Die Europäische Weltraumorganisation (ESA), die Europäische Organisation für Kernforschung (Cern), die US-Eliteuni MIT oder das Bundesforschungsministerium - sie und viele weitere einflussreiche Akteure in der internationalen Forschung haben ihre Kooperationsprojekte mit Russland wegen des Ukraine-Kriegs eingeschränkt oder gestoppt. Auf beiden Seiten sind tausende Wissenschaftler davon betroffen. Ein Bereich, der von dem Zerwürfnis zwischen Moskau und dem Westen besonders hart getroffen wird, ist die Weltraumforschung.

„Die Entscheidung war schmerzhaft“, sagte ESA-Chef Josef Aschbacher vorvergangene Woche zum gemeinsamen Beschluss der 22 ESA-Mitgliedstaaten, die Zusammenarbeit mit der russischen Weltraumbehörde Roskosmos einzustellen. Das bedeutet auch, dass die gemeinsame Mission ExoMars zum Roten Planeten nicht wie geplant im Herbst startet. Das nächste Zeitfenster für die Forschungsmission öffnet sich erst in zwei Jahren. Für die tausenden Experten aus Europa und Russland, die seit Jahren an dem Projekt gearbeitet haben, ist dies ein harter Schlag.

„Der Krieg wächst uns über den Kopf.“

Auch der Leiter eines grenzüberschreitenden neurowissenschaftlichen Forschungsprojekts steht vor einem Scherbenhaufen. Von heute auf morgen seien zehn Jahre Forschungsarbeit über den Haufen geworfen worden, sagt der in Frankreich lebende Experte, der seinen Namen vorsichtshalber nur mit Boris angibt. Zwar sei die Arbeit seines in Moskau gegründeten Forschungszentrums offiziell nicht gestoppt worden, aber „alles ist blockiert“. Die Arbeit der beteiligten Doktoranden in Russland kann wegen Bankensanktionen nicht mehr finanziert werden.

Einige russische Forschungspartner, die wegen ihres Protests gegen den Ukraine-Krieg festgenommen wurden, seien nach ihrer Freilassung nach Armenien oder in die Türkei geflohen. „Wir reden jeden Tag via Skype oder Zoom“, sagt Boris. „Aber wir sind verloren, der Krieg wächst uns über den Kopf.“

Boris' Eltern waren in den 1980er Jahren nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan aus der UdSSR geflohen. Seine Studenten und Doktoranden wuchsen aber in relativer Freiheit auf. Für sie sei es „unvorstellbar, in einem von der Welt abgeschnittenen Land zu leben“.

Tatsächlich geht unter russischen Wissenschaftlern die Angst um, dass sie im internationalen Wettbewerb abgehängt werden. Anfang März unterzeichneten etwa 7000 in Russland arbeitende Wissenschaftler eine Petition gegen den Ukraine-Krieg. Carole Sigman von der französischen Wissenschaftsakademie CNRS hebt hevor, dass auch die einflussreise Russische Akademie der Wissenschaften „zum Ende der Feindseligkeiten aufgerufen“ habe und an ausländische Forscher appelliert habe, „den Bruch wissenschaftlicher Beziehungen zu vermeiden“.

Ukrainische Wissenschaftler wollen „Boykott“ russischer Kollegen

Auf der anderen Seite riefen Professoren renommierter Universitäten wie Harvard oder Cambridge vorige Woche im Fachblatt Science dazu auf, die russischen Kollegen nicht „aufzugeben“. Eine „unterschiedslose Verfolgung“ russischer Akademiker wäre aus Sicht der Autoren „ein ernster Rückschlag für die westlichen Werte“. Einige ukrainische Wissenschaftler wie der Physiker Maxym Stricha von der Kiewer Taras-Schwtschenko-Universität fordern hingegen einen „vollständigen Boykott“ russischer Wissenschaftler.

Das Bundesforschungsministerium verkündete am Tag nach Russlands Einmarsch in die Ukraine, die bisherige, langjährige Zusammenarbeit in Forschung, Wissenschaft und Berufsbildung sei „gegenwärtig gestoppt“. Alle laufenden und geplanten Maßnahmen mit Russland würden „eingefroren und kritisch überprüft“, teilte Ressortchefin Bettina Stark-Watzinger (FDP) mit. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) setzte Anfang März ihre Förderung deutsch-russischer Forschungsprojekte aus. Darüber hinaus bot sie geflüchteten Wissenschaftlern aus der Ukraine und Russland Unterstützung an.

Bereits Ende Februar hatte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, in einer Erklärung gewarnt, der Ukraine-Krieg werde „zu schweren Verwerfungen und Einschränkungen in der Wissenschaft führen“. Dies sei „umso trauriger, als es gerade auch in Kooperation mit russischen Kolleginnen und Kollegen wichtige Forschungsprojekte gibt, die einen Beitrag zur Lösung der drängenden globalen Probleme unserer Zeit, insbesondere dem Klimawandel leisten sollen“.