Berlin - Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt hat vor negativen Kollateraleffekten der Corona-Eindämmungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche gewarnt. „Es geht dabei nicht nur um entstandene schulische Bildungsdefizite, sondern mehr noch darum, dass viele Kinder wichtige Entwicklungsphasen in sozialer Isolation erlebt haben“, sagte Reinhardt auf dem 124. Deutschen Ärztetag. 

In ihrer Generalaussprache auf dem Ärztetag haben die Abgeordneten eine medizinisch-wissenschaftliche Evaluation aller Kollateraleffekte von Eindämmungs- und Schutzmaßnahmen im Hinblick auf den Zugang zur medizinischen Akutversorgung und zu notwendigen Vorsorgeleistungen sowie mögliche psycho-soziale Auswirkungen des Lockdowns gefordert.

In einem weiteren Beschluss hat der Ärztetag die Bundesregierung aufgefordert, „unverzüglich“ eine Covid-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Das Recht auf Bildung könne im Winter 2021/2022 „nur mit einer rechtzeitigen Corona-Impfung gesichert“ werden. Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere „auch für jüngere Kinder“, führe ein „erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung“.

Gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe nur für geimpfte Kinder?

Um das zu verhindern, sollten „die Forschung zu Impfstoffen für diese Altersgruppe gezielt gefördert“ und die ausreichende Versorgung mit adäquaten Impfstoffen sichergestellt werden. Eine zentrale Rolle in der Impfstrategie spielen nach Auffassung des Ärzteparlaments neben den Hausärzten die Kinder- und Jugendärzte in Praxen, Klinik und Gesundheitsämtern. Sie benötigten „Unterstützung bei der kurzfristigen Impfdurchführung“.

In dem im Internet abrufbaren Beschlussprotokoll heißt es in diesem Zusammenhang weiter, dass eine „gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe“ nur Familien „mit geimpften Kindern“ zurückerlangen würden.

Nach Kanada haben unterdessen auch die USA den Corona-Impfstoff von BioNTech/ Pfizer für Kinder und Jugendliche ab einem Alter von zwölf Jahren zugelassen. FDA-Chefin Woodcock sprach von einem „bedeutenden Schritt“. Die Impfungen in dieser Altersgruppe könnten beginnen, sobald ein Beratungsausschuss auf Bundesebene (vergleichbar mit der Ständigen Impfkommission in Deutschland) dies empfiehlt.

Wie hoch ist das Risiko eines Todesfalls nach Impfung bei Kindern?

Allerdings ist die Corona–Impfung von Kindern derzeit noch umstritten. So sagt David Martin, Kinderarzt und Professor an der Universität Witten/Herdecke, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland kürzlich: „In Bezug auf die Todesfälle nach der Astrazeneca-Impfung wird jetzt behauptet, dass das Risiko einer Covid-19-Erkrankung größer ist – das mag für ältere Menschen stimmen, aber ganz sicher nicht für junge Menschen oder Kinder. Norwegen hat bei 120.000 Geimpften sechs schwere Zwischenfälle und 2 Todesfälle gemeldet, das ist 1:60.000. Das wäre bei einer Impfung für Kinder nicht akzeptabel.“

Martin plädiert für „eine Impfung oder hinreichende Therapie für Kinder mit Down-Syndrom oder mit anderen Risikofaktoren. Die Ergebnisse aus Studien mit gesunden Kindern, wie sie momentan zum Beispiel Moderna und Biontech durchführen, kann man aber auf diese Risikogruppen nicht ohne weiteres übertragen“.

Kinderarzt: Impfung von Kinder darf keine Bedingung für Schulbesuch sein

Der Arzt weiter: „Richtig fände ich daher internationale Studien an Kindern der Risikogruppe. Falsch zu diesem Zeitpunkt finde ich Aufrufe zu einer generellen Impfung von Kindern, ohne den Impfstoff und seine möglichen Nebenwirkungen zu kennen. Es wäre auch absolut falsch, eine Impfung von Kindern zur Bedingung für irgendetwas (zum Beispiel den Schulbesuch) zu machen“.

Der Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl sieht zudem die Gefahr einer Stigmatisierung von nichtgeimpften Kinder an Schulen und Kitas. Er sei grundsätzlich „alles andere als ein Impfgegner“, wenn es für die „entsprechenden Impfstoffe ausreichende und belastbare Langzeitstudien“ gebe.

Anti-Mobbing-Coach befürchtet Stigmatisierung von nicht geimpften Kindern

Ohne diese Langzeitstudien, sagte Stahl der Berliner Zeitung, solle es aber „jedem selbst überlassen bleiben, ob er sich impfen lässt oder nicht“. Stahl weiter: „Kinder und Jugendliche haben während der Corona-Krise bereits genug gelitten. Kleine und junge Menschen dürfen jetzt nicht aus der Gemeinschaft ausgrenzt werden, weil sie nicht geimpft sind.“

Denn wenn eine Impfung von Kindern Voraussetzung „für irgendetwas wird, egal ob Schulbesuch, die Fahrt ins Klassenlager oder eine andere Veranstaltung, ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Mobbing einzelner Kinder, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht geimpft sind“.