlich beteiligte Schleuser festgenommen, ein fünfter dann in der Nacht, wie Darmanin sagte. Erst vor einer Woche hatte die niederländische Polizei einen aus Deutschland kommenden mutmaßlichen Schleuser auf der Autobahn Richtung Frankreich gestoppt.

Trotz des Unglücks versuchten in der Nacht zu Donnerstag erneut 70 Migranten die Überfahrt von Frankreich nach Großbritannien. „Ich werde es immer wieder versuchen, ich habe keine Wahl“, sagte ein 30 Jahre alter Somalier, der die Überfahrt nicht geschafft hatte. „Ich weiß, dass es gefährlich ist, und dass ich meine Leben riskiere.“

„Der Ärmelkanal wird allmählich zu einem Friedhof“

Kapitän Charles Devos von der französischen Seenotrettung (SNSM) sprach von einem „schockierenden“ Drama. „Wir trafen auf ein Schlauchboot, aus dem die Luft entwichen war. Die wenige Luft, die es noch hatte, hielt es über Wasser“, berichtete er nach dem Einsatz.

„Der Ärmelkanal wird allmählich zu einem Friedhof, so wie das Mittelmeer“, sagte Pierre Roques von der Hilfsorganisation L'Auberge des Migrants.

Nach Angaben der zuständigen Präfektur versuchten seit Jahresbeginn 31.500 Flüchtlinge, von Frankreich über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu kommen. Die Zahl hat sich seit August verdoppelt. Rund 7800 Menschen wurden aus Seenot gerettet. Insgesamt starben bei der Fahrt über den Ärmelkanal in diesem Jahr bislang mindestens 34 Menschen oder gelten als vermisst. Nach britischen Angaben sind seit Jahresbeginn etwa 25.700 Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gekommen.