Die deutsche Ärzteschaft hält es für voreilig, dass die Bundesregierung für 830 Millionen Euro neue Corona-Impfstoffe bestellt hat. „Das ist nur sinnvoll, wenn diese Impfstoffe schon an die neue Virus-Variante angepasst sind, also wirksamer sind als die bisherigen. Aber noch wissen wir nicht genau, was auf uns zukommt“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ, Dienstagausgabe).

Zudem gelte es zu klären, ob weitere Impfungen wirklich einen Vorteil brächten. Zu den Viertimpfungen gebe es widersprüchliche Studienergebnisse. „Das muss man sich genau anschauen und erst dann entscheiden, ob eine Impfstoffbeschaffung in der genannten Größenordnung erforderlich ist“, sagte Reinhardt vor Beginn des Deutschen Ärztetags, der von Dienstag bis Donnerstag in Bremen stattfindet.

Der Ärztepräsident kritisierte, die Corona-Politik der Ampel sei nicht besser als die der Vorgängerregierung: „Innerhalb der Koalition gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen zum Umgang mit Corona, das führt zu einem Schlingerkurs und zu Verwirrung.“

Höhere Kosten auch im Gesundheitswesen wegen Ukraine-Krieg

Vor allem die Kommunikation von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sei „recht merkwürdig“. Etwa als er die Entscheidung zum Aussetzen der Quarantänepflicht in einer Fernsehsendung plötzlich wieder zurücknahm. „Ich habe den Eindruck, dass der Minister auch sonst manchmal sehr einsam entscheidet“, sagte Reinhardt der FAZ.

Reinhardt berichtete, es stünden mittlerweile 1400 deutsche Ärzte bereit, um in den ukrainischen Nachbarländern oder in der Ukraine zu helfen. Der Krieg treibe allerdings auch die Kosten im deutschen Gesundheitswesen in die Höhe und sorge für Knappheit, etwa bei Präparaten gegen Blutgerinnsel. Der Allgemeinmediziner forderte staatliche Hilfen zur Kompensation. „Zur Stabilisierung der Versorgung wird die Bundesregierung auch diesen Bereich stützen müssen“, sagte er der Zeitung.

Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens hält Reinhardt für mangelhaft. Nur 0,5 Prozent aller Patienten nutzten die elektronische Patientenakte, das elektronische Rezept sei bisher weniger als 11.000 Mal verschrieben worden.