Der 9. Mai in Berlin: Das Wichtigste in Kürze

  • Am 9. Mai feiern die Russen den „Tag des Sieges“ über Nazideutschland.
  • Wegen des Kriegs in der Ukraine bereitet sich die Polizei Berlin auf Auseinandersetzungen vor. 1800 Polizisten sind in Berlin im Einsatz.
  • Rund 500 Menschen sind zum Brandenburg Tor gekommen, 200 in den Treptower Park. Unsere Reporter schätzen vor Ort viel mehr Menschen.
  • Das Zeigen von ukrainischen und russischen Fahnen an den Sowjetischen Ehrenmalen ist auch am 9. Mai verboten.
  • Die CDU Berlin will gegen das Fahnenverbot klagen.
  • Die prorussische Motorrad-Gruppe „Die Nachtwölfe“ ist in Berlin eingetroffen, aber offenbar in kleiner Besetzung.

Musik und Widerstand gegen die Weltkriegsgefahr

Ehrenmal am Treptower Park, 18.28 Uhr: Am Eingang des Geländes spielt eine Band von der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD). Ein Publikum haben sie nicht wirklich. Vereinzelt stehen einige Parteigenossinnen und -genossen mit dabei. Im Hintergrund halten zwei von ihnen ein Transparent hoch, auf dem sie zum „aktiven Widerstand gegen die Weltkriegsgefahr“ aufrufen.

Nachdem sie „Zum großen Krieg der Räuber sagen wir nein“, eingestimmt hatten, singen sie nun „ein letztes Einheitsfrontslied“. Ein Mann mit der Slowenien-Flagge singt von der Wiese gegenüber mit. Es geht hier eindeutig dem Ende entgegen.

Maria Häußler
Eine Band der MLPD musiziert am Abend vor dem Ehrenmal.

Sowjetische Volkslieder vor dem Ehrenmal

Ehrenmal am Treptower Park, 17.50 Uhr: Eine Gruppe von etwa 50 Menschen singt unermüdlich am Rand des Ehrenmals russische Lieder. Ein Mann spielt Gitarre. Es läuft wieder und wieder „Katjuscha“, es wird geklatscht, getanzt. Kriegslieder sind heute verboten, aber ist das eins? Eine junge Frau posiert mit Uniformmütze (eigentlich heute verboten), St-Georgs-Bändchen (verboten) am Kleid für Fotos. Von der Polizei ist weit und breit nichts zu sehen.

Politische Diskussionen über die Ukraine

Ehrenmal am Treptower Park, 17.32 Uhr: Eine Frau mit roten Blumen in der Hand sagt zu einem Mann auf Russisch, dass die Ukraine zu Russland gehört. „Wir gehören doch alle zusammen“. Taras Siakerka übersetzt für unsere Reporterin und sagt, dass es heute vergleichsweise ruhig zugeht. Sonst sei der 9. Mai ein großes Besäufnis. Vielleicht liegt es daran, weil der Tag in diesem Jahr auf einen Montag fällt.

Maria Häußler
Auf dem Gelände des Ehrenmals in Treptow haben sich einige Russen zum Singen versammelt.

Polizei zieht positive Bilanz

Stadtweit, 16.55 Uhr: Die Polizei spricht von einer „positiven Bilanz“: „Die Einsatzkräfte konnten im ganzen Stadtgebiet ein würdevolles Gedenken gewährleisten“, sagte Polizeisprecherin Anja Dierschke. An den Stellen, wo es zu verbalen Provokationen zwischen Ukrainern und Russen kam, hätte die Polizei schnell eingegriffen. „Wir mussten zum Teil mehrere Gruppen voneinander trennen. Es gab auch vereinzelt vorläufige Festnahmen. Das Emotionalste war, den Menschen zu erklären, warum es zum Beispiel die Fahnenverbote gibt“, so die Sprecherin. Derzeit seien vor allem noch Privatpersonen unterwegs. Die Lage ist mittlerweile ziemlich ruhig überall.

Rede zur Entnazifizierung

Ehrenmal am Treptower Park, 16.43 Uhr: Ein Mann hält eine Rede zur Entnazifizierung. Eine Frau erklärt unserer Reporterin, was er uns sagen will: Deutschland habe nie eine richtige Verfassung bekommen und sei immer noch von den USA besetzt. Er habe ja recht, meint sie. „Die Sowjetunion als solches war ein Gegengewicht zu den USA. Gäbe es die Sowjetunion noch, wäre es friedlicher“, sagt Titi, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte.

Polizei zieht einige Einsatzkräfte ab

Tiergarten, 16.15 Uhr: Die Polizei hat inzwischen am Ehrenmal in Tiergarten die Hälfte ihrer Kräfte abgezogen. Auf der Mahnwache gegenüber singt eine ukrainische Künstlerin.

Immer wieder Verstöße gegen das Fahnenverbot

Sowjetisches Ehrenmal Treptow, 15.48 Uhr: Immer wieder geht’s los mit den Fahnen. Rote Flagge mit Hammer und Sichel, Moldawien, Russland, DDR. Polizei reagiert sofort. Die Menge skandiert wieder „Rossija, Rossija“ (und einzeln auch „Putin“). Auch zwischen dem Reichstag und dem Brandenburger Tor sind Menschen mit russischen Fahnen unterwegs.

Elizabeth Rushton
Prorussische Anhänger verstoßen gegen das Fahnenverbot.

Ukrainischer Reporter angegriffen

Treptower Park, 15.41 Uhr: Ein Ukrainer erzählt unserer Reporterin im Treptower Park, dass ein Journalist des ukrainischen Senders „1+1“ angeblich heute Morgen im Park angegriffen wurde, als er einen Beitrag drehen wollte. Tatsächlich gibt es Meldungen darüber. Ein unabhängiger Osteuropa-Experte meldet auf Twitter: „Ein prorussischer Mob hat ein ukrainisches Fernsehteam an einem sowjetischen Kriegsdenkmal in Berlin angegriffen und verprügelt. Die Berliner Polizei war nicht in der Lage, die Journalisten zu schützen, so ein Zeuge. Gestern ging die Berliner Polizei auf friedliche Ukrainer los, die des Zweiten Weltkriegs gedachten – und entfernte ihre Fahnen.“

„Nachtwölfe“ legen am Ehrenmal im Tiergarten Blumen ab

Tiergarten, 15.25 Uhr: Einige russische Rocker haben am Ehrenmal im Tiergarten den gefallenen Soldaten gedacht. Viele weitere Mitglieder seien noch auf Anfahrt. Sie hängen laut Polizei an der Stadtgrenze fest, wo sie von Einsatzkräften überprüft werden. 15 „Nachtwölfe“ sitzen noch immer in Dreilinden fest. Dort kontrolliert die Polizei ihre Maschinen. Die Gruppe gilt als Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Andreas Kopietz
Mitglieder der Rockergruppe „Nachtwölfe“ legen am Ehrenmal im Tiergarten Blumen nieder.

Polizei: Geben den Menschen „gewissen Spielraum“

Ehrenmal am Treptower Park, 15.06 Uhr: Zwei Polizistinnen am Rande des Treptower Parks haben gesagt, sie haben keine Anweisung, einzugreifen, wenn Kriegslieder gesungen werden – dieses wurde aber in der Polizeimeldung von letzter Woche im Zusammenhang mit dem Gelände der sowjetischen Denkmäler als verboten aufgeführt. Im Hintergrund wird „Katjuscha“ gesungen, eine Polizistin sagt, es gibt Dolmetscher für die Polizei, die im Park unterwegs sind und die aufmerksam machen werden, falls es zu einem Verstoß kommt – „wo auch immer sie aber jetzt sind“, sagte die Polizistin. Ihre Kollegin sagt, die Polizei benimmt sich bewusst zurückhaltend: „Wir wollen mal abwarten, mal sehen, dass es friedlich bleibt. Wir geben den Menschen einen gewissen Spielraum.“


Zufall oder nicht? Die Fahne Sloweniens sieht der russischen sehr ähnlich

Ehrenmal am Treptower Park, 14.50 Uhr: Roland Pucher aus Österreich hat die slowenische Fahne mitgebracht, mit ihren Rot-Weiß-Blauen Streifen sieht sie der russischen Fahne sehr ähnlich. „Auch Slowenien hat mit General Tito gegen die Nationalsozialisten gekämpft“, sagt er. „Der 8. Mai ist auch in Slowenien ein Feiertag, daran wollte ich heute mit der Fahne gedenken.“ Ist die Ähnlichkeit also reiner Zufall? „Das wurde gerne gestern von ukrainischen Provokateuren unterstellt, aber das stimmt nicht“, sagt Pucher. „Slowenien war auch im Zweiten Weltkrieg beteiligt, so will ich mich am heutigen Gedenken beteiligen.“

Elizabeth Rushton
Der Österreicher Roland Pucher hat zum Treptower Park eine slowenische Fahne mitgebracht.

„Russians against war“-Demonstranten berichten von Polizeiwillkür

Straße des 17. Juni, 14.46 Uhr: Mahnwache gegen den Krieg: Dasha D. vom Bündnis Gedenken gegen den Krieg hat für den 8. und 9. Mai eine Mahnwache gegen die Russische Invasion in der Ukraine angemeldet. Sie beklagt sich über die Auflagen der Polizei. Die Mahnwache musste sich auf der anderen Straßenseite postieren. „Zu den Auflagen gehört, dass wir an unseren Tafeln nur Bilder mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg anbringen durften und keine Fahnen mit Russland- oder Ukraine-Bezug haben durften“‘ sagt sie. Ihr Eilantrag dagegen wurde vom Verwaltungsgericht als unzulässig abgelehnt. „Unser Rechtsanwalt ist angeblich nicht zugelassen, befand das Gericht. Doch das stimmt nicht. Er ist offiziell eingetragen. Wahrscheinlich wollte der Richter keine Entscheidung treffen.“

Auch ein Plakat mit „Russians against war“ wurde nach ihren Worten verboten. „Alles, was irgendwie nach Ukraine aussieht. Die Rechtsgrundlage oder was da der Verstoß gegen die Allgemeinverfügung sei, konnte uns der Einsatzleiter der Polizei nicht nennen“, sagt sie. Gegen Mittag hängten sie dann noch sechs Plakate auf - „Wir wollen eine neue Erinnerungskultur“, stand darauf unter anderem geschrieben. Und ein Plakat mit einer Sonnenblume und dem Spruch „Russians against war“.

Die Veranstalter sollten sie entfernen und fragten nach der Rechtsgrundlage, worauf sie von der Polizei keine Antwort bekommen hätten. Daraufhin beschlagnahmte die Polizei die Plakate und es kam zu einem kurzen Tumult, der auch noch verstärkt wurde, weil ein Vertreter des „Unsterblichen Regiment“ vom Sowjetischen Ehrenmal herüber kam und herumpöbelte.Während Daria D. das alles erzählt, verweist die Polizei auf der anderen Straßenseite einen Mann des Platzes, der eine US-Flagge umgehängt hat.

Verbote werden unterlaufen, Polizei schreitet nicht ein

Ehrenmal im Treptower Park, 14.39 Uhr: Unsere Reporter berichten, dass immer wieder Fahnen vor der großen Statue des Soldaten gezeigt werden. Bulgarische, kasachische, slowenische, aber auch russische. Es werden auch immer wieder russische Kriegslieder gespielt. Menschen tragen Sowjet-Shirts.

Ukrainer, die vor Ort sind, würden Polizisten darauf hinweisen - aber nichts passiere.

Unsere Reporter berichten auch, dass Menschen, die sich in blau-gelb gekleidet haben, den Farben der Ukraine, von Beamten angesprochen wurden.

Treptower Park: Aktion gegen Putins „neuen Faschismus“

Ehrenmal in Treptow, 14.10 Uhr: Zum zweiten Mal demonstriert eine Gruppe junger Aktivisten am Treptower Park gegen dem Krieg in der Ukraine. Für eine Stunde haben sie sich auf dem Boden in der Nähe der Soldaten-Statuen hingelegt. Ihre Aktion sollte vor allem an die getöteten Zivilisten in der Kiewer Vorortsstadt Butscha erinnern. Acht Polizisten stehen am Rand und beobachten, wie acht Demonstranten sich auf den Boden legen. Dazu ertönen Luftschutzsirenen aus einem Lautsprecher.

Laut der russischen Aktivistin Ljuba soll die Aktion russische Besucher im Treptower Park auf den „neuen Faschismus“ hinweisen, dem Putin anhänge. Die Demonstranten hatten sich schon einmal auf den Boden gelegt, zwischen 12 und 13 Uhr am gleichen Ort. Das war bei Passanten auf wütende Reaktionen gestoßen. Laut Ljuba hätten Frauen sie auf Russisch angeschrien: „Steht auf, hört mit diesem Theater auf, mischt euch in den Sieg der Sonderoperation nicht ein!“ In Russland wird der Angriffskrieg in der Ukraine offiziell als „militärische Sonderoperation“ bezeichnet.

Die Stimmung am Ehrenmal in Treptow ist angespannt

Ehrenmal im Treptower Park, 14 Uhr: Es gibt kleinere, lautstarke Diskussionen zwischen ukrainischen und russischen Ehrenmal-Besuchern. Es geht zum Beispiel um die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Jedoch ist die Polizei stets dazwischen.

Aus größeren Menschengruppen heraus gibt es immer wieder Rufe wie: „Hurra“, „Russland“ oder, auf Russisch: „zum Tag des Sieges“. Die Polizei greift in den beobachteten Fällen nicht ein.

Am Rand treffen sich Familien: Margarita (63) feiert mit Freunden und Bekannten. Auf einer Bank, die in einen Picknicktisch umfunktioniert wurde, wird russische Musik gehört. Der 9. Mai ist für Margarita, die Lehrerin in Kasachstan und Deutschland war, einer der wichtigsten Tage im Jahr, erzählt sie. Einmal im Jahr treffen sich Freunde aus ganz Deutschland im Treptower Park. Darunter Bekannte aus Stuttgart, München, Leipzig und Dresden. Der Krieg in der Ukraine solle den 9. Mai nicht überschatten, so Margarita. Ihre Familie und sie schauen viel russisches Fernsehen und unterstützen Putin. Verständnis für das Flaggenverbot an den Gedenkstätten hat sie nicht.

Heimlich zeigte sie unseren Reportern eine sowjetische Anstecknadel. Die habe sie am Eingang unter ihrer Jacke versteckt.

Ukraine-Farben verboten, Sowjet-Shirts erlaubt

Ehrenmal im Tiergarten, 14 Uhr: Ein Mann, der auf seinem T-Shirt den russischen Krieg in der Ukraine anprangert und eine Frau, die in Blau und Gelb gekleidet ist, werden unter Beifall der Anwesenden von der Polizei vom Ehrenmal abgeführt.

Kleidung in den Nationalfarben der Ukraine zu tragen, ist offenbar auch verboten. Ein Mann, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck „CCCP“ trägt (kyrillisch für UdSSR, und damit ein Verweis auf die Sowjetunion) bleibt hingegen unbehelligt, beobachtet unser Reporter Andreas Kopietz. Dabei dürfen diese T-Shirts laut Allgemeinverfügung an den Ehrenmalen der Stadt heute nicht getragen werden. Die Umsetzung der Verbotsliste und ihre offenbar spontane Erweiterung vor Ort werfen Fragen auf.

Elizabeth Rushton
Auch am Ehrenmal Treptower Park wird ein Mann in den Farben der Ukraine von der Polizei angesprochen.
Andreas Kopietz
Da sind sie, in Berlin, im Tiergarten: Die ersten Mitglieder der prorussischen Motorrad-Gruppe „Nachtwölfe“.

Rund 40 Rocker in Thüringen gesichtet, auf dem Weg nach Berlin

Pariser Platz, 13.45 Uhr: Die „Nachtwölfe“ lassen noch auf sich warten. Nach Abgaben von Stephan Katte, der den stadtweiten Polizeieinsatz führt, werden die Rocker in Berlin keine Konvoi-Fahrt als Demo durchführen können. Sie haben keine Demo angemeldet. „Wir bewerten das als Motorradfahren im Stadtgebiet“, sagte er der Berliner Zeitung.

Gegen neun Uhr seien rund 40 Rocker in Schleiz (Thüringen) gesichtet worden, die sich in Richtung Berlin bewegen. An der Stadtgrenze werde man ihre Maschinen gründlich auf Verkehrstüchtigkeit kontrollieren. Vereinzelt betreten angereiste Rocker das Ehrenmal im Tiergarten und legen Blumen nieder.

Polizei: Bisher 21 Freiheitsbeschränkungen

Berlin, 13.39 Uhr: Im Rahmen der Gedenkveranstaltungen wurden laut Polizei 21 Freiheitsbeschränkungen durchgeführt, das seien keine Festnahmen, wie andere Medien berichten. Überdies wurden ein Verstoß gegen das Luftfahrtgesetz wegen Einsatzes einer Drohne sowie ein Verstoß gegen die Allgemeinverfügung, der zufolge beispielsweise das Tragen einer Fahne verboten ist, festgestellt. Laut einem Polizeisprecher ist die Einsatzlage ist „ruhig und friedlich“.

Ukrainischer Außenminister kritisiert Berliner Fahnenverbot

Berlin, 13.20 Uhr: Die Ukraine kritisierte das Verbot am Montag. Berlin habe damit „einen Fehler gemacht“, teilte Außenminister Dmytro Kuleba mit. Es sei falsch, ukrainische Fahnen ebenso zu behandeln wie russische Symbole. Kritik kam auch von Politikern. Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sagte RTL/ntv: „Ich hätte das anders entschieden, weil ich glaube, das hilft Putins Propaganda am Ende.“

Polizeipräsidentin Barbara Slowik verteidigte die Entscheidung. Sie sei notwendig gewesen, um ein „würdiges Gedenken zu gewährleisten und Auseinandersetzungen, auch verbaler Art, an den genannten Orten zu vermeiden“. Insgesamt 1700 Polizisten sollten am Sonntag die vielen Kundgebungen begleiten. Auch die Polizeipräsidentin war vor Ort. „Ich wollte mir ein eigenes Bild vom Ablauf machen“, sagte sie.

„Putin raus aus Syrien“-Rufe vor russischer Botschaft

Russische Botschaft, 13:15 Uhr: „Putin raus aus Syrien“ fordern Aktivisten der Initiative Syrische Revolution, die auf dem Flanierweg gegenüber der russischen Botschaft eine Mahnwache aufgebaut haben. Hier flattern ukrainische und syrische Flaggen. Auf einer Bildmontage werden Motive aus Syrien und der Ukraine nebeneinandergestellt: Bomben, Flüchtlingszüge, Trümmer. Wie sich die Bilder gleichen. Vor der russischen Botschaft stehen Polizeiautos in Reihe, der Gehweg ist abgesperrt, zahlreiche Polizisten sichern den Raum.

Maritta Tkalec
Syrisch-ukrainische Mahnwache vor der Russischen Botschaft, Unter den Linden.

Sowjetfahnen am Brandenburger Tor

Brandenburger Tor, 13 Uhr: Offenbar kommt es rund um das Brandenburger Tor zu Provokationen von Russland-Anhängern. Sie zeigen die alte Fahne der Sowjetunion.

Besuch aus Irland in Berlin: „Bei uns ginge das nicht“

Straße des 17. Juni, 13 Uhr: Des G. ist extra aus Irland während der Mai-Feiertage nach Berlin gekommen. „Ich habe vor neun Jahren eine Russin geheiratet und der 9. Mai ist ein großer Tag für ihre Heimat.“ Deshalb wolle er mit ihr diesen Tag feiern. An der Spitze der Demonstration weist die Polizei noch einmal auf das Flaggenverbot hin. Der 49 Jahre alte Ire findet das falsch. „Wenn Du an Demokratie glaubst, dann ist das falsch.“ Die russische Flagge sei Teil ihrer Identität. Seine Frau sagt, dass sie extra nach Berlin gekommen sei, weil sich in Irland niemals so viele Russen auf die Straße getraut hätten. „In Irland“, sagt sie, „gibt es nur eine Meinung, alle sind auf Seiten der Ukrainer, dort kann man nicht diskutieren, hier in Berlin schon.“

Sören Kittel
Der Ire Des G. bei dem Berliner Marsch auf der Straße des 17. Juni. Auf seinem T-Shirt steht: „Ich kann Russisch sprechen.“

Forscher beobachtet „Provokationen“ am Treptower Park

Treptower Park, 13 Uhr: Der Historiker und Soziologe Mischa Gabowitsch, der das Gedenken am 9. Mai erforscht, ist wie in jedem Jahr seit dem Morgen am Ehrenmal im Treptower Park. Er beobachtet die Lage dort als Feldforscher seit zehn Jahren. In diesem Jahr seien „deutlich weniger Besucher“ als sonst da, sagt er der Berliner Zeitung, dafür „mehr Polizei und mehr Medien als je zuvor“. Die Stimmung sei überwiegend friedlich.

Gabowitsch hat am Vormittag aber auch „immer wieder Provokationen“ beobachtet: Ein deutscher Chor habe ein russisches Partisanenlied gesungen - und in den Text die Stadt Mariupol eingebaut, die von Russland in den letzten Wochen fast dem Erdboden gleich gemacht wurde, in der es tausende zivile Opfer des Angriffskriegs gab.

Der Forscher beobachtete auch eine Aktion der Gruppe „Post-Ost-Migrantifa“ am Ehrenmal. Um an die Opfer der Massaker in der ukrainischen Stadt Butscha in diesem Frühjahr zu erinnern, hätten sich Aktivisten in rot bemalter Kleidung eine Stunde lang auf den Boden gelegt. Die Polizei habe die Gruppe beschützen müssen, es habe aggressive Proteste russischsprachiger Besucher des Ehrenmals gegen die Aktion gegeben, sagt Gabowitsch.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Aktivisten erinnern mit einer Protestaktion am Treptower Park an die Opfer in Butscha.
Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Trotz Verbot werden eine Fahne der Republika Srpska und eine sowjetische Fahne vor dem Ehrenmal im Treptower Park gezeigt.

Russische Fahnen im Treptower Park

Treptower Park, 12.40 Uhr: Vor dem Ehrenmal zeigen Teilnehmer russische Fahnen. Andere Teilnehmer berichten, dass die Polizei dagegen nur halbherzig vorgeht. CDU-Generalsekretär Stefan Evers, der am Sonntag seine Ukraine-Fahne im Tiergarten abgeben musste, regt sich darüber auf und attackiert die Regierende Franziska Giffey (SPD). Evers will gegen das Fahnenverbot gerichtlich vorgehen.

Wortgefechte zwischen Russen und Ukrainern, Mann abgeführt

Straße des 17. Juni, 12.36 Uhr: Etwa 500 Teilnehmer haben sich zur Gedenkveranstaltung an der Straße des 17. Juni zusammengefunden. Wie eine Polizeisprecherin sagt, sind erstmals Russen und Ukrainer aufeinandergetroffen. Bisher bleibt es bei Wortgefechten. Die Polizei versucht, den Streit zu schlichten. Unter Beifall der sowjetfreundlichen Anwesenden am Ehrenmal führte eben die Polizei einen Mann ab. Er habe „provoziert“, sagt ein Beobachter unserem Reporter vor Ort.

Russin enttäuscht von Olaf Scholz

Sören Kittel
Katerina Halle, 37, ist zur Straße des 17. Juni gekommen, um ihren Groß- und Urgroßvätern zu gedenken. Über den Ukraine-Krieg habe sie „andere Informationen“.

Straße des 17. Juni, 12.28: Katerina Halle aus Russland ist zur Straße des 17. Juni gekommen, um ihrer zwei Uropas und ihrem Großvater zu gedenken. Die 37-Jährige trägt die drei Bilder ihre Verwandten mit sich. „Einer meiner Urgroßväter ist in Leningrad gestorben“, sagt sie auf Deutsch. „Auch der andere ist im Krieg gestorben.“ Ihr Großvater hat den Krieg überlebt und ist 2014 gestorben. „Er hat Königsberg befreit.“ Sie betont, dass es ihr um die Erinnerung geht. „Wer die nicht hat, der hat keine Zukunft, sagen wir bei uns.“ Darüber hinaus schmerze es sie, zu lesen, was in europäischen Medien geschrieben werde. Sie habe ganz andere Informationen über die Ereignisse in der Ukraine. Besonders geärgert hat sie die Rede von Kanzler Olaf Scholz, dass er am 8. Mai „den Alliierten“ danke, aber nicht der ausdrücklich auch der Sowjetunion. „Wir haben für Europa gekämpft“, sagt Katerina Halle.

Rocker auch im Treptower Park, Fahnen werden abgegeben

Brandenburger Tor, 12.20 Uhr: Die Polizei hat bisher im Stadtgebiet insgesamt 17 Rocker der russischen „Nachtwölfe“ auf 12 Motorrädern gezählt. Das erfuhr unser Reporter. Und: Die Maschinen sind alle in Deutschland geliehen, um die Einreise zu erleichtern.

Treptower Park, 12.15 Uhr: Es versammeln sich etwa 150 Menschen und singen russische Lieder. Vertreter aus der ukrainischen Community haben sich schon bei der daneben stehenden Polizei beschwert. Ein Polizist antwortete: „Das sind Volks- und keine Kriegslieder“. Unter anderem das Lied „Katjuscha“ wurde lautstark gesungen.

Treptower Park, 12.05 Uhr: Inzwischen wurden am Treptower Park erste Menschen gesichtet, die man der Rockerszene zuordnen könnte. Am Eingang zum Ehrenmal steht wie schon am Sonntag ein Wagen der Polizei, an dem Teilnehmer ihre Fahnen abgeben können (und beim Verlassen des Ortes wieder mitnehmen). Russische, ukrainische und sowjetische Fahnen sind an den Ehrenmalen nicht erlaubt. Die Polizei konnte unseren Reportern nicht sagen, wie viele Fahnen sie am Montag schon verwahren musste.

Die ersten „Nachtwölfe“ sind im Stadtzentrum

Brandenburger Tor, 12 Uhr: Vor dem Hotel Adlon haben sich etwa zehn Anhänger der putinfreundlichen Rockerclubs „Nachtwölfe“ eingefunden. Laut Polizei sind einige kleinere Gruppen in der Anfahrt. Die „Nachtwölfe“ wollen erst gegen 13 Uhr vom Brandenburger Tor zum Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten fahren.

Andreas Kopietz
„Die Nachtwölfe“ vor dem Adlon-Hotel mit mutmaßlich geliehenen Motorrädern.

Treptower Park, 11.54 Uhr: Ljudmilla (52) lebt in Berlin, mit dabei: eine kleine Fahne der abtrünnigen Republik Südossetiens, die zu Georgien gehört. Sie ist in der Region, die 2008 von pro-russischen Kräften besetzt wurde, geboren. Die Vermischung der beiden Kriege vor 77 Jahren und heute versteht sie nicht. Der 9. Mai ist ihr jedoch heilig und bleibt das auch, sagt sie unserer Reporterin. Das Fahnenverbot interessiere sie nicht. Am Eingang des Ehrenmals habe sie die Fahne versteckt. Sie vermute, die Polizei wisse nicht mal, was das für eine Fahne sei.

Straße des 17. Juni, 11.52 Uhr: Dem Gedenkumzug für die gefallenen Soldaten der Roten Armee haben sich nach Einschätzung der Polizei nun etwa 500 Menschen angeschlossen. „Bisher gab es noch keine nennenswerten Vorfälle“, sagt Polizeisprecherin Anja Dierschke. Die Teilnehmer der Demo skandieren auf Russisch „Bis zum Sieg!“.

Brandenburger Tor, 11.37 Uhr:  Etwa 300 Menschen sind gekommen. „Ich finde es eine Schande, dass hier nicht mehr Berliner stehen“, sagt eine Berlinerin, die erst ihren Namen sagt, aber ihn dann doch lieber zurück zieht. Eine Russin neben ihr warnt sie, dass sie sonst „in Gefahr“ sei.

Unter Tränen spricht die Berlinerin weiter, dass sie „Diese Geschichtsvergessenheit in Berlin ärgert mich sehr.“ Sie sei im Krieg geboren und haben den Russen die Befreiung dieser Stadt zu verdanken. Wenn mehr in der Schule über die Taten der Sowjetunion bekannt wäre, „dann wären auch mehr Menschen hier“. Sie sei sehr enttäuscht. Dann kommt sie auf den Krieg in der Ukraine zu sprechen. „Es ist unsäglich wie der Westen derzeit auftritt.“ Die russische Seite werde nicht genügend gehört. „Es müsse vielmehr auf Dialog gesetzt werden.“ Sie sei vier Mal in Russland gewesen. „Das sind ganz tolle Menschen.“ Dann kritisiert sie die aktuelle Berichterstattung - und bekommt dafür Applaus von den Umstehenden.

Sören Kittel
Diese Berlinerin nimmt am Gedenkmarsch für die Sowjetsoldaten teil.

Treptower Park, 11.35 Uhr: Russische Demonstranten und Antifaschisten rufen Russen dazu auf, „gegen das faschistische Regime Putins zu kämpfen“, vergleichen den Angriffskrieg in der Ukraine mit der Nazi-Invasion der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg.

Elizabeth Rushton
Gedenken am Ehrenmal im Treptower Park: Verein der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BA)

Ehrenmal im Tiergarten, 11.20 Uhr: Am Sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni ist es voll. Geistliche und Soldaten legen für die russische Botschaft Kränze nieder.

Sabeth Stickforth
Gedenkveranstaltung am Ehrenmal im Tiergarten.

Gedenkumzug des „Unsterblichen Regiments“ hat begonnen

Brandenburger Tor, 11.30 Uhr: Larissa ist Russlanddeutsche und lebt in Berlin, sie nimmt am Gedenkmarsch teil. Sie wirft den deutschen Medien vor, Kriegspropaganda zu verbreiten. „Meine Empfehlung an die Deutsche Regierung: Fallen Sie auf die Knie und bitten Sie den Lieben Gott um Verzeihung!“ Für den Krieg macht sie die Ukraine verantwortlich. Die habe im Donbass damit angefangen.

Brandenburger Tor, 11.15 Uhr: Das „Unsterbliche Regiment“ zieht durch die Stadtmitte. Bei dieser Gedenkaktion tragen Menschen die Fotos ihrer Vorfahren mit sich, die im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gekämpft haben. Für die Veranstaltung gelten die selben Auflagen wie für alle anderen an diesem Tag: Keine Flaggen, keine Uniformen.

Etwa 200 Menschen haben sich am Brandenburger Tor versammelt zu diesem Gedenkzug für die gefallenen Soldaten der Roten Armee.

Sören Kittel
Das „Unsterbliche Regiment“ zieht am 9. Mai 2022 durch Berlin.

Polizei: Russische Delegation durfte Fahne tragen

Treptower Park, 11 Uhr: Am Ehrenmal im Treptower Park fand die offizielle Gedenkveranstaltung der Russischen Botschaft statt, wie die Polizei erklärt. Der Delegation sei es erlaubt gewesen, russischen Fahnen zu tragen. Nach der Gedenkveranstaltung mussten sie wieder heruntergenommen werden.

Sowjetische Fahne und Donezk-Fahne am Ehrenmal in Treptow

Treptower Park, 10.55 Uhr: Vor dem Ehrenmal im Treptower Park steht eine Reihe Kränze, unter anderem von den Botschaften. Im Kranz des Vereins „Friedensbrücke Kriegsopfer e.V“ stecken eine sowjetische Fahne sowie eine schwarz-blau-rote Trikolore der von Russland kontrollierten sogenannten Volksrepublik Donezk.

Die Vorsitzende des Vereins, Liane Kilinc (im Bild) sagte der Berliner Zeitung, dass der Verein eingeladen worden sei, gemeinsam mit dem russischen Botschafter zur Zeremonie der Kranzniederlegung zu laufen.

Wurde sie von der Polizei angesprochen wegen der Fahnen im Kranz? Nein: „Das Verbot gilt nicht, wenn die Fahne im Gesteck ist“, sagte Kilinc.

Elizabeth Rushton
Liane Kilinc

Kranzniederlegung im Treptower Park

Treptower Park, 10.45 Uhr: Vertreter folgender Botschaften haben im Treptower Park am Morgen gemeinsam Kränze abgelegt: Russland, Belarus, Armenien, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan. Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche waren ebenfalls anwesend.


Berliner Zeitung/Markus Wächter
Mitarbeiter der Botschaft von Kirgistan legen einen Kranz nieder.

Fahnenverbot wird nicht eingehalten

Ehrenmal Treptower Park, 10.35 Uhr: Die Polizei fängt jetzt an, im Treptower Park das Fahnenverbot durchzusetzen. Es wird nicht überall eingehalten. Auch die Donezk-Fahne wird gezeigt.

Lesen Sie auch, wie das Gedenken in Berlin gestern, am 8. Mai, ablief:

Polizei-Auflagen für 15 Gedenkstätten in Berlin

Berlin, 10.30 Uhr: Auch am Montag begleitet die Berliner Polizei mit einem Großaufgebot mehrere Veranstaltungen zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa vor 77 Jahren. Am 9. Mai feiert Russland traditionell den sowjetischen Sieg über Nazi-Deutschland. Einer der Einsatzschwerpunkte sei eine Demonstration unter dem Titel „Rotarmisten-Gedächtnis-Aufzug zum Gedenken an die gefallenen sowjetischen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs“, sagte ein Polizeisprecher (ab 11 Uhr). Etwa 1300 Teilnehmende seien dort angemeldet.

Dem Zug wollen sich Erkenntnissen der Polizei zufolge auch rund 150 Mitglieder der Rockergruppe „Nachtwölfe“ anschließen, die am Vormittag von Frankfurt am Main aus nach Berlin fahren sollen. Die Gruppe gilt als Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Route der Demo verläuft laut Polizei vom Brandenburger Tor aus in Richtung des Sowjetischen Ehrenmals in Berlin Tiergarten.

Zudem sind Dutzende weitere, kleinere und größere Gedenkveranstaltungen in Berlin angemeldet. Wie schon am Samstag dürften bis zu 1700 Beamtinnen und Beamte im Einsatz sein, sagte der Sprecher.

Die Polizei hatte für Sonntag und Montag mehrere Auflagen für 15 Gedenkstätten und Mahnmale erlassen. Dazu gehört etwa, dass auf dem jeweiligen Gelände oder in der Nähe weder russische noch ukrainische Fahnen gezeigt werden dürfen. Ebenso sind Uniformen oder Uniformteile - auch in abgewandelten Formen - sowie Marsch- oder Militärlieder verboten. Untersagt ist außerdem das Z-Symbol. Der Buchstabe wird von Befürwortern des Krieges genutzt und steht für „za pobedu“ („Für den Sieg“).