Der Evakuierungseinsatz und die Lage in Afghanistan:

  • Die radikalislamischen Taliban haben Afghanistan zurückerobert und faktisch die Macht im Land übernommen. Dagegen rührt sich aktuell Protest in Teilen der afghanischen Bevölkerung.
  • Am Flughafen der Hauptstadt Kabul brach wiederholt Chaos aus, große Menschenmengen hoffen auf eine Möglichkeit zur Flucht. Sieben Menschen starben.
  • Etwas mehr als 2300 Menschen konnte die Bundeswehr nach eigenen Zahlen bisher aus Kabul bringen.
  • Am Dienstag soll ein Sondergipfel der G7 zu Afghanistan stattfinden

Sonntag, 22. August 2021

Taliban schicken „hunderte Kämpfer“ ins Pandschirtal

Nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan wollen die radikalislamischen Taliban nun auch das als Widerstandshochburg bekannte Pandschirtal in ihre Gewalt bringen. „Hunderte Kämpfer“ seien auf dem Weg in die Provinz Pandschir, „um sie unter Kontrolle zu bringen, nachdem örtliche Regierungsvertreter sich geweigert haben, sie friedlich zu übergeben“, schrieben die Taliban am Sonntag auf Twitter.

Das Pandschirtal ist eine der wenigen Regionen in Afghanistan, die sich nach dem Eroberungsfeldzug der Taliban noch der Kontrolle der Islamisten entziehen. Das Tal gilt als Hochburg des Widerstandes, weil es weder von sowjetischen Soldaten noch von den Taliban eingenommen worden war.

Ahmed Massud, der Sohn eines berühmten Taliban-Gegners und Kriegsherrn, versucht derzeit, dort eine Widerstandsgruppe aufzubauen. Ihr sollen auch ehemalige Angehörige der afghanischen Streitkräfte angehören, die wegen des Vormarschs der Taliban nach Pandschir geflohen waren.

Über 50 weitere Ortskräfte aus Afghanistan in Brandenburg angekommen

Im Rahmen der Rettungsaktion der Bundeswehr sind in Brandenburg 54 weitere Ortskräfte und Angehörige aus Afghanistan eingetroffen. Sie seien in die Erstaufnahme in Doberlug-Kirchhain gekommen, sagte der Sprecher des Innenministeriums, Martin Burmeister, am Sonntag. Weil ein Kind eine blutende Lippe gehabt habe, sei es auf der Fahrt im Beisein der Mutter und einem weiteren Kind in ein Krankenhaus gekommen. Sie sollten am Montag ebenfalls nach Brandenburg kommen. Damit kamen bisher 178 Menschen aus Afghanistan in der Erstaufnahme an. In der Nacht zum Montag würden weitere 80 Ortskräfte mit Familien erwartet.

USA verpflichten private Airlines zu Hilfe bei Evakuierungen aus Afghanistan 

Die USA haben eine Beteiligung ziviler Fluggesellschaften an ihrer Rettungsaktion für zehntausende Staatsbürger und Afghanen aus Kabul angeordnet. Wie das Pentagon am Sonntag mitteilte, aktivierte Verteidigungsminister Lloyd Austin in einem äußerst seltenen Schritt die sogenannte zivile Reserve-Luftflotte (CRAF). Demnach sollen 18 Passagierflugzeuge von US-Fluggesellschaften wie Delta und American Airlines die Armee beim Weitertransport von aus Kabul geretteten Menschen unterstützen.

An dem US-Evakuierungseinsatz sind bereits dutzende US-Militärmaschinen beteiligt, die Schutzbedürftige aus Kabul zu US-Luftstützpunkten in der Golfregion sowie zur US-Luftwaffenbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz bringen. Die Flugzeuge der privaten Fluggesellschaften sollen nach Angaben des Pentagon beim Weitertransport der Geretteten von den Luftstützpunkten in Bahrain, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten in ihre Zielländer helfen.

Nach Angaben des Pentagon flog die US-Armee seit Beginn der Rettungsaktion am 14. August rund 17.000 Menschen aus Kabul aus, davon 2500 US-Bürger. Nach Angaben des Weißen Hauses befinden sich noch bis zu 15.000 weitere US-Bürger in Afghanistan. Hinzu kommen 50.000 bis 60.000 afghanische Ortskräfte und ihre Familienmitglieder.

Außenminister: Italien will 2500 Afghanen evakuieren

Italien will bei seiner Evakuierung früherer afghanischer Mitarbeiter und ihrer Familien insgesamt ungefähr 2500 Afghanen aus Kabul ausfliegen. Das sagte Außenminister Luigi Di Maio am Sonntag beim sogenannten Meeting di Rimini. Bei diesem Treffen mit katholischem Hintergrund sprechen Politiker, Geistliche, Verbände und Organisationen zu verschiedensten Themen. 1600 Menschen seien bereits über die Luftbrücke des italienischen Militärs aus Afghanistan geholt worden, erklärte der per Video zugeschaltete Di Maio weiter.

Italien und die internationale Gemeinschaft müssen nach Meinung Di Maios außerdem verhindern, dass Afghanistan zu einem „Paradies für den Terrorismus“ wird. Es sei zudem wichtig, gegen den Drogenhandel und die Produktion von Opium dort vorzugehen.

Russischer Botschafter: Taliban zu Dialog mit Gegnern bereit

Die Taliban sind nach Angaben des russischen Botschafters in Kabul zur Verhandlung mit ihren Gegnern in der letzten noch nicht eroberten afghanischen Provinz Pandschir bereit. Botschafter Dmitri Schirnow sagte im russischen Staatsfernsehen, die Taliban hätten ihn gebeten, den Anführern und den Menschen im Pandschir-Tal eine Botschaft zu überbringen. Die Taliban hofften, „eine friedliche Lösung für die Situation zu finden, zum Beispiel durch eine politische Vereinbarung. Die Taliban wollen kein Blutvergießen und sind zum Dialog bereit.“

Islamische Staaten: Afghanistan darf nie wieder Rückzugsort für Terroristen werden 

Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hat sich nach der Machtübernahme der Taliban besorgt über die politische Zukunft Afghanistans geäußert. Die „künftige Führung“ des Landes und die internationale Gemeinschaft müssten sicherstellen, „dass Afghanistan nie wieder als Plattform oder Zufluchtsort für Terroristen genutzt wird und verhindern, dass terroristische Organisationen dort Fuß fassen“, erklärte die Organisation am Sonntag in Dschidda.

US-Regierung: Gefahr von IS-Anschlag am Flughafen Kabul

Die US-Regierung hat Medienberichte über die Gefahr eines Anschlags der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am Flughafen Kabul oder in der Umgebung bestätigt. „Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend“, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Sonntag im Sender CNN. „Wir arbeiten intensiv mit unseren Geheimdiensten zusammen, um herauszufinden, woher ein Angriff kommen könnte.“ Man nehme die Warnungen „absolut todernst“. Die militant-islamistischen Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

Britische Evakuierung aus Kabul läuft besser

Der britische Evakuierungseinsatz in Kabul hat nach Angaben der britischen Regierung Fahrt aufgenommen. In den vergangenen 24 Stunden seien 1721 Menschen in acht Maschinen der Royal Air Force ausgeflogen worden, teilte ein Staatssekretär des Verteidigungsministeriums am Sonntag mit. Anders als am Vortag gelinge es nun besser, geordnete Schlangen zu bilden, die Wartenden auf den Flughafen zu bringen und die Flüge zu koordinieren. Das liege auch daran, dass die Taliban dies nicht blockierten.

Die Regierung rief daher am Sonntag berechtigte britische Staatsbürger und Ortskräfte wieder auf, zum Flughafen zu kommen. Die Lage könne sich zwar wieder ändern, aber wenn sie bleibe wie aktuell, könne man eine große Anzahl an Menschen ausfliegen.

Johnson: G7-Sondergipfel zu Afghanistan am kommenden Dienstag 

Der angekündigte Sondergipfel der G7-Staaten zur brisanten Lage in Afghanistan soll an diesem Dienstag stattfinden. „Ich werde die Staats- und Regierungschefs der G7 am Dienstag zu dringenden Gesprächen über die Lage in Afghanistan einberufen“, twitterte der britische Premierminister Boris Johnson am Sonntag. Großbritannien hat derzeit den Vorsitz in der Runde der führenden westlichen Industrienationen inne. Neben Deutschland und Großbritannien gehören auch Frankreich, Italien, Kanada, Japan und die USA dazu.

Angesichts der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan wollen die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten in der kommenden Woche bei einer Videokonferenz über das weitere Vorgehen beraten. Es sei entscheidend, dass die internationale Gemeinschaft zusammenarbeite, um sichere Evakuierungen zu gewährleisten und eine humanitäre Katastrophe zu verhindern, schrieb Johnson.

Bundeswehr: Lage am Flughafen Kabul hat sich entspannt 

Die chaotische Lage um den Flughafen Kabul in Afghanistan hat sich nach Angaben der Bundeswehr am Sonntag etwas entspannt. Nachdem es am Samstag „dramatische“ Zustände in der Menschenmenge vor geschlossenen Toren des Flughafens gegeben habe, sei die Situation nun „relativ entspannt“, sagte der Kommandeur des deutschen Evakuierungseinsatzes, Brigadegeneral Jens Arlt. „Das sind immer nur Momentaufnahmen“, fügte er aber hinzu.

Afghanin bekommt Baby an Bord von US-Flugzeug - In Ramstein gelandet

Eine afghanische Frau hat an Bord eines US-Evakuierungsflugzeugs ein Baby zur Welt gebracht. Ihre Wehen und zusätzliche gesundheitliche Beschwerden setzten auf dem Weg zum US-Stützpunkt Ramstein in Deutschland ein, wie das Transportkommando der US-Luftwaffe am Sonntag mitteilte. Ihr Zustand habe sich verbessert, nachdem die C-17-Transportmaschine niedriger flog und der Luftdruck im Flugzeug sich dadurch erhöhte. Das Manöver habe geholfen, ihr Leben zu retten. Nach der Landung im pfälzischen Ramstein habe die Frau im Laderaum der Maschine mit Hilfe von Soldaten ein Mädchen zur Welt gebracht. Mutter und Kind gehe es gut.

Die Air Base in Ramstein ist der weltweit größte Luftwaffenstützpunkt der USA außerhalb der Heimat. Die ehemaligen Ortskräfte der USA in Afghanistan und ihre Familien, die aus Angst vor den militant-islamistischen Taliban ihre Heimat verlassen, kommen zunächst in Flugzeughangars der Air Base unter. Von dort sollen sie in die USA geflogen werden.

Bundeswehr fliegt weitere 196 Menschen aus Kabul aus

Die Bundeswehr hat weitere 196 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen. Eine Transportmaschine A400M sei am Sonntag um 11.19 Uhr (MESZ) vom Flughafen der Hauptstadt Kabul in Richtung Usbekistan gestartet, teilte das Einsatzführungskommando via Twitter mit. „Die Lage dort ist nach wie vor sehr schwierig. Es wird alles getan, so viele Schutzbedürftige wie möglich pro Flug nach Taschkent auszufliegen.“ Insgesamt dürfte die Bundeswehr nach eigenen Zahlen nun mehr als 2300 Menschen evakuiert haben.

Mehrere Militärtransporter der Bundeswehr pendeln zwischen Kabul und Taschkent, von wo aus die Evakuierten ihren Weiterflug nach Deutschland antreten sollen. Zuvor hatte ein in Kabul gestarteter A400M lediglich 20 Menschen in die usbekische Hauptstadt bringen können. Die geringen Zahlen können etwa darin begründet sein, dass es wegen der chaotischen Menschenmassen rund um den Flughafen nicht genügend Schutzpersonen bis hinein schaffen und rechtzeitig abgefertigt werden und die Maschinen nur sehr eng getaktete Zeitfenster für den Start bekommen.

Nach Taliban-Machtübernahme: In Afghanistan geht das Bargeld aus

Nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan geht den Menschen zunehmend das Bargeld aus. Einwohner Kabuls berichteten der dpa, die Geldautomaten in der Stadt seien praktisch leer. Banken und auch der Geldwechslermarkt seien seit einer Woche geschlossen. „Alle in der Stadt beschweren sich mittlerweile, dass sie kein Geld abheben können“, sagte ein Bewohner.

Ein Mann sagte dem lokalen TV-Sender ToloNews, seine Bank habe zudem eine Obergrenze für Abhebungen eingeführt. Wenn denn ein Geldautomat doch noch befüllt sei, könne man nur 10.000 Afghani (rund 100 Euro) abheben. Viele drücke die Sorge, dass sie angesichts der aktuellen Krise überhaupt nicht mehr an ihr Geld kommen.

Auf der Facebook-Seite des Finanzministeriums hieß es in der Nacht zu Sonntag, die Zentralbank, private Banken und andere Finanzinstutionen nähmen bald wieder ihren Betrieb auf. Gleichzeitig wurde das „technische Personal“ des Ministeriums aufgerufen, zur Arbeit zurückzukehren.

Andere Ministeriumsmitarbeiter sollten eine Entscheidung der Finanzkommission der Taliban abwarten. Es hieß zudem, alle zivilen Staatsangestellten würden ab dem Beginn der „neuen islamischen Regierung“ wieder wie früher bezahlt werden.

Sieben Tote bei Gedränge vor Flughafen Kabul

In Kabul sind im Gedränge rund um den Flughafen nach Angaben der britischen Regierung sieben Menschen ums Leben gekommen. „Unsere Gedanken sind bei den Familien von sieben afghanischen Zivilisten, die tragischerweise in der Menge in Kabul gestorben sind“, hieß es am Sonntag in einem Statement des Verteidigungsministeriums.

Zuvor hatte bereits ein Korrespondent des britischen Senders Sky News von chaotischen Szenen vor den Toren des Flughafens berichtet, bei denen Menschen am Samstag „gequetscht“ worden seien. Viele seien dehydriert und verzweifelt gewesen. Seinem Bericht zufolge konnten Sanitäter bei mehreren Menschen keine Lebenszeichen mehr feststellen, woraufhin diese in weiße Tücher gehüllt wurden.


Samstag, 21. August 2021

Bericht über Tote am Flughafen von Kabul

Im Gedränge am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul hat es einem Medienbericht zufolge mehrere Tote gegeben. Aufnahmen des britischen Fernsehsenders Sky News zeigten am Samstag, wie Soldaten mindestens drei Leichen mit weißer Plane abdeckten. Woran die Menschen starben, war zunächst unklar. Auch mehrere Verletzte waren zu sehen.

Der Sky-News-Reporter Stuart Ramsay, der selbst am Flughafen war, berichtete, im Gedränge seien mehrere Menschen „gequetscht“ worden. Rettungskräfte eilten von einem Verletzten zum anderen. Ramsay sagte, die am Flughafen wartenden Menschen seien „dehydriert und in Panik“. Er filmte auch Soldaten, die Wartende zur Abkühlung mit einem Wasserschlauch nass spritzten.

Vor einer Woche hatten die radikalislamischen Taliban die Macht in Afghanistan wieder an sich gerissen. Seitdem versuchen unzählige Menschen verzweifelt, das Land zu verlassen. Die Lage am Kabuler Flughafen spitzte sich zuletzt gefährlich zu. Am Samstag warteten bei starker Hitze weiter tausende Afghanen mit Ausreisepapieren auf Flüge. US-Soldaten hielten zugleich tausende Menschen ohne Papiere davon ab, auf das Flughafengelände zu gelangen.

EU: Rettung aller Ortskräfte aus Afghanistan bis Ende August „unmöglich“ 

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell hält es für unmöglich, bis Ende August alle Ortskräfte der USA und anderer Nato-Staaten aus Afghanistan auszufliegen. „Das ist mathematisch unmöglich“, sagte Borrel am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. Borrell machte die strengen Sicherheitsvorkehrungen des US-Militärs am Kabuler Flughafen mitverantwortlich für die dramatische Situation.

Borrell sagte, die EU habe sich bei den USA über die strengen Sicherheitsvorkehrungen „beschwert“. Afghanische Ortskräfte der EU, die das Land verlassen wollen, hätten Schwierigkeiten auf das Flughafengelände zu gelangen.

Vor einer Woche hatten die radikalislamischenTaliban die Macht in Afghanistan wieder an sich gerissen. Seitdem versuchen unzählige Menschen verzweifelt, das Land zu verlassen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderte am Samstag alle Mitgliedsländer der EU zur Aufnahme schutzbedürftiger Afghanen auf.

Weiterer Bundeswehr-Flieger evakuiert 205 Menschen aus Kabul

Ein weiterer Bundeswehr-Flug hat 205 Menschen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul evakuiert. Der Airbus A400M machte sich am späten Samstagnachmittag deutscher Zeit auf den Weg ins usbekische Taschkent, wie die Bundeswehr auf Twitter mitteilte.

Zuvor war die Evakuierung inmitten chaotischer Verhältnisse am Flughafen zeitweise ins Stocken geraten. Mit zwei vorausgehenden deutschen Flügen konnte die Bundeswehr nur insgesamt 15 Personen nach Usbekistan bringen.

Die Evakuierungen würden unter sehr schwierigen Bedingungen durchgeführt, twitterte das Auswärtige Amt. „Tore werden kurzfristig geöffnet & geschlossen“, hieß es zur Situation am Flughafen. „Situation bleibt gefährlich & volatil.“

US-Streitkräfte: Eingangstore am Flughafen Kabul sind geöffnet

Bei der Evakuierungsmission in Afghanistan fertigen die US-Streitkräfte am Flughafen Kabul an den verschiedenen Eingängen nach eigenen Angaben weiterhin Menschen ab. Eingangstore seien in den vergangenen 24 Stunden nur kurzfristig geschlossen worden, damit „die richtigen Leute“ passieren konnten, sagte US-Generalmajor William Taylor am Samstag im Pentagon. Nicht erklären konnten Taylor und Pentagon-Sprecher John Kirby, warum die US-Botschaft in Kabul US-Bürgern am Samstag geraten hatte, nicht zum Flughafen zu fahren. Kirby verwies aber darauf, dass die Lage rund um den Flughafen nicht stabil sei und sich ständig ändere.

Kirby sagte, es gebe „eine geringe Anzahl“ von Amerikanern, die auf dem Weg zum Flughafen in den vergangenen Tagen von Taliban drangsaliert oder geschlagen worden seien. Das gelte auch für afghanische Unterstützer des US-Einsatzes. Die meisten Amerikaner würden aber durch die Checkpoints der Taliban gelassen. Die Zuständigen bei den Taliban seien über die Zwischenfälle informiert worden. Die militanten Islamisten haben nach Darstellung der US-Regierung zugesagt, Amerikaner passieren zu lassen. „Es hat den Anschein, dass nicht alle Taliban-Kämpfer die Botschaft verstanden haben oder sich entschlossen haben, sie zu befolgen“, sagte Kirby.

Deutsche Botschaft in Kabul: Grundsätzlich sicherer, zu Hause zu bleiben

Die deutsche Botschaft in Kabul hat dazu aufgerufen, angesichts der unübersichtlichen Lage am Flughafen und in der Stadt zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben. „Der Zugang zum Flughafen Hamid Karzai International Airport ist derzeit nur sehr eingeschränkt möglich. Das North Gate ist bis auf weiteres geschlossen“, hieß es in einem Landsleutebrief, der am Samstagabend (Ortszeit) verschickt wurde. „Derzeit ist es grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben.“ Es seien aber weiterhin Evakuierungsflüge der Bundeswehr geplant.

Am Samstag hatte die Bundeswehr mit zwei Flügen lediglich 15 Menschen von Kabul in die usbekische Hauptstadt Taschkent bringen können. Ein Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur von Tausenden Menschen, die am Flughafen in Kabul ausharrten. Für Samstag waren laut Verteidigungsministerium bis zu sechs Evakuierungsflüge geplant. Es war allerdings zunächst unklar, wie Passagiere angesichts des weiter geschlossenen Zugangstores und der Menschenmassen dort diese Flüge erreichen können.

US-Streitkräfte: 3800 Menschen in 24 Stunden aus Kabul ausgeflogen

Die US-Streitkräfte haben seit Beginn der Evakuierungsmission in Afghanistan vor einer Woche nach eigenen Angaben insgesamt 17.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Generalmajor William Taylor sagte am Samstag im Pentagon, in den 24 Stunden zuvor hätten die US-Streitkräfte insgesamt rund 3800 Menschen evakuiert. Dafür seien sechs Flugzeuge der US-Luftwaffe und 32 Chartermaschinen eingesetzt worden. 5800 US-Soldaten sicherten den Flughafen in der afghanischen Hauptstadt. „Es wurde keine Änderung der aktuellen Feindlage in und um den Flughafen gemeldet.“

Merkel und Erdogan beraten über Lage in Afghanistan

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Samstag mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan telefoniert und über die Lage in Afghanistan gesprochen. Wie die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer mitteilte, waren sich die Bundeskanzlerin und Präsident Erdogan einig, „dass die Evakuierung schutzbedürftiger Menschen aus Afghanistan weiterhin höchste Priorität hat“.

Die beiden vereinbarten demnach auch eine enge Zusammenarbeit bei der Unterstützung der Arbeit internationaler Organisationen, insbesondere des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR), in Afghanistan und seinen Nachbarstaaten.

Weitere Ortskräfte aus Afghanistan sollen nach Brandenburg kommen

In Brandenburg werden an diesem Sonntag weitere Ortskräfte aus Afghanistan erwartet. Sie kämen voraussichtlich im Laufe des Tages an, sagte der Leiter der Zentralen Ausländerbehörde von Brandenburg, Olaf Jansen, am Samstag auf Anfrage. Die neu ankommenden Ortskräfte sollen wie diejenigen, die am Freitag eingetroffen waren, in der Erstaufnahme in Doberlug-Kirchhain (Landkreis Elbe-Elster) unterkommen. Zu den 59 Ortskräften mit Angehörigen waren laut Jansen später acht weitere hinzugekommen. Unter allen Ankommenden seien auch Angestellte deutscher Unternehmen und Botschaftspersonal. Der Gesundheitszustand von allen sei gut.

Luftfahrtbehörde: Menschen sollen nicht zum Flughafen Kabul kommen

Die afghanische zivile Luftfahrtbehörde hat dazu aufgerufen, nicht mehr zum Flughafen Kabul zu kommen. Es gebe weiter keine zivilen und kommerziellen Flüge, hieß es in einer am Samstag auf Facebook veröffentlichten Nachricht. Man bitte die Menschen, nicht zum Flughafen zu kommen.

In Kabul belagern weiterhin Tausende Menschen die Eingänge zum Flughafen. Sie hoffen auf einen Platz in einem Flugzeug, um nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban aus dem Krisenstaat zu fliehen. Aktuell werden vom Flughafen lediglich Evakuierungsflüge durchgeführt.

Reporter ohne Grenzen fordert Evakuierung afghanischer Journalisten 

Angesichts der Bedrohung für unabhängige Berichterstatter durch die Taliban hat die Organisation Reporter (RSF) ohne Grenzen US-Präsident Joe Biden aufgefordert, einen speziellen Plan für die Evakuierung afghanischer Journalisten auszuarbeiten. Ihre Organisation habe „dutzende und aberdutzende“ Hilferufe erhalten, berichtete RSF-Generalsekretär Christophe Deloire am Samstag in Paris. „Unser Problem ist nicht, für die Betroffenen Visa oder Plätze in Flugzeugen zu bekommen, sondern die Menschen zu den Flugzeugen zu bringen.“

Knapp eine Woche nach der Machtergreifung der Taliban ist die Sicherheitslage in Kabul und vor allem am Flughafen äußerst angespannt. Der Zugang zum Flughafen sei aufgrund der gefährlichen Lage häufig nicht möglich, teilte am Samstag das Auswärtige Amt in Berlin mit. „Nach unserem Kenntnisstand sind die Gates derzeit geschlossen.“

Vom Flughafen starten derzeit regelmäßig Flugzeuge westlicher Länder, um eigene Staatsbürger und auch für sie arbeitende afghanische Ortskräfte oder andere Schutzbedürftige auszufliegen. Allerdings gelangen viele von ihnen nicht auf den Flughafen, so dass die Maschinen oft mit nur wenigen Passagieren abheben müssen.

Bundeswehr-Hubschrauber in Kabul angekommen – Tausende am Flughafen

Für ihren gefährlichen Evakuierungseinsatz in Afghanistan hat die Bundeswehr ihre Kräfte verstärkt und zwei Hubschrauber an den Flughafen Kabul verlegt. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums können die Helikopter vom Typ Airbus H145M für die Rettung einzelner Bundesbürger oder auch einheimischer Ortskräfte aus Gefahrenlagen eingesetzt werden.

Ebenfalls in Kabul eingetroffen ist am Samstag der Vizechef der militant-islamistischen Taliban, die seit einer Woche die Macht in dem Krisenstaat übernommen haben. Mullah Abdul Ghani Baradar will mit Taliban-Mitgliedern und weiteren Politikern über die Bildung einer neuen Regierung sprechen, wie Taliban-Kreise der Deutschen Presse-Agentur sagten. Baradar ist der bislang höchstrangige Taliban-Führer, der in Kabul eingetroffen ist. 

Am Flughafen Kabul blieb die Lage derweil weiter extrem angespannt und gefährlich. Ein Augenzeuge berichtete der dpa von Tausenden Menschen, die die Eingänge belagerten. Der Augenzeuge hatte bereits den gesamten Freitag an einem Eingang verbracht. Als er am Samstagmorgen (Ortszeit) zurückkehrte, habe sich die Menschenmenge noch einmal verdoppelt.

Es fielen weiter praktisch durchgehend Schüsse. Am nördlichen Eingang habe es zudem Lautsprecherdurchsagen gegeben, dass das Gate nun zwei Tage geschlossen sei. Der US-Sender CNN berichtete unter Berufung auf eine „informierte Quelle“, das rund 14 000 Menschen am Flughafen ausharrten.

Über Flughafenmauer gereichtes Baby ist zurück beim Vater

Ein Baby, das am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul über eine Mauer mit Stacheldraht hinweg an US-Soldaten übergeben wurde, ist nach einer medizinischen Behandlung wieder bei seinem Vater. Pentagon-Sprecher John Kirby äußerte sich zu dem Vorfall, der auf einem Video festgehalten wurde und viel Mitgefühl auslöste.

„Das Elternteil hat die Marineinfanteristen gebeten, sich um das Baby zu kümmern, weil das Baby krank war“, sagte Kirby. Der US-Soldat habe das Kleinkind deswegen über die Mauer gezogen und zu einem norwegischen Krankenhaus auf dem Flughafengelände gebracht. Auf dem Video ist zu sehen, wie der Soldat das Baby an einen anderen Soldaten weiterreicht.

„Sie haben das Kind behandelt und das Kind seinem Vater zurückgegeben“, sagte Kirby. Er sprach von einem „Akt des Mitgefühls“ der US-Soldaten. Wo sich das Baby und sein Vater inzwischen befinden, konnte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums nicht sagen. „Ich weiß nicht, wo sie jetzt sind.“ Er wisse auch nicht, ob der Vater möglicherweise eine afghanische Ortskraft sei, die sich um ein Sondervisum für die USA bewerbe.

Bundeswehr fliegt sieben weitere Schutzbedürftige aus Kabul aus

Die Bundeswehr hat in der Nacht auf Samstag sieben weitere Schutzbedürftige aus der afghanischen Hauptstadt Kabul evakuiert. Die Menschen seien in die usbekische Hauptstadt Taschkent gebracht worden, teilten die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium via Twitter mit. Der Flieger hob laut Bundeswehr um 2 Uhr deutscher Zeit ab und landete um 3.18 Uhr.

Zuvor hatte die deutsche Botschaft in der Nacht auf Samstag in einem Schreiben an Menschen, die auf einen Flug hoffen, auf einen besonders erschwerten Zugang zum Flughafen in Kabul hingewiesen. „Die Lage am Flughafen Kabul ist weiterhin äußerst unübersichtlich. Es kommt immer häufiger zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen an den Gates“, hieß es in dem Schreiben. „Das NORTH GATE des Hamid Karzai International Airport, militärischer Teil wird definitiv heute Nacht geschlossen sein.“


Freitag, 20. August 2021

Zweiter Deutscher auf dem Weg zum Flughafen Kabul verletzt

In der Nähe des Flughafens Kabul in Afghanistan ist ein weiterer Deutscher verletzt worden. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Freitag aus dem Auswärtigen Amt. Es soll eine leichte Verletzung sein. Ob es sich um eine Schussverletzung handelt, blieb zunächst unklar. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass ein anderer Deutscher auf dem Weg zum Flughafen angeschossen wurde. Einer der beiden Verletzten wurde bereits ins usbekische Taschkent ausgeflogen. Der andere ist transportfähig, hält sich aber weiterhin in Kabul auf.

Berlin hat Anfrage vom Bund zu Aufnahme von afghanischen Ortskräften

Das Bundesinnenministerium hat das Land Berlin angefragt, ob es 300 evakuierte Ortskräfte aufnehmen kann. Das sagte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales am Freitagabend auf dpa-Anfrage. „Wir wissen aber nicht, wie viele Menschen ankommen“, sagte sie. Auch der Zeitpunkt stehe noch nicht fest. Berlin werde ein Verteilzentrum. Das heißt: „Diejenigen die ankommen, werden registriert und untersucht. Sie werden nicht alle hier bleiben.“

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und andere Senatsmitglieder hatten zuletzt mehrfach betont, dass auch die Hauptstadt bereit sei, diese Menschen und andere Geflüchtete aufzunehmen.

100 Millionen Euro für Flüchtlinge - Hubschrauber nach Kabul

Die Bundesregierung stellt zusätzlich 100 Millionen Euro humanitäre Hilfe für Menschen bereit, die in Afghanistan vor den Taliban fliehen. Damit sollen Flüchtlinge im Land und in den Nachbarstaaten unterstützt werden, wie das Auswärtige Amt am Freitag in Berlin mitteilte. Kanzlerin Angela Merkel bat in Moskau den russischen Präsidenten Wladimir Putin um Unterstützung bei der Rettung afghanischer Ortskräfte. Die Taliban verwehren diesen den Zugang zum Flughafen in Kabul. Abhilfe könnten zwei Hubschrauber schaffen, die die Bundeswehr in die Hauptstadt verlegt hat.

Merkel bei Putin

Kanzlerin Merkel machte die Rettung der Ortskräfte auch zum Thema bei ihrem Besuch in Moskau. Sie habe Putin gebeten, in Gesprächen mit den Taliban deutlich zu machen, dass eine Zusammenarbeit in humanitären Fragen mit ihnen besser möglich sei, wenn diese Menschen das Land verlassen könnten, sagte Merkel nach dem Gespräch. Sie betonte, „dass es ein sehr frustrierender Moment ist zu erleben, dass die Taliban zurückgekehrt sind und das Land kontrollieren“. Nun müsse man versuchen, mit ihnen zu reden, sagte die Kanzlerin.

Der Westen habe Afghanistan nicht sein System aufdrängen wollen, betonte Merkel. Man habe aber schon in dem Land die Freude darüber erlebt, dass Millionen Mädchen in die Schule gehen und Frauen mitbestimmen konnten. Die Kanzlerin bekräftigte erneut, dass es dem Westen mit seinem Einsatz zwar gelungen sei, die von Afghanistan ausgehende akute Terrorgefahr zu bannen, wenn auch „nicht dauerhaft“. Alle weitergehenden Ziele seien jedoch nicht erreicht worden.

Biden will „alle notwendigen Ressourcen“ für Afghanistan-Evakuierungen nutzen 

US-Präsident Joe Biden hat versprochen, alle US-Bürger aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen, und eine ähnliche Zusage für Ortskräfte gemacht. Für alle US-Bürger, die das Land nach der Machtübernahme der Taliban verlassen wollten, gelte: „Wir werden Sie nach Hause bringen“, sagte Biden am Freitag im Weißen Haus.

Auf die Frage eines Journalisten, ob eine solche Zusage auch für afghanische Ortskräfte wie Übersetzer gelte, sagte Biden: „Ja, wir gehen die gleiche Verpflichtung ein.“ Es gebe „nichts Wichtigeres“, als US-Bürger außer Landes zu bringen. Afghanische Ortskräfte seien aber „ebenso wichtig“, sagte Biden - fügte dann allerdings ein „fast“ hinzu.

Der Präsident bezeichnete die Evakuierungsaktion für westliche Bürger und Ortskräfte aus der afghanischen Hauptstadt Kabul als „eine der größten, schwierigsten Luftbrücken der Geschichte“. „Diese Evakuierungsmission ist gefährlich“, sagte Biden. „Sie birgt Risiken für unsere Streitkräfte und wird unter schwierigen Umständen ausgeführt. Ich kann nicht versprechen, was das abschließende Ergebnis sein wird, oder dass es kein Risiko von Verlusten gibt. Aber als Oberkommandierender der Streitkräfte kann ich versichern, dass ich alle notwendigen Ressourcen mobilisieren werde.“

USA und Verbündete bringen Tausende Menschen aus Kabul in Sicherheit 

Die Bundeswehr hat bei ihrem größten Evakuierungseinsatz bislang mehr als 1700 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht. Wie die Bundeswehr am Freitag weiter mitteilte, handelt es sich dabei um Deutsche, afghanische Ortskräfte sowie Menschen aus insgesamt 36 weiteren Ländern. Den mit Abstand größten Teil an Schutzsuchenden flog die US-Armee aus. US-Präsident Joe Biden erklärte am Freitag, seit dem Start der Mission vor etwa einer Woche seien rund 13.000 Menschen evakuiert worden. Nach Angaben des Weißen Hauses waren es allein in den vergangenen 24 Stunden 5700 Menschen.

Biden: Weitere Hilfe für Afghanistan von starken Bedingungen abhängig

Nach der Machtübernahme durch die Taliban wird eine Fortsetzung der humanitären Hilfe für Afghanistan nach Angaben von US-Präsident Joe Biden von „starken Bedingungen“ abhängig sein. Die Taliban bräuchten die Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft, um das Land finanziell über Wasser zu halten, sagte Biden am Freitag im Weißen Haus. Künftige US-Hilfen sollen davon abhängen, wie gut die Taliban die Afghanen behandeln, insbesondere die Frauen und Mädchen, wie Biden betonte. Er werde sich gemeinsam mit den Verbündeten und der internationalen Gemeinschaft dafür einsetzen, die Taliban dahingehend unter Druck zu setzen.

Die Taliban hofften, „eine gewisse Legitimität zu gewinnen“, sagte Biden. „Sie werden einen Weg finden müssen, wie sie das Land zusammenhalten.“ Jegliche Hilfen würden künftig von „scharfen Bedingungen, starken Bedingungen“ abhängen. Die US-Regierung hatte bereits zuvor signalisiert, dass eine begrenzte Unterstützung, die direkt den Menschen in Afghanistan zugute käme, unter bestimmten Bedingungen auch künftig vorstellbar wäre.

Biden: Inzwischen fast 6000 US-Soldaten am Flughafen Kabul

Das US-Militär ist am Flughafen Kabul nach Angaben von Präsident Joe Biden inzwischen mit „fast 6000“ Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Das US-Militär werde alles tun, den Evakuierungseinsatz für Amerikaner und Verbündete sicher und erfolgreich durchzuführen, sagte Biden am Freitag im Weißen Haus. Biden hatte für den Einsatz eine Truppenstärke von rund 6000 Soldaten autorisiert. Bis zum Donnerstag war die Truppenstärke bereits auf 5200 angestiegen, wie das Verteidigungsministeriums mitgeteilt hatte. Die Soldaten sollen die Sicherheit des Flughafens gewähren und unter anderem die Evakuierung von Amerikanern und früheren afghanischen Mitarbeitern der US-Streitkräfte organisieren.

Athen und Ankara: Afghanistans Nachbarn müssen unterstützt werden

Griechenland und die Türkei haben die internationale Gemeinschaft aufgefordert, Afghanistans unmittelbare Nachbarstaaten angesichts eines möglichen großen Flüchtlingszustroms zu unterstützen. Auf diese Forderung verständigten sich der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Freitag bei einem Telefonat, wie das Büro des griechischen Regierungschefs mitteilte. Die afghanischen Flüchtlinge sollten damit so nahe wie möglich an ihrer Heimat bleiben können.

Griechenland baute mittlerweile an seichten Stellen entlang des an die Türkei grenzenden Flusses Evros neue Zäune auf und versetzte seinen Grenzschutz auf dem Festland und den Inseln in Alarmbereitschaft, wie das Staatsfernsehen (ERT) berichtete. Bislang sei jedoch kein Zustrom von Migranten aus Afghanistan registriert worden.

Nato plant Aufnahmelager für ausgeflogene afghanische Helfer

Die Nato plant die Einrichtung von Aufnahmelagern für ausgeflogene afghanische Helfer. „Wir diskutieren unterschiedliche Orte für die vorübergehende Unterbringung von Afghanen“, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Freitag nach Beratungen der Außenminister der Bündnisstaaten. Mehrere Alliierte hätten zudem bereits ihre Bereitschaft signalisiert, auch längerfristig frühere afghanische Helfer der Nato aufzunehmen.

Nach Angaben von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) wird bereits jetzt der riesige US-Militärstützpunkt im pfälzischen Ramstein als Drehkreuz für die Evakuierung von Schutzsuchenden aus Afghanistan genutzt. Zudem soll es nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur unter anderem eine Aufnahmeeinrichtung im Kosovo geben. Darüber berichtete auch der „Business Insider“.

Nach Angaben von Stoltenberg arbeiteten zuletzt noch an die 200 Afghanen für die Nato. Hinzu kommen zum Beispiel die Mitarbeiter, die für die nationalen Kontingente tätig waren und noch ausgeflogen werden müssen.

Um die Menschen in Sicherheit zu bringen, sollen sie zunächst vom Flughafen in Kabul nach Katar oder Kuwait gebracht werden. Von dort aus geht es dann weiter nach Europa. Die vorübergehenden Unterkünfte sollen in bereits existierenden Militäreinrichtungen aufgebaut werden.

Verzweiflung in Kabul: Baby über Mauer an US-Soldaten übergeben

Am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul nimmt die Verzweiflung jener Menschen zu, die aus Angst um ihr Leben auf eine Ausreise hoffen. Auf einem Videoclip, der sich am Freitag in sozialen Medien und in US-Medien verbreitete, war zu sehen, wie aus einer Menschenmenge ein Baby über eine Mauer mit Stacheldraht an US-Militärs übergeben wurde. Ein Soldat packte das Baby am rechten Arm und reichte es an Kollegen weiter.

Ein Sprecher der US-Marineinfanteristen erklärte am Freitag, der Soldat in dem Clip sei ein Mitglied einer ihrer Einheiten. Das Baby sei zu einer medizinischen Station auf dem Gelände gebracht worden und werde dort von Gesundheitspersonal versorgt. Zu den Umständen der Szene - etwa dazu, was mit den Eltern des Kindes ist - äußerte sich der Sprecher auf Anfrage zunächst nicht weiter.

Auch auf anderen - allerdings nicht offiziell bestätigten - Videos in sozialen Medien war zuvor zu sehen gewesen, wie Menschen kleine Kinder über Mauern mit Stacheldraht an Soldaten reichten.

Nato-Außenminister warnen Taliban vor Terrorunterstützung

Die Außenminister der 30 Nato-Staaten haben die neuen Machthaber in Afghanistan vor einer Zusammenarbeit mit internationalen Terroristen gewarnt. Man habe 20 Jahre lang erfolgreich verhindert, dass Terroristen Afghanistan als einen sicheren Rückzugsort für die Initiierung von Anschlägen nutzen könnten, heißt es in einer am Freitag nach einer Videokonferenz veröffentlichten Erklärung. Man werde Bedrohungen durch Terroristen nicht zulassen und sei entschlossen, den Kampf gegen Terrorismus unnachgiebig, zielstrebig und solidarisch fortzusetzen.

Ob und wenn ja welche Konsequenzen aus den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan gezogen, ließen die Außenminister offen. In der Erklärung heißt es zu diesem Thema lediglich: „Gemeinsam werden wir unser Engagement in Afghanistan umfassend reflektieren und die notwendigen Lehren ziehen.“ Der Machtübernahme der Taliban war die Entscheidung der Nato vorausgegangen, ihren Militäreinsatz in Afghanistan bedingungslos zu beenden.

Evakuierungsflug mit Menschen aus Afghanistan in Hannover gelandet

Ein Evakuierungsflug der Luftwaffe mit Geretteten aus Afghanistan ist am Freitag in Hannover gelandet. An Bord waren nach Angaben des niedersächsischen Innenministeriums 158 afghanische Ortskräfte und Familienangehörige. Dazu zählten etwa 30 bis 40 Kinder und Jugendliche, von denen 20 unbegleitet seien. Die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen sollten vom Landesjugendamt betreut werden. Die übrigen Menschen aus Afghanistan würden in das Grenzdurchgangslager Friedland gebracht.

Außerdem kamen 32 EU-Bürger mit der Militärmaschine vom Typ Airbus A310-MRTT in Hannover an. Ein weiteres Flugzeug mit bis zu 250 Personen werde noch am Freitagabend in Hannover erwartet, sagte eine Ministeriumssprecherin. Der Airbus A310-MRTT war in der usbekischen Hauptstadt Taschkent gestartet. Damit flog die Bundeswehr erstmals selbst „Schutzpersonen“ aus Afghanistan nach Deutschland. Zuvor hatte es nur Pendelflüge der Bundeswehr zwischen der afghanischen Hauptstadt Kabul und Taschkent gegeben, von wo es dann mit Passagiermaschinen weiter nach Deutschland ging.

Whatsapp sperrt offenbar Konten von Taliban

Facebook will afghanische Nutzer nach der Machtübernahme der Taliban online durch neue Sicherheitsmaßnahmen schützen. „Wir arbeiten eng mit unseren Partnern in der Industrie, der Zivilgesellschaft und der Regierung zusammen, um jede erdenkliche Unterstützung zum Schutz der Menschen zu leisten“, schrieb der für die Sicherheitsstrategie zuständige Nathaniel Gleicher im Onlinedienst Twitter am Donnerstag (Ortszeit). Auch Nutzer des zu Facebook gehörenden Dienstes Instagram in Afghanistan sollen Informationen zum Schutz ihrer Konten erhalten.

Es sei in Afghanistan vorübergehend nicht mehr möglich, die Freundeslisten anderer Nutzer zu durchsuchen. So will das Unternehmen verhindern, dass die Taliban durch das Online-Netzwerk Menschen ins Visier nehmen können. Auch könnten Nutzerinnen und Nutzer die Sichtbarkeit von Beiträgen auf Menschen beschränken, die sie kennen.

Auch Taliban-Konten beim Onlinedienst Whatsapp wurden offenbar gesperrt. So war der Sprecher der Islamisten, Sabihullah Mudschahid dort nicht mehr erreichbar. Die „Financial Times“ berichtete zudem, dass ein Taliban-Konto, bei dem Afghanen Plünderungen anzeigen konnten, gesperrt wurde.

Über 9000 Menschen bisher bei Rettungsaktion aus Kabul ausgeflogen

Angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban haben westliche Länder inzwischen weit über 9000 Menschen aus Kabul ausgeflogen – und Tausende warten immer noch verzweifelt auf ihre Rettung. Die Bundeswehr flog bis spät in die Nacht zum Freitag deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul aus, insgesamt nun mehr als 1640 Menschen. Gleichzeitig laufen weltweit hektische diplomatische Bemühungen, um in der Krise international eng zusammenzuarbeiten.

Zuletzt landete eine Transportmaschine der Bundeswehr vom Typ A400M mit 181 Menschen an Bord in der Nacht in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Zuvor war ein A400M mit 184 Menschen an Bord aus der afghanischen Hauptstadt eingetroffen. „Bisher wurden in elf Umläufen über 1640 Menschen aus Afghanistan evakuiert“, teilte die Bundeswehr im Onlinedienst Twitter mit. Die USA meldeten am Donnerstag, sie hätten in den vergangenen fünf Tagen rund 7000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Auch andere westliche Länder haben bereits hunderte Landsleute ausgeflogen, darunter Frankreich, die Türkei oder Großbritannien.

Am Flughafen der Stadt warten aber weiter tausende Afghanen, um einen Platz in einem rettenden Flieger zu bekommen. Nach unbestätigten Berichten gab es mehrere Tote am Flughafen, wo sich die Menschen in einem Streifen zwischen US-Soldaten und Taliban drängen.


Donnerstag, 19. August 2021

Bericht: BND warnte bereits im Dezember vor Machtübernahme der Taliban

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat die Bundesregierung einem Bericht zufolge seit vielen Jahren vor dem Zusammenbruch des afghanischen Staates gewarnt. Der Auslandsgeheimdienst habe immer wieder Analysen vorgelegt, wonach weder das Militär Afghanistans noch die Politik so aufgestellt seien, dass sie dauerhaft funktionieren könnten, meldete der Spiegel am Donnerstag. Allerdings seien die Beamten in den zuständigen Ministerien kaum auf Gehör gestoßen, berichtete das Magazin unter Berufung auf Angaben aus Sicherheitskreisen.

Mehrere mit den Vorgängen vertraute Mitarbeiter berichteten dem Spiegel von „teilweise frustrierenden Momenten“. Ihre bis dahin negativste Einschätzung gaben die Beamten des Dienstes demnach im Dezember 2020 ab, als sie unter dem Schlagwort „Emirat 2.0“ die Rückkehr der Taliban an die Macht prognostizierten.

Trump: USA sollten frühere Stützpunkte in Afghanistan bombardieren

Das US-Militär sollte nach Ansicht des ehemaligen Präsidenten Donald Trump seine früheren Stützpunkte in Afghanistan in Grund und Boden bombardieren. Zunächst sollten alle US-Bürger und alle Ausrüstung außer Landes gebracht werden, erklärte Trump am Donnerstag. „Dann bombardiert man die Stützpunkte in Bruchstücke.“ Damit gäbe es „kein Chaos, keine Toten“, und die Afghanen „wüssten nicht mal, dass wir weg sind“, behauptete Trump.

Der Republikaner kritisiert seinen Nachfolger, den Demokraten Joe Biden, wegen der chaotischen Szenen beim Abzug aus Afghanistan. Den Anstoß für einen kompletten Abzug der US-Truppen hatte allerdings der damalige Präsident Trump durch ein Abkommen mit den Taliban gegeben.

Das US-Militär hat seine Stützpunkte, darunter auch das Drehkreuz Bagram nördlich der Hauptstadt Kabul, beim Abzug an die Afghanen übergeben. Das US-Militär flog jedoch vorher einen großen Teil seiner Ausrüstung und Waffen außer Landes. Viele Einheiten des afghanischen Militärs ergaben sich im August weitgehend kampflos den Taliban.

Afghanische Fernsehmoderatorin darf unter Taliban nicht mehr arbeiten

In Afghanistan kann eine bekannte Fernsehmoderatorin nach eigenen Angaben nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban nicht mehr arbeiten. „Mir wurde gesagt, ich könne meine Arbeit nicht fortsetzen, weil sich das System geändert habe“, sagte Schabnam Dauran am Donnerstag in einer Videobotschaft. „Wer das hier sieht und wenn die Welt mich hört: Bitte helfen Sie uns, unsere Leben sind in Gefahr.“

„Nach dem Machtwechsel habe ich nicht aufgegeben und wollte ins Büro“, sagte Dauran, die nach eigenen Angaben seit sechs Jahren als Journalistin arbeitet, zuletzt beim Fernsehsender RTA. Anders als ihre männlichen Kollegen sei ihr aber selbst bei Vorzeigen ihres Dienstausweises kein Zutritt zum Büro des Senders gewährt worden.

US-Streitkräfte: 2000 Menschen aus Kabul in 24 Stunden ausgeflogen

Bei der Evakuierungsmission aus Afghanistan hat das US-Militär in den vergangenen 24 Stunden nach eigenen Angaben mehr als 2000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Das sagte Generalmajor William Taylor am Donnerstag im US-Verteidigungsministerium. Seit Beginn der US-Evakuierungsoperation am 14. August liege diese Zahl bei rund 7000 Menschen, seit den ersten Evakuierungsflügen amerikanischer Streitkräfte Ende vergangenen Monats bei rund 12.000. Taylor sagte, er habe keine Zwischenfälle zu vermelden. „Wir setzen uns dafür ein, dass möglichst viele Menschen so schnell und so sicher wie möglich evakuiert werden.“ Die Mission sei von „nationaler Bedeutung“.

Ortskräfte werden erst in der Nacht in Brandenburg erwartet

Die etwa 100 Ortskräfte und ihre Angehörigen aus Afghanistan werden erst in der Nacht in Brandenburg erwartet. Mit der Ankunft des Konvois aus Frankfurt am Main in der Erstaufnahme in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) sei erst nach Mitternacht zu rechnen, teilte das Innenministerium am Donnerstag mit. Brandenburg hatte dem Bund wie andere Bundesländer die Aufnahmebereitschaft für die Erstversorgung der Menschen erklärt. Nach Angaben des Innenministeriums kann das Land bis zu 350 Menschen aufnehmen.

Pentagon: Inzwischen 5200 US-Soldaten am Flughafen Kabul

Das US-Militär ist am Flughafen Kabul nach eigenen Angaben inzwischen mit rund 5200 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Das erklärte ein Vertreter des Verteidigungsministeriums am Donnerstag. In einigen Tagen sollen es womöglich bis zu 6000 Soldaten sein. Sie sollen die Sicherheit des Flughafens gewähren und unter anderem die Evakuierung von Amerikanern und früheren afghanischen Mitarbeitern der US-Streitkräfte organisieren.

Verteidigungsministerium: Keine Bundeswehr-Waffen in Taliban-Händen

Die Bundeswehr hat nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums bei ihrem Abzug aus Afghanistan keine Waffen für die afghanischen Sicherheitskräfte zurückgelassen. „Bei der Rückverlegung des Deutschen Einsatzkontingents wurden keine Waffen der Bundeswehr an afghanische Sicherheitskräfte übergeben“, sagte ein Ministeriumssprecher der Zeitung Die Welt. Somit bestehe auch nicht die Möglichkeit, dass Bundeswehr-Waffen in die Hände der militant-islamistischen Taliban gefallen seien. „Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass Waffen der Bundeswehr in Händen der Taliban sind“, sagte der Sprecher.

Was allerdings mit den Rüstungsgütern geschehen ist, die die Bundesregierung laut Rüstungsexportberichten zwischen 2015 und 2020 für Afghanistan genehmigt hatte – darunter „Geländewagen mit Sonderschutz“, „Kommunikationsausrüstung“ oder „Flugkörperabwehrsysteme für Luftfahrzeuge“ – ist noch ungewiss. „Dazu liegen dem BMVg zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Erkenntnisse vor“, hieß es auf Anfrage der Zeitung.

AP/Rahmat Gul
Bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren am Donnerstag in Kabul.

Nachbarländer China und Tadschikistan üben Terrorabwehr

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan haben Soldaten und Sicherheitskräfte von China und Tadschikistan gemeinsam eine Übung zur Bekämpfung von Terroristen abgehalten. Dabei seien etwa moderne Waffen, Panzer, Artillerie und Drohnen zum Einsatz gekommen, teilte am Donnerstag das Innenministerium in der Hauptstadt Duschanbe mit. Die Ex-Sowjetrepublik hat eine etwa 1300 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan. Ziel sei es, „Erfahrungen im Kampf gegen den Terrorismus im bergigen Gelände auszutauschen“. Zudem wollten beide Länder weitere Sicherheitskräfte für solche Einsätze ausbilden.

China und Tadschikistan als Nachbarländer Afghanistans befürchten, dass sich nach dem Siegeszug der militant-islamistischen Taliban die Sicherheitslage in der Region destabilisieren und Terroristen sich ausbreiten könnten. Die Grenzen beider Länder liegen teilweise im Hochgebirge.

Tschechien beendet Evakuierungen aus Afghanistan

Die tschechische Regierung hat ihre Evakuierungsaktion in Afghanistan abgeschlossen. Der Einsatz sei erfolgreich beendet worden, sagte Ministerpräsident Andrej Babis am Donnerstag in Prag. „Wir haben alle gerettet, die wir retten wollten.“ Mit drei Flügen hatte Tschechien den Angaben zufolge insgesamt knapp 200 Menschen aus Kabul ausgeflogen, darunter 170 afghanische Staatsbürger. Überwiegend handelt es sich um afghanische Ortskräfte und ihre Familien, die vor den Taliban in Sicherheit gebracht wurden.

Biden: Wir werden zurückschlagen, „wie es die Hölle kaum erlaubt“

US-Präsident Joe Biden hat sich in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC zu möglichen Angriffen der Taliban während des Evakuierungseinsatzes in Kabul geäußert. Er sagte: „Die Taliban wissen, dass wir zurückschlagen werden wie es die Hölle kaum erlaubt, falls sie amerikanische Bürger oder das amerikanische Militär angreifen sollten.“ 

Bundeswehr-General: „Dramatische Szenen“ am Flughafen Kabul

Die Lage am Kabuler Flughafen ist nach Angaben des Bundeswehrgenerals Jens Arlt, der den deutschen Evakuierungseinsatz vor Ort führt, „angespannt“. Es spielten sich „dramatische Szenen ab“, schilderte er am Donnerstag die Situation. Arlt war in einer Online-Pressekonferenz des Bundesverteidigungsministeriums telefonisch aus Kabul zugeschaltet.

„Es ist sehr, sehr turbulent alles“, sagte Arlt. „Sie werden vielleicht den einen oder anderen Schuss im Hintergrund hören. Sie sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und auch der Staatsbürger unterschiedlicher Nationen, die einfach versuchen, in den inneren Bereich des Kabul International Airports zu gelangen, das ist schon dramatisch, was wir sehen.“

Der General berichtete von äußeren Kontrollringen der Taliban rund um den Flughafen und Zugängen, die von den USA und andere Nationen besetzt seien. Die Menschen müssten zunächst den Außenbereich erreichen. Es gebe Ausgangssperren in der Stadt, Straßen seien zudem verstopft. Er sprach von Hitze und Staub. Menschen, die in Innenbereich des Flughafens wollten, hätten das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonlaufe.

Chaos in Kabul: Immer mehr Autodiebstähle und Einbrüche

In Kabul kommt es seit der Machtübernahme der Taliban zu immer mehr Autodiebstählen und Einbrüchen. Augenzeugen berichteten der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag, Männer, die sich als Taliban ausgäben, verschafften sich Zugang zu Häusern und nähmen auch Autos oder Motorräder mit. Unter den Betroffenen waren auch Angehörige des Militärs und ein ehemaliger hochrangiger Regierungsvertreter.

Auch nach Waffen werde von vermeintlichen oder tatsächlichen Islamisten gezielt gesucht, hieß es. Lokale Medien berichteten aber auch von einfachen Bürgern, die angehalten wurden und denen dann das Auto direkt auf der Straße weggenommen wurde. In den vergangenen Tagen haben die Taliban wiederholt Telefonnummern veröffentlicht, die Bürger bei solchen Vorfällen anrufen sollen.

Ankunft von afghanischen Ortskräften in Brandenburg verzögert sich

Etwa 100 Ortskräfte und ihre Angehörigen aus Afghanistan sollen am Donnerstag mit Bussen nach Brandenburg kommen. Allerdings verzögerte sich die Abfahrt des Konvois aus Frankfurt am Main nach Angaben des Innenministeriums. Da mit einer Fahrzeit von sieben bis acht Stunden gerechnet werden müsse, sei mit der Ankunft der Menschen erst am späten Abend zu rechnen, sagte Ministeriumssprecher Martin Burmeister.

Inwieweit die Menschen nach der Erstaufnahme auf mehrere Bundesländer aufgeteilt werden, war zunächst unklar. Sie wurden im Rahmen der Rettungsaktion der Bundeswehr nach der schnellen Machtübernahme der islamistischen Taliban aus Afghanistan ausgeflogen.

AfD-Außenpolitiker Hampel fordert Maas und BND-Chef zum Rücktritt auf

Angesichts der Entwicklungen in Afghanistan fordert der außenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Armin-Paul Hampel, den sofortigen Rücktritt von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Auch der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, müsse aufgrund der „völligen Fehleinschätzungen“ seiner Behörde sein Amt sofort niederlegen, sagte Hampel am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Jetzt müssten „politisch Köpfe rollen“, das Handeln der Bundesregierung sei ein „völliges Desaster“. Auch bei der Einrichtung der Luftbrücke habe das Außenministerium auf ganzer Linie versagt. „Man kriegt es nicht mal hin, die Leute zu erfassen, denen wir helfen wollen“, sagte der AfD-Politiker weiter, der in den 90ern als ARD-Korrespondent aus Afghanistan berichtet hatte. Andere Minister seien in Deutschland schon „aus ganz anderen Gründen“ zurückgetreten. Die Federführung für die Afghanistan-Politik habe nun mal beim Auswärtigen Amt gelegen, sagte Hampel.

Aus seiner Sicht kommt die Krise in Afghanistan alles andere als überraschend. Die Staatengemeinschaft habe jahrelang mit den Taliban „gemeinsame Sache“ gemacht, sagte Hampel. „Es muss eine politische Verantwortung für die größte Niederlage eines Nato-Landes in der Geschichte geben.“

Bundespolitiker werfen BND vor, „vollständig ahnungslos“ gewesen zu sein

Nach dem Siegeszug der Taliban in Afghanistan verlangen Bundestagsabgeordnete Aufklärung über die Rolle des Bundesnachrichtendienstes (BND). Die CSU-Abgeordnete Andrea Lindholz sagte am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur vor einer Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums, sie stelle sich die Frage, warum die Einschätzung der Lage so „fehlgelaufen“ sei. Das neunköpfige Gremium kontrolliert für den Bundestag die deutschen Nachrichtendienste. Es tagt geheim. „Warum hat man das nicht absehen können, wie schnell der Vormarsch der Taliban ist?“, fragte Lindholz. „Bei allen Erkenntnissen, die man hat: Warum kam man zu dieser Fehleinschätzung?“

Linke-Fraktionsvize André Hahn, ebenfalls Mitglied des Gremiums, sagte der dpa: „Ich will vor allen Dingen wissen, warum der Bundesnachrichtendienst offenbar vollständig ahnungslos gewesen ist. Man hat sich scheinbar komplett auf die Amerikaner verlassen, die in diesem Fall auch nicht wussten, wie schnell es gehen kann. Man hatte keine eigenen Erkenntnisse.“ Jetzt stehe der BND „komplett nackt“ da, kritisierte Hahn.

Bundeswehr plante vor Abzug Charterflüge für Ortskräfte

Die Bundeswehr hatte bereits vor ihrem Abzug aus Afghanistan Charterflüge für die Ausreise von Ortskräften für den Fall geplant, dass der Transport mit Linienmaschinen nicht mehr möglich ist. Das teilte das Verteidigungsministerium der dpa mit. Am 17. Juni seien zwei Maschinen spanischer Fluggesellschaften aus einem bestehenden Rahmenvertrag der Bundeswehr abgerufen worden, um bis zu 300 Personen vom nordafghanischen Masar-i-Scharif nach Deutschland zu fliegen.

Die Flüge seien für den 25. Juni geplant gewesen – nur vier Tage vor dem Abzug der letzten deutschen Soldaten aus dem Camp Marmal in Masar-i-Scharif. Zu diesem Zeitpunkt habe man mit 60 verbliebenen Ortskräften plus Familienangehörigen gerechnet – insgesamt bis zu 300 Menschen. Es habe sich dann aber herausgestellt, dass die Flüge nicht notwendig gewesen seien. „Es ist im Nachhinein festzustellen, dass ein Charterflug am 25. Juni nicht notwendig war, weil die Menschen Ende Juni noch auf anderem Wege ausfliegen konnten.“

Ein Teil der Ortskräfte habe zu diesem Zeitpunkt keinen Ausreisewunsch gehabt, so das Ministerium. Andere hätten bereits Tickets für Linienflüge gehabt. Für die verbleibenden fünf Ortskräften und ihre Angehörigen seien die Ticketkosten übernommen worden. Der Flughafen Kabul war bis Samstag noch in Normalbetrieb. Auch aus Masar-i-Scharif wurden die Verbindungen ins Ausland erst vergangene Woche eingestellt. „Der Ausfall der Charterflüge (hat) nicht dazu geführt, dass Menschen in Afghanistan festsitzen, die andernfalls ausgeflogen worden wären“, betonte das Ministerium.

dpa/Frank Rumpenhorst
Frankfurt am Main: Afghanen sind nach ihrer Evakuierung in Deutschland eingetroffen.

Regierungskreise: Merkel gibt am 25. August Regierungserklärung zu Afghanistan

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am 25. August im Bundestag eine Regierungserklärung zur Lage in Afghanistan abgeben. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Donnerstag aus Regierungskreisen. In einer Sondersitzung will das Parlament an diesem Tag über das Mandat für den Bundeswehr-Evakuierungseinsatz beraten und beschließen, das das Kabinett am Mittwoch verabschiedet hatte. In der Sitzung geht es unter anderem auch um die Hilfen für die Hochwassergebiete.

Nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban hat der Evakuierungseinsatz der Bundeswehr in den vergangenen Tagen nach einem chaotischen Start Fahrt aufgenommen. Die Opposition wirft der Bundesregierung Schönfärberei und Versagen bei der Lageeinschätzung in den vergangenen Wochen vor.

Bundeswehrverband spricht bei Afghanistan von „politischem Desaster“

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, André Wüstner, hat den politisch Verantwortlichen in der Afghanistan-Krise Versagen vorgeworfen. „Das ist ein politisches Desaster. Es ist eine Tragödie. Und ich kann dem Bundespräsidenten nur beipflichten: Es ist beschämend, was wir da sehen“, sagte Wüstner am Donnerstag im ARD-„Morgenmagazin“. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, habe schon vor Monaten Evakuierungspläne ausarbeiten lassen. „Aber es ist immer eine Frage der politischen Lagebewertung, der politischen Entscheidung. Und die ist sehr spät gefallen.“

DIHK: Afghanische Ortskräfte deutscher Firmen in Sicherheit bringen

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bemüht sich nach eigenen Angaben im Austausch mit dem Auswärtigen Amt darum, afghanische Ortskräfte deutscher Unternehmen in Sicherheit zu bringen. „Soweit uns bekannt, ist kein deutsches Unternehmen mit deutschen Mitarbeitern vor Ort vertreten, gleichwohl gibt es afghanische Staatsangehörige, die bei deutschen Unternehmen angestellt sind und sich noch im Land befinden“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier am Donnerstag. Man stehe mit dem Krisenreaktionsstab des Auswärtigen Amts im Austausch, um Angehörige und afghanische Ortskräfte von Unternehmen mit deutscher Beteiligung in Sicherheit zu bringen.

Die deutsch-afghanischen Wirtschaftsbeziehungen befinden sich laut Treier auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. So belief sich das Handelsvolumen 2020 demnach auf rund 70 Millionen Euro. Ausfuhrgüter der deutschen Wirtschaft nach Afghanistan seien insbesondere Autos und Autoteile, Maschinen, Anlagen und Nahrungsmittel.

Bundeswehr hat bislang mehr als 900 Menschen aus Kabul ausgeflogen

Die Bundeswehr hat bislang mehr als 900 deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte aus Kabul ausgeflogen. Die Evakuierungsflüge wurden in der Nacht zu Donnerstag fortgesetzt, wie das Einsatzführungskommando der Bundeswehr auf Twitter mitteilte. Zuletzt startete demnach um 1.46 Uhr (MESZ) eine Maschine vom Typ A400M „mit über 200 zu Evakuierenden an Bord aus Kabul“.

Die Menschen werden in die usbekische Hauptstadt Taschkent ausgeflogen. Von dort sollen sie weiter nach Deutschland gebracht werden. Zuvor war eine weitere Maschine nach Angaben des Einsatzführungskommandos direkt aus Deutschland über Baku nach Kabul geflogen. Zusätzlich „zu den an Bord befindlichen Paletten mit Versorgungsmaterial aus Deutschland“ seien „noch 15 zu evakuierende Personen aufgenommen“ worden.

Bundeswehr/Marc Tessensohn/dpa
Landung in Taschkent: ein Airbus der Bundeswehr mit Geflüchteten aus Afghanistan (Foto vom 18. August).

Uno zieht Teil ihres Personals aus Afghanistan ab

Die Uno hat einen Teil ihres Personals aus Afghanistan abgezogen. Rund 100 Mitarbeiter würden in die kasachische Stadt Almaty verlegt, erklärte UN-Sprecher Stéphane Dujarric am Mittwoch. „Dies ist eine vorübergehende Maßnahme, die es den Vereinten Nationen ermöglichen soll, der afghanischen Bevölkerung weiterhin mit einem Minimum an Unterbrechungen zu helfen und gleichzeitig das Risiko für das UN-Personal zu verringern.“

Ob es sich bei den 100 Mitarbeitern um internationales oder afghanisches Personal handelt, war unklar. Im Hauptquartier der UN-Hilfsmission für Afghanistan (Unama) in Kabul arbeiten rund 300 ausländische Mitarbeiter und mehr als 700 Afghanen.

Weitere Flugzeuge mit Evakuierten in Frankfurt gelandet

Am Frankfurter Flughafen sind in der Nacht zum Donnerstag zwei weitere Maschinen mit insgesamt rund 500 Menschen gelandet, die aus Afghanistan in Sicherheit gebracht worden sind. Die Flugzeuge – eines von Lufthansa und eines von Uzbekistan Airways – waren wenige Stunden zuvor in der usbekischen Hauptstadt Taschkent gestartet. An Bord der Lufthansa-Maschine waren nach Airline-Angaben rund 250 Menschen, die zuvor mit einer Bundeswehr-Maschine von Kabul nach Taschkent geflogen worden waren. Im Flieger der staatlichen Fluggesellschaft Uzbekistan Airways saßen laut Auskunft des Flughafenbetreibers etwa 240 Menschen. Die Bundeswehr hatte in dieser Woche ihre Rettungsaktion für Deutsche und Afghanen begonnen, um sie nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Sicherheit zu bringen.


Mittwoch, 18. August 2021

US-Militär zu Afghanistan: Halten Kampfflugzeuge und Bomber bereit

Zusätzlich zu den aktuell mehr als 4500 US-Soldaten am Flughafen in Kabul hat das US-Militär nach eigenen Angaben bei Bedarf Zugriff auf zahlreiche Kampfflugzeuge, Bomber und Drohnen in der Region. In Kabul selbst gebe es zudem eine „bedeutende Zahl“ Hubschrauber, darunter Kampf- und Transporthubschrauber, sagte Generalstabschef Mark Milley am Mittwoch im Verteidigungsministerium.

Unter anderem stünden in der Region Staffeln der Kampfflugzeuge der Typen F-16 und F-18 sowie die als „Reaper“ (Sensenmann) bekannten Drohnen vom Typ MQ-9 und Langstreckenbomber vom Typ B-52 bereit.

Deutsches Evakuierungsflugzeug defekt – Ersatzflugzeug in Kabul gelandet

Ein an den Evakuierungsflügen aus Kabul beteiligtes deutsches Transportflugzeug ist defekt. Das Problem beeinflusse die Evakuierungen aus der afghanischen Hauptstadt aber nicht, betonte das Bundesverteidigungsministerium am Mittwochabend im Online-Dienst Twitter. Eine Ersatzmaschine sei bereits in Kabul gelandet. Zudem sei ein weiterer Militärtransporter vom Typ A400M mit Ersatzteilen in Taschkent eingetroffen. Dort befindet sich auch der defekte A400M.

Deutschland und andere westliche Staaten arbeiten derzeit unter Hochdruck daran, ihre Staatsbürger sowie gefährdete Afghanen auszufliegen. Seit Beginn der Evakuierungsmaßnahmen wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums mehr als 670 Menschen aus Kabul in Sicherheit gebracht.

Insgesamt waren für Mittwoch vier deutsche Flüge von Kabul nach Taschkent geplant, wie es in einem vertraulichen Lagebericht des Bundesverteidigungsministeriums vom Mittwoch für den Bundestag heißt, der AFP vorliegt.

Bundeswehr fliegt weitere 220 Menschen aus Kabul nach Taschkent aus

Im Zuge der Evakuierungsflüge aus Kabul ist eine weitere Maschine der Bundeswehr am Mittwochabend mit 220 Menschen an Bord auf dem Flughafen der usbekischen Hauptstadt Taschkent eingetroffen. Damit seien mehr als 670 Menschen aus Kabul in Sicherheit gebracht worden, teilte das Bundesverteidigungsministerium auf Twitter mit. Nach Angaben des Bundesaußenministeriums waren fast alle Passagiere afghanische Staatsbürger, unter ihnen mehr als 80 Frauen.

Der Militärtransporter A400M landete nach Angaben des Verteidigungsministeriums um 18.41 Uhr (MESZ) in Taschkent. Von dort sollen die Menschen in Lufthansa-Maschinen nach Deutschland gebracht werden.

Pentagon: Inzwischen rund 4500 US-Soldaten am Flughafen Kabul

1st Lt. Mark Andries/U.S. Marine Corps/AP
US-Soldaten in Qatar warten auf ihren Flug nach Kabul (17.08.2021).

Das US-Militär ist am Flughafen Kabul nach eigenen Angaben inzwischen mit rund 4500 Soldatinnen und Soldaten im Einsatz. Das erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Mittwoch. Am Vortag waren es noch 3500 gewesen. Kirby sagte, im Laufe des Mittwochs könnten am Flughafen der afghanischen Hauptstadt noch ein paar Hundert Soldaten dazukommen.

In einigen Tagen sollen es dann bis zu 6000 Soldaten werden. Sie sollen die Sicherheit des Flughafens gewähren und unter anderem die Evakuierung von Amerikanern und früheren afghanischen Mitarbeitern der US-Streitkräfte organisieren.

Merkel und Biden vereinbaren enge Zusammenarbeit

Deutschland und die USA wollen mit Blick auf die Lage in Afghanistan weiter eng zusammenarbeiten. Kanzlerin Angela Merkel telefonierte dazu mit US-Präsident Joe Biden, wie ihr Sprecher Steffen Seibert am Mittwoch mitteilte. „Die Bundeskanzlerin und Präsident Biden vereinbarten weitere enge Zusammenarbeit, auch zwischen der Bundeswehr und amerikanischen Sicherheitskräften am Flughafen Kabul.“ Sie seien sich einig gewesen, möglichst viele schutzbedürftige Menschen auszufliegen. Merkel betonte demnach „aus deutscher Sicht die Notwendigkeit, möglichst vielen afghanischen Bürgerinnen und Bürgern, die Deutschland unterstützt haben, die Ausreise zu ermöglichen“.

Zudem sprach Merkel den Angaben zufolge mit weiteren Staats- und Regierungschefs wie dem Präsidenten Usbekistans Schawkat Mirsijojew. Ihm habe Merkel für die logistische Unterstützung bei den deutschen Evakuierungsflügen gedankt. Gestern Abend habe Merkel bereits mit dem Präsidenten Pakistans und dem Emir von Katar gesprochen. „In allen Telefonaten bekräftigte die Bundeskanzlerin die Forderung an die Taliban, auf Gewalt zu verzichten, Menschenrechte zu achten und all jenen freies Geleit zu gewähren, die Afghanistan verlassen wollten.“

Berlin stockt Plätze für mögliche Flüchtlinge aus Afghanistan auf

Aufgrund der Krise in Afghanistan stockt Berlin vorsorglich seine Kapazitäten zur Beherbergung von Flüchtlingen auf. Dazu sollen zurzeit geschlossene Gemeinschaftsunterkünfte wieder ertüchtigt werden, wie eine Sprecherin der Sozialverwaltung am Mittwoch auf dpa-Anfrage sagte. Dazu zählten womöglich auch sogenannte Tempohomes aus Containern.

Ziel sei es, auf einen „Tag X“ vorbereitet zu sein und Geflüchtete sehr schnell unterbringen zu können, erläuterte die Sprecherin, ohne weitere Details etwa zur Zahl der zusätzlichen Plätze zu nennen. Derzeit sei aber völlig unklar, wann und in welchem Umfang Deutschland und Berlin nach dem Machtwechsel in Afghanistan mit geflüchteten Menschen von dort zu rechnen hätten. Nach Angaben des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) vom Vortag stehen in Berlin aktuell 1250 Plätze zur Unterbringung von Geflüchteten bereit.

Berichte: Taliban gehen brutal gegen Demonstranten vor

In Afghanistan soll es zu Protesten gegen die Taliban gekommen sein, etwa in der Stadt Jalalabad. Es heißt, dass die neuen Machthaber unter anderem mit Schlagstöcken gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen seien. Protestierende wollten offenbar die afghanische Nationalflagge hissen. Die Nachrichtenagentur AP und Reuters berichten – mit unterschiedlichen Zahlenangaben – von ein bis drei Toten und mehreren Verletzten. Zu den Vorfällen kursieren auch Videos in den sozialen Netzwerken. Darauf sind mutmaßlich Schüsse zu hören.

Lage in Afghanistan: Merkel telefoniert mit usbekischem Präsidenten

Wegen der Evakuierungsflüge aus Afghanistan hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Usbekistans Präsident Schawkat Mirsijojew telefoniert. Beide Seiten hätten betont, wie wichtig eine enge Abstimmung der Behörden bei den humanitären Flügen zur Evakuierung von Bürgern aus dem Nachbarland Afghanistan sei, teilte das Präsidialbüro am Mittwoch in der Hauptstadt Taschkent mit.

Deutschland nutzt die Hauptstadt der Ex-Sowjetrepublik als Drehkreuz. Dort landen Bundeswehr-Maschinen aus Kabul, bevor Chartermaschinen Menschen aus mehreren Ländern weiter nach Deutschland fliegen. Usbekistan gab für solche Flüge am Mittwoch auch seinen Flughafen Navoi im Süden des Landes frei.

Afghanistan-Krise: Außerordentliches Nato-Treffen einberufen

Die Außenminister der Nato-Staaten kommen am Freitag zu einer außerordentlichen Videokonferenz zusammen, um über die Lage in Afghanistan zu beraten. Das teilte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Mittwoch auf Twitter mit. Dadurch solle die „enge Abstimmung“ fortgesetzt und das gemeinsames Vorgehen erörtert werden, hieß es. Die militant-islamistischen Taliban haben innerhalb kurzer Zeit die Macht in Afghanistan übernommen. Zuvor hatten die USA angekündigt, ihre Truppen aus dem Land abzuziehen. Auch Deutschland, Großbritannien und die übrigen Alliierten hatten sich daraufhin entschieden, den Einsatz zu beenden.

Emirate haben Afghanistans Präsidenten aufgenommen

Der aus Afghanistan geflüchtete Präsident Aschraf Ghani ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aufgenommen worden. Das Außenministerium des Golfstaats bestätigte am Mittwoch, dass das Land ihn und seine Familie aus humanitären Gründen aufgenommen habe. Zuvor hatte es Berichte gegeben, wonach Ghani in der Hauptstadt Abu Dhabi gesichtet worden sein soll.

Ghani hatte das Land angesichts des Vormarsches der militant-islamistischen Taliban am Sonntag verlassen. Viele Afghanen reagierten wütend und warfen ihm die Zerstörung des Landes vor. Er rechtfertigte seine Flucht damit, dass andernfalls zahlreiche Landsleute den Märtyrertod erlitten hätten und die Hauptstadt Kabul zerstört worden wäre.

Brandenburg: Afghanische Ortskräfte treffen am Donnerstag ein

Am Donnerstag werden in Brandenburg Ortskräfte und deren Familien aus Afghanistan erwartet, die nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban außer Landes gebracht wurden. Sie sollen am Flughafen Frankfurt am Main landen und dann nach Brandenburg kommen, wie das Innenministerium am Mittwoch auf dpa-Anfrage in Potsdam mitteilte. „Wir rechnen mit der Ankunft nicht vor dem Mittag“, sagte ein Ministeriumssprecher. Wie viele Menschen kommen werden, ist noch offen.

Das Land hatte wie andere Bundesländer dem Bund die Erstaufnahme der Menschen zugesagt. Gleichzeitig sei in der Außenstelle der Zentralen Ausländerbehörde in Doberlug-Kirchhain im Süden des Landes Platz für 200 von ihnen geschaffen worden. Die Menschen sollen nach ihrer Ankunft wahrscheinlich drei bis vier Tage in Brandenburg bleiben. Sie werden auf das Coronavirus getestet, erhalten ein Hygienepaket, bei Bedarf medizinische Unterstützung und Kleidung, falls dies erforderlich ist. Bevor sie dann in andere Bundesländer kommen, soll zusätzlich ein PCR-Test gemacht werden.

Taliban-Vertreter treffen sich mit Karsai und Abdullah

In Afghanistan haben sich Vertreter der militant-islamistischen Taliban mit anderen politischen Kräften getroffen. Demnach sprachen am Mittwoch Ex-Präsident Hamid Karsai und der Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung, Abdullah Abdullah, mit dem hochrangigen Taliban-Mitglied Anas Hakkani. Ein Mitarbeiter Karsais teilte danach mit, es sei um Pläne und weitere Treffen gegangen, wenn die politische Führung der Taliban-Bewegung in Kabul eingetroffen sein werde. Das Treffen habe im Haus von Abdullah Abdullah in Kabul stattgefunden.

Am Dienstag hatte der Sprecher der Taliban während einer Pressekonferenz erklärt, man wolle auch andere politische Kräfte an der Macht beteiligen. Nach ihrem rasanten Eroberungszug und der Flucht des Präsidenten Aschraf Ghani haben die Taliban am Sonntag faktisch die Macht im Land übernommen.

dpa/AP/Taliban
Kabul: Auf diesem von den Taliban veröffentlichten Foto treffen sich Hamid Karsai, ehemaliger Präsident von Afghanistan, und Anas Hakkani, hochrangiger Führer der Hakkani-Gruppe, sowie weitere Mitglieder der Taliban-Delegation.

Afghanistan-Krise: Österreich ist für Abschiebezentren in der Region

Österreich ist dafür, einem möglichen Zustrom an Flüchtlingen aus Afghanistan durch Hilfe vor Ort und Abschiebezentren in der Nachbarregion Afghanistans zu begegnen. „Ziel muss es sein, den Großteil der Menschen in der Region zu halten“, sagte Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Mittwoch vor einem Treffen der EU-Innenminister. Außerdem müsse sich die EU durch weitere Anstrengungen beim Außengrenzschutz gegen eine aus Nehammers Sicht mögliche illegale Zuwanderung wappnen. Der Minister erklärte, Österreich beheimate mit aktuell 44.000 Afghanen die – bezogen auf die eigene Bevölkerung – bereits zweitgrößte afghanische Gemeinschaft in der EU. Weitere Belastungen lehne er ab, so Nehammer.

Die Organisierte Kriminalität mache aktuell mit fluchtwilligen Afghanen großes Geld. Dabei würde mit falschen Versprechungen gearbeitet, wie der, dass kein Afghane mehr aus Österreich abgeschoben werde. Das stimme nicht, betonte der Minister. Es gelte weiterhin, das aktuelle Recht durch Abschiebung gewalttätiger Asylbewerber durchzusetzen. Österreichs Regierung legt nach den Erfahrungen der ersten Migrationskrise 2015 großen Wert darauf, eher politische Signale zu senden, die Menschen vor einem Asylgesuch abschrecken sollen.

Bundeswehr-Maschine hebt mit 180 Menschen an Bord in Kabul ab

Das nächste Bundeswehr-Flugzeug zur Evakuierung von Deutschen und afghanischen Ortskräften ist aus Kabul abgeflogen. An Bord sind rund 180 Menschen, so das Bundesverteidigungsministerium auf Twitter. Damit seien insgesamt mehr als 400 Menschen in Sicherheit gebracht worden. 

Afghanen nach Landung in Frankfurt auf Weg nach Hamburg

Nach der Landung mit einer Lufthansa-Maschine in Frankfurt werden alle Afghanen, die an Bord waren, in eine Aufnahmeeinrichtung nach Hamburg gebracht. Dies teilte ein Sprecher der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen am Mittwoch mit. Insgesamt handle es sich um eine Gruppe von 17 bis 19 Menschen mit afghanischem Pass. Zuständig sei nun das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Insgesamt waren etwa 130 Passagiere an Bord der Maschine – die meisten Deutsche oder Angehörige anderer Staaten, die ohne Formalitäten ein- oder weiterreisen konnten. Der Airbus 340 der Lufthansa kam aus Taschkent, der Hauptstadt von Usbekistan. Zuvor hatte ein Transportflugzeug der Bundeswehr die Menschen aus Afghanistans Hauptstadt Kabul ausgeflogen.

Bundesregierung sucht offenbar Kontakt zu Taliban

Die Bundesregierung will sich offenbar um Gespräche mit den Taliban bemühen. Wie Bild am Mittwoch berichtete, hat Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Montag bestätigt, dass die Bundesregierung Kontakt zu den Islamisten sucht. So sei der Ex-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Markus Potzel, bereits unterwegs nach Doha in Katar. Der Diplomat hatte schon früher an Verhandlungsgesprächen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung teilgenommen. Nach Bild-Informationen wollen die Taliban offenbar Kopfgelder für afghanische Ortskräfte, die Afghanistan verlassen wollen, verhandeln. Die Ortskräfte würden das Flughafengelände nicht betreten dürfen bis die Kopfgelder geflossen seien. 

Tod im Fahrwerk von US-Militärflieger: Chaos in Kabul wird untersucht

Die US-Luftwaffe hat eine Untersuchung zu dem tödlichen Chaos rund um den Abflug einer ihrer Maschinen am Flughafen in Kabul eingeleitet. Das teilte die US Air Force am Dienstag (Ortszeit) mit. Ein Flugzeug der US-Luftwaffe war am Montag vom Flughafen der afghanischen Hauptstadt gestartet, umringt von Hunderten Zivilisten auf dem Rollfeld. Bilder der dramatischen Szenen gingen um die Welt: Auf einem Video war zu sehen, wie Dutzende Menschen neben der rollenden US-Militärmaschine herliefen. Einige kletterten auf das Flugzeug und klammerten sich fest. Die Luftwaffe teilte nun mit, nach der Landung der Maschine in Katar seien „menschliche Überreste“ im Fahrwerkschacht entdeckt worden.

Die Maschine bleibe vorerst zu weiteren Untersuchungen am Boden, hieß es weiter. Auch Videos und Beiträge aus sozialen Medien würden in die Nachforschungen einbezogen. Für besonderes Entsetzen hatten Aufnahmen gesorgt, die zeigen sollen, wie Menschen aus großer Höhe aus dem Militärflugzeug fielen. Es wurde gemutmaßt, dass sie sich im Fahrwerk versteckt hatten oder sich festhielten. Die Air Force machte in ihrer Stellungnahme keine Angaben dazu, ob tatsächlich Menschen herabgestürzt waren, erwähnte die Clips aber explizit und betonte, alle verfügbaren Informationen würden geprüft.

Nach Angaben der US-Luftwaffe war die Maschine vom Typ C-17 am Montag auf dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt gelandet, um Ausrüstung für die dortigen Evakuierungsaktionen zu liefern. Bevor die Besatzung das Material habe entladen können, sei der Flieger jedoch von Hunderten Afghanen umringt gewesen, die Sicherheitsabsperrungen durchbrochen hätten. Angesichts der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage habe die Crew entschieden, das Rollfeld so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

Hunderte Afghanen harren rund um Flughafen in Kabul aus

In Afghanistans Hauptstadt Kabul harren weiterhin Hunderte Menschen rund um den Flughafen aus. Das berichteten Augenzeugen am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Kinder, Frauen und Männer hielten sich in den Straßen um das Flughafengelände auf. Viele hätten dort auch übernachtet.

Viele Afghanen versuchen aktuell, das Land zu verlassen. Allerdings ist der Flughafen nur eingeschränkt in Betrieb. In der Stadt kursieren fälschlicherweise Gerüchte, wonach alle, die es auf den Flughafen schaffen, auch evakuiert werden. Deshalb fahren viele Menschen dorthin. Sie versuchen über Sprengschutzmauern oder anderen Wegen, auf das Gelände zu kommen. Am Mittwoch hieß es, das US-Militär entscheide abhängig von der jeweiligen Lage über Öffnung und Schließung bestimmter Zugänge zum Flughafen.

Nordrhein-Westfalen will 1800 Afghanen aufnehmen

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan will Nordrhein-Westfalen von dort 1800 Menschen aufnehmen. Dabei geht es um 800 afghanische Ortskräfte, die in den vergangenen Jahren für deutsche Organisationen gearbeitet haben. 1000 weitere Plätze sollen vornehmlich Frauen offenstehen, die in den Bereichen Bürgerrechte, Menschenrechte, Kunst und Journalismus arbeiten und besonders bedroht sind. Das bestätigte am Mittwoch die Staatskanzlei in Düsseldorf. 

Einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zufolge bereiten sich auch mehrere andere Bundesländer auf die kurzfristige Aufnahme von Hunderten Flüchtlingen vor. 

AFP/Armando Babani
Evakuierte umarmen sich bei ihrem Eintreffen am Flughafen von Frankfurt am Main.

Bericht: US-Geheimdienste warnten vor Kollaps der afghanischen Armee

US-Geheimdienste haben nach Informationen der New York Times bereits im Juli vor einem raschen Zusammenbruch des afghanischen Militärs und einem wachsenden Risiko für die Hauptstadt Kabul gewarnt. In mehreren Berichten stellten sie zu dieser Zeit unter anderem in Frage, ob afghanische Sicherheitskräfte den militant-islamistischen Taliban ernsthaften Widerstand leisten würden, schrieb das Blatt am Dienstag (Ortszeit) unter Berufung auf informierte Kreise.

US-Präsident Joe Biden hatte am 8. Juli noch öffentlich erklärt, eine Machtübernahme der Taliban in ganz Afghanistan sei unwahrscheinlich. Trotz des Vormarsches der Islamisten hielt er damals an seinen Abzugsplänen fest.

Britischer General: Arbeiten bei Evakuierung mit Taliban zusammen

Der Befehlshaber der britischen Streitkräfte, General Nick Carter, hat sich positiv über die Zusammenarbeit mit den militant-islamistischen Taliban bei der Evakuierung von britischen Staatsbürgern und Ortskräften aus Afghanistan geäußert. „Wir arbeiten mit den Taliban zusammen, die für Sicherheit sorgen“, sagte Carter am Mittwoch im Radiosender BBC 4. Die Taliban stellten sicher, dass das Zentrum der Hauptstadt Kabul sehr ruhig sei. Bislang gebe es keine Berichte, dass Menschen Schwierigkeiten hätten, an den Flughafen zu gelangen. Die Taliban arbeiteten „hart“ daran, dass es ruhig bleibe.

Evakuierungsflug mit 176 Menschen an Bord gestartet

Der nächste Evakuierungsflug aus Kabul ist am Mittwoch gestartet. Dies teilte Bundesaußenminister Heiko Maas auf Twitter mit. Es ist die vierte Maschine die aus der afghanischen Hauptstadt startet, um Deutsche und afghanische Ortskräfte aus dem Land zu fliegen. Laut Bundeswehr sollen vier weitere Flugzeuge am Mittwoch von Deutschland nach Kabul fliegen, um weitere Menschen zu evakuieren. 

Österreich lehnt Aufnahme afghanischer Flüchtlinge ab

Österreich lehnt nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban eine Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus Afghanistan ab. Es habe jetzt oberste Priorität, „mit den Nachbarländern von Afghanistan zu reden, damit Schutz und Hilfe in der Region sichergestellt ist“, sagte der österreichische Innenminister Karl Nehammer der Welt (Mittwochsausgabe).

„Aber illegale Migration, die durch ein Dutzend sichere Länder verläuft, und wo sich Migranten ein Zielland einfach aussuchen, muss gestoppt werden“, betonte der Politiker der konservativen ÖVP. „Es gibt keinen Grund warum ein Afghane jetzt nach Österreich kommen sollte.“

Österreich will nach den Worten Nehammers möglichst weiterhin an Abschiebungen von Afghanen festhalten. „Wenn Abschiebungen auf Grund der Grenzen, die uns die europäische Menschenrechtskonvention setzt, nicht mehr möglich sind, müssen wir als Europäische Union Alternativen andenken“, sagte er. „Abschiebezentren in der Region rund um Afghanistan wären eine Möglichkeit.“ Er wolle diesen Vorschlag am Mittwoch bei den Beratungen mit seinen EU-Kollegen präsentieren.

Bundeskabinett billigt Evakuierungseinsatz der Bundeswehr

Die Bundesregierung hat den Einsatz von bis zu 600 Bundeswehrsoldaten bei der Evakuierungsaktion im afghanischen Kabul beschlossen. Das Kabinett billigte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Regierungskreisen am Mittwoch den Entwurf für ein entsprechendes Bundestagsmandat. Darüber soll voraussichtlich in der kommenden Woche im Parlament abgestimmt werden.

Erste evakuierte Afghanen sollen Mittwoch in Hamburg ankommen

Die ersten aus Kabul evakuierten afghanischen Ortskräfte werden am Mittwochnachmittag in Hamburg erwartet. Nach aktuellem Stand handele es sich um 17 Personen, sagte ein Sprecher des Landeskommandos Hamburg am Mittwochmorgen. Noch seien sie aber am Frankfurter Flughafen. Hier landete am frühen Morgen eine Lufthansa-Maschine mit rund 130 Evakuierten. Am Vormittag sollen die 17 Ortskräfte mit dem Bus Hamburg erreichen. Nach der faktischen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hatte Hamburg angeboten, mindestens 200 Menschen aus dem Land aufzunehmen.

dpa/Michael Probst
In Frankfurt ist in der Nacht zu Mittwoch eine Lufthansa-Maschine aus dem usbekischen Taschkent gelandet. An Bord waren aus Afghanistan evakuierte Menschen.

Rund 130 Evakuierte in Frankfurt gelandet

Die Evakuierung von Deutschen und afghanischen Ortskräften aus Kabul kommt auf Touren. In Frankfurt am Main landete am frühen Mittwochmorgen eine Lufthansa-Maschine mit rund 130 Evakuierten. In Kabul startete zudem am Dienstagabend ein dritter Evakuierungsflug mit 139 Menschen an Bord, wie Außenminister Heiko Maas (SPD) mitteilte. Die Maschine landete in der Nacht zum Mittwoch in Taschkent. Bereits am Dienstag waren in Berlin erste evakuierte Mitarbeiter der Botschaft in Kabul angekommen. Damit sind mehr als 260 Menschen aus Afghanistan durch die Bundeswehr evakuiert worden. Wie die Bundeswehr auf Twitter mitteilte, sind für Mittwoch vier weitere Evakuierungsflüge nach Kabul geplant.

Evakuierungseinsatz soll im Bundestag beschlossen werden

Den Entwurf für den Evakuierungseinsatz der Bundeswehr will das Bundeskabinett am Mittwoch (9.30 Uhr) beschließen. In der kommenden Woche soll der Bundestag entscheiden. Da die Aktion bereits läuft und auf breite Zustimmung stößt, gelten beide Entscheidungen als Formsache – dennoch muss das Parlament einen solchen offiziell neuen Auslandseinsatz nach Ende des Nato-Mandats in dem Land billigen. Der Entwurf, der der dpa vorliegt, sieht den Einsatz von bis zu 600 Soldaten bis spätestens 30. September vor. Die Zusatzausgaben für die Bundeswehr werden mit 40 Millionen Euro veranschlagt. SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich rief in der Westdeutschen Zeitung (Mittwoch) die anderen Fraktionen auf, „sich hier nicht zu verweigern“.

AKK will Auslandseinsätze der Bundeswehr überprüfen

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer will als Konsequenz aus dem Afghanistan-Einsatz die Auslandseinsätze der Bundeswehr überprüfen. „Wir müssen aus diesem Einsatz unsere Lehren ziehen. Deshalb werden wir die anderen Auslandseinsätze der Bundeswehr dahingehend überprüfen, ob wir gut aufgestellt sind und was wir möglicherweise besser machen müssen“, sagte die CDU-Politikerin der Rheinischen Post (Mittwoch).


Dienstag, 17. August 2021

Rund 130 Evakuierte von Taschkent aus auf dem Weg nach Deutschland

Die erste Lufthansa-Maschine mit Evakuierten aus Afghanistan an Bord ist am Dienstagabend vom Bundeswehr-Drehkreuz im usbekischen Taschkent Richtung Frankfurt am Main gestartet. Nach dpa-Informationen sind rund 130 Menschen an Bord.

Dritte Evakuierungsmaschine mit 139 Menschen in Kabul gestartet

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ist am Dienstagabend eine dritte Maschine zur Evakuierung von Deutschen und Ortskräften gestartet. An Bord seien 139 Menschen, teilte Außenminister Heiko Maas (SPD) im „heute journal“ des ZDF mit. Eine weitere Maschine stehe bereit.

Deutschland will mit Taliban-Vertretern über Ausreise von Ortskräften sprechen

Die Bundesregierung will sich in Gesprächen mit Taliban-Vertretern um Ausreisemöglichkeiten für einheimische Ortskräfte in Afghanistan bemühen. Der deutsche Botschafter in Kabul, Markus Potzel, sei in die katarische Hauptstadt Doha gereist, wo US-Vertreter mit Taliban-Repräsentanten im Gespräch sind, sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) am Dienstagabend in Berlin.

Der Diplomat wolle in seinen Gesprächen in Doha darauf hinwirken, „dass auch Ortskräfte sich an den Flughafen begeben können und auch ausgeflogen werden können“, sagte Maas. Bislang können nach seinen Angaben nur ausländische Staatsbürger die Taliban-Kontrollposten auf dem Weg zum Flughafen der Hauptstadt Kabul passieren, afghanische Bürger würden zurückgewiesen.

USA: Waffen des afghanischen Militärs teils in Händen der Taliban

Waffen und andere Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte sind nach US-Angaben nun zum Teil in den Händen der Taliban. Es gebe zwar keine genaue Liste dazu, wo sich nun alle militärischen Gegenstände befänden, aber ein „ordentlicher Anteil“ davon sei an die Taliban gefallen, sagte US-Präsident Joe Bidens nationaler Sicherheitsberater, Jake Sullivan. „Und wir haben natürlich nicht den Eindruck, dass sie diese bereitwillig am Flughafen an uns übergeben werden“, sagte Sullivan am Dienstag.

Das afghanische Militär gebe es nicht mehr als zusammenhängende Organisation, sagte er im Weißen Haus. Die Sicherheitskräfte hätten das Gewaltmonopol in den größeren Städten an die Taliban abgegeben, sagte Sullivan. Vor allem die USA hatten jahrelang für einen Großteil der militärischen Ausrüstung der afghanischen Sicherheitskräfte gesorgt, inklusive des Aufbaus einer Luftwaffe.

USA führen mit Taliban Gespräche über Zugang von Zivilisten zu Flughafen Kabul 

Die USA führen mit den radikalislamischen Taliban in Afghanistan Gespräche über einen Zugang von ausreisewilligen Zivilisten zum Flughafen der Hauptstadt Kabul. Die Taliban hätten zugesagt, dass Zivilisten eine „sichere Durchfahrt“ zum Flughafen gewährt werden solle, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, am Dienstag im Weißen Haus. An dieser Zusage würden die Islamisten auch gemessen.

Bislang scheine es, als würden Menschen grundsätzlich an den Flughafen kommen können, sagte Sullivan. Es gebe aber in der Tat Berichte, dass die Taliban Menschen zurückgewiesen und sogar geschlagen hätten. In den Gesprächen mit den Taliban geht es nach Sullivans Angaben auch um einen Zeitplan für die Ausreise von tausenden US-Bürgern und afghanischen Helfern.

Bidens Sicherheitsberater verteidigt Truppenabzug aus Afghanistan

Der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, hat den Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan vehement gegen Kritik verteidigt. Die USA hätten 20 Jahre lang ihr Blut, ihren Schweiß, ihre Tränen für das Land gegeben und die Afghanen ausgebildet und ausgerüstet, damit sie in der Lage seien, für sich selbst zu kämpfen, sagte Sullivan am Dienstag in Washington. „Irgendwann war es an der Zeit für die Vereinigten Staaten zu sagen, dass das afghanische Volk selbst für sich einstehen muss.“ Die US-Regierung sei sich bewusst gewesen, dass der Abzug womöglich darin enden könnte, dass die Taliban wieder an die Macht kommen. Man habe aber das Tempo ihres Vormarsches nicht vorhergesehen.

Sullivan argumentierte, es wäre eine signifikante Aufstockung der US-Truppen nötig gewesen, um den Vormarsch der Taliban zu stoppen. Weitere amerikanische Soldaten hätten ihr Leben geben müssen. Der US-Präsident sei dazu nicht bereit gewesen.

Bundeswehr-Hauptmann hat wenig Hoffnung für Ortskräfte in Afghanistan 

Bundeswehr-Hauptmann Marcus Grotian hat wenig Hoffnungen, dass noch Ortskräfte aus Afghanistan nach Deutschland geholt werden können. „Wenn wir hier noch überhaupt jemanden retten, dann haben wir viel Glück“, sagte Grotian vom Patenschafts-Netzwerk Afghanische Ortskräfte am Dienstag in Berlin. Die Taliban hätten den Flughafen in Kabul umzingelt. „Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde erreichen uns unzählige Nachrichten“, sagte Grotian. Diese Hilferufe werde er nie vergessen.

AP/Michael Sohn
Bundeswehr-Hauptmann Marcus Grotian

Grotian, der für die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz war, spricht auch von einer Verantwortung der Politik. Politiker und Bürokraten hätten einfach nur die Regeln umgesetzt und nicht geholfen. „Bürokratie bis zum Schluss. Wenn Sie nicht den richtigen Antrag dreimal ausgefüllt haben, würde man Ihnen keinen Rettungsring zuwerfen“, sagte Grotian. Hätte man stattdessen versucht Menschenleben zu retten, dann würde heute nicht von 8000 Menschen gesprochen werden, die zurückgelassen wurden, sondern vielleicht von 30.

Bericht: USA haben Afghanistan während des Einsatzes falsch eingeschätzt

Die US-Regierung hat während ihres Einsatzes in Afghanistan einem Bericht zufolge wenig Kenntnis über das Land gehabt und demzufolge zahlreiche Fehlentscheidungen getroffen. „Die Unkenntnis der vorherrschenden sozialen, kulturellen und politischen Gegebenheiten in Afghanistan hat erheblich zu den Fehlern auf strategischer, operativer und taktischer Ebene beigetragen“, hieß es in einem Dienstag veröffentlichtem Bericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar).

Die US-Regierung sei zum Beispiel fälschlicherweise davon ausgegangen, dass die Herausforderungen mit Blick auf Staatsführung im Irak und Afghanistan ähnlich seien. „Tatsächlich waren sie es nicht“, heißt es in dem Bericht. 

Die Fehleinschätzung des sozialen und politischen Umfelds in Afghanistan durch die US-Regierung hätten zur Folge gehabt, dass Initiativen zur Stabilisierung und zum Wiederaufbau des Landes nur unzureichend an den lokalen Kontext angepasst worden seien. Dem Bericht zufolge sind Milliarden US-Dollar verschwendet worden, weil finanzierte Projekte gescheitert sind.

Maas: 180 weitere Menschen sollen in der Nacht ausgeflogen werden

Laut Außenminister Heiko Maas (SPD) will die Luftwaffe noch im Laufe der Nacht zum Mittwoch zusätzlich zu den 132 bereits aus Kabul ausgeflogenen Menschen 180 weitere außer Landes bringen. Sie sollten von der Luftwaffe in die usbekische Hauptstadt Taschkent gebracht werden, von wo aus sie in Lufthansa-Flugzeugen die Weiterreise nach Deutschland antreten könnten.

Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte bei dem gemeinsamen Presseauftritt mit Maas, die ersten beiden deutschen Evakuierungsflüge hätten Bürger aus insgesamt 15 Nationen von Kabul nach Taschkent gebracht. Die Luftbrücke solle „so lange wie möglich“ aufrecht erhalten werden.

US-Militär: Afghanische Soldaten helfen bei Sicherung des Flughafens

Etwa 500 bis 600 afghanische Soldaten helfen US-Angaben zufolge weiterhin bei der Sicherung des Flughafens in Kabul. Sie unterstützen die US-Soldaten und andere internationale Truppen bei ihrem Einsatz, wie ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums am Dienstag sagte. Sprecher John Kirby erklärte auf Nachfrage, es stehe den afghanischen Soldaten frei, sich ähnlich wie frühere örtliche Mitarbeiter der US-Streitkräfte für ein US-Visum zu bewerben, falls sie dies wünschten.

Borrell: EU wird mit den Taliban reden müssen

Die EU wird nach Einschätzung ihres Außenbeauftragten Josep Borrell einen Dialog mit den neuen Machthabern in Afghanistan aufnehmen müssen. „Die Taliban haben den Krieg gewonnen, also werden wir mit ihnen reden müssen“, sagte er am Dienstagabend nach einer Videokonferenz der EU-Außenminister. Ziel soll es demnach unter anderem sein, eine mögliche neue Migrationskatastrophe und eine humanitäre Krise zu verhindern. „Wir müssen sicherstellen, dass die neue politische Situation in Afghanistan (...) nicht zu einer massiven Migrationsbewegung nach Europa führt“, erklärte Borrell.

Zudem soll nach den Worten des Spaniers verhindert werden, dass Afghanistan erneut zu einem Rückzugsort für internationale Terroristen werden kann. Um die Frage einer offiziellen Anerkennung der Taliban gehe es nicht.

In einer Erklärung aller 27 Mitgliedstaaten zu dem Treffen wurde zudem betont, dass die Zusammenarbeit mit einer künftigen afghanischen Regierung von einer ganz Reihe von Faktoren abhängig sein wird. Konkret genannt wurden dabei unter anderem die Achtung der Grundrechte aller Afghanen, einschließlich der Frauen, Jugendlichen und Angehörigen von Minderheiten.

Türkei und Russland begrüßen „positive Signale“ von Taliban

Nach der Machtergreifung der Taliban in Afghanistan haben Russland und die Türkei die „positiven Signale“ der Islamisten an die internationale Gemeinschaft begrüßt. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hob am Dienstag die „positiven Botschaften, die die Taliban an Ausländer, diplomatische Vertretungen und ihre eigene Bevölkerung richten“, hervor. Er hoffe, dass diesen entsprechende Taten folgen würden. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach von „hoffnungsvollen Signalen“.

Weiter Chaos am Flughafen in Kabul

Rund um den Flughafen der Stadt herrscht auch am Dienstag noch Chaos. Die Start- und Landebahn konnte zwar wieder geöffnet werden, dennoch versuchten weiterhin Hunderte Menschen, auf das Gelände zu kommen. Die Taliban würden diese mit einer Peitsche schlagen und auch in die Luft schießen, um sie auseinanderzutreiben, berichtete ein Augenzeuge. Dennoch würden es die Menschen weiter versuchen. Von der anderen Seite der Flughaufenmauer sei Tränengas in die Menge gefeuert worden. Am Montag war der Flugverkehr eingestellt worden, da sich Menschentrauben auf dem Flugfeld aufhielten.

Taliban verkünden Kriegsende und allgemeine Amnestie

Zwei Tage nach ihrem Einmarsch in der afghanischen Hauptstadt Kabul haben die radikalislamischen Taliban das Ende des Krieges und eine allgemeine Amnestie verkündet. „Der Krieg ist zuende“, und „jeder“ sei begnadigt, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Kabul. Er kündigte auch an, dass Frauen weiterhin arbeiten gehen dürften, sofern ihre Erwerbstätigkeiten im Einklang mit „den Prinzipien des Islam“ stünden.

Erste Evakuierte aus Kabul zurück in Deutschland

Die ersten Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kabul sind nach ihrer Evakuierung aus Afghanistan zurück in Deutschland. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur landeten sie am Dienstagnachmittag mit einer Linienmaschine auf dem Berliner Hauptstadtflughafen in Schönefeld.

Bericht: Dritter Bundeswehr-Rettungsflug startet nach Kabul

Ein drittes Rettungsflugzeug der Bundeswehr soll um 18.05 Uhr vom usbekischen Taschkent nach Kabul starten, berichtet die Bild-Zeitung. Erneut gehe es darum, deutsche Staatsbürger, Botschaftsmitarbeiter und Ortshelfer auszufliegen. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) habe zudem angekündigt, dass am Dienstag noch eine vierte Bundeswehr-Maschine aus Taschkent nach Kabul fliegen soll. 

Keine Truppen mehr unter Nato-Kommando in Afghanistan

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat öffentlich bestätigt, dass es in Afghanistan keine Truppen mehr unter Nato-Kommando gibt. Man sei bei Null, sagte er in Brüssel. Sämtliche noch im Land weilenden Soldaten aus Staaten wie den USA, Norwegen und der Türkei stehen vollständig unter der Führung der nationalen Kommandoketten. 

Weiterhin im Land sind laut Stoltenberg noch zivile Mitarbeiter des Nato-Bündnisses. „Die Nato arbeitet rund um die Uhr an der Aufrechterhaltung des Betriebs des internationalen Flughafens“, sagte er. Rund 800 zivile Nato-Mitarbeiter hätten unter sehr schwierigen Umständen wichtige Funktionen übernommen. Dazu gehörten Aufgaben bei der Flugsicherung, Treibstoffversorgung und Kommunikation.

Baerbock wirft Bundesregierung Wortbruch an Afghanen vor

Die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat der Bundesregierung im Zusammenhang mit der Situation in Afghanistan Wortbruch vorgeworfen. Deutschland habe den Menschen in Afghanistan, die für die Bundesrepublik und ihre Einrichtungen gearbeitet hätten, versprochen, im Falle eines Abzugs für ihre Sicherheit zu sorgen. „Mitzuerleben, dass die deutsche Bundesregierung dieses Versprechen gebrochen hat, ist für mich kaum zu ertragen“, sagte Baerbock.

Die Beteuerung, die Situation sei nicht vorhersehbar gewesen, stimme nicht. Es müsse jetzt „jeder Platz in jeder Maschine“ dafür genutzt werden, Menschen in Sicherheit zu bringen, betonte die Grünen-Politikerin. „Es geht um Leben und Tod in Afghanistan“, sagte sie.

Taliban-Vizechef Mullah Baradar in Kandahar gelandet

Nach der faktischen Machtübernahme der Taliban ist mit Mullah Abdul Ghani Baradar der bislang höchstrangigste Vertreter der militanten Islamisten offiziell in Afghanistan eingetroffen. Eine Delegation unter der Leitung von Mullah Baradar sei am Nachmittag (Ortszeit) am Flughafen Kandahar gelandet, teilte ein Sprecher der Taliban am Dienstag auf Twitter mit. Mullah Baradar ist Vize-Chef der Bewegung und Leiter des politischen Büros der Taliban in Doha.

Baradar hatte im Februar 2020 für die militante Organisation das Abkommen mit den USA unter anderem über ein Ende des US-geführten Militäreinsatzes in Afghanistan unterzeichnet. Der nach Interpol-Angaben 1968 geborene Baradar sprach mit dem damaligen US-Präsidenten Donald Trump und traf mehrmals Außenminister Mike Pompeo. Es ist unklar, wo sich der Taliban-Führer Haibatullah Achundsada und seine zwei weiteren Stellvertreter Mullah Jakub und Siradschuddin Hakkani befinden.

Lufthansa fliegt Afghanistan-Flüchtlinge weiter nach Frankfurt

Nach den ersten Evakuierungen aus Kabul übernimmt die Lufthansa den weiteren Transport der Menschen nach Deutschland. Bereits in der Nacht zum Mittwoch werde eine erste Maschine aus dem usbekischen Taschkent in Frankfurt/Main erwartet, sagte ein Lufthansa-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Lufthansa werde in Absprache mit der Bundesregierung auch Evakuierungsflüge aus Doha in Katar anbieten. Für die nächsten Tage sei eine noch unbekannte Zahl von Flügen geplant.

Müller: Berlin kann vielen Flüchtlingen aus Afghanistan helfen

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan rechnet Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller mit einer steigenden Zahl von Flüchtlingen aus der Region. „Wir werden nicht jedem helfen können, aber wir werden vielen helfen können“, sagte der SPD-Politiker am Dienstag. „Und ich glaube, das wird auf uns zukommen. Nicht heute und nicht morgen, aber vielleicht in zwei oder drei Monaten.“

Müller weiter: „Ich habe heute den Senat aufgefordert und jeden einzelnen Ressortkollegen und Ressortkollegin, sich darauf vorzubereiten, dass wir auch in Berlin wieder mehr Menschen aus dieser Region erwarten werden. Und dass wir ihnen dann auch gut helfen können.“ Es gehe um Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Bildungsangebote, Sprachmittler. „All das kann man im Vorfeld organisieren. Und es ist mein Anspruch, dass wir zumindest auf Berliner Ebene darauf besser vorbereitet sind.“

Pentagon: US-Militär am Flughafen kommuniziert mit Taliban

Die Kommandeure der US-Truppen am Flughafen Kabul stehen nach Angaben des Pentagons in Kontakt mit den Taliban-Kämpfern außerhalb des Flughafengeländes. Es habe Gespräche gegeben, und „es gibt zwischen ihnen und uns eine Kommunikation“, sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, am Dienstag. Solche Kontakte gebe es mehrmals pro Tag. Kirby wollte sich nicht zum Inhalt der Gespräche äußern. Er verwies aber darauf, dass es bislang keine Angriffe gegen die Mission der US-Truppen am Flughafen gegeben habe.

Zweite Bundeswehr-Maschine mit 125 Menschen in Taschkent gelandet

Das zweite Bundeswehr-Flugzeug aus Afghanistan ist am Dienstagnachmittag in Taschkent im Nachbarland Usbekistan gelandet. An Bord seien 125 Menschen gewesen, so ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Zuvor war von etwa 120 Passagieren die Rede gewesen. Laut Bild-Zeitung soll während des Fluges ein dreijähriges afghanisches Mädchen kollabiert sein. Fallschirmjäger hätten sofort eingegriffen. Dem Kind gehe es inzwischen wieder gut. 

Tschechisches Flugzeug evakuiert Botschafter Jiri Baloun

Auch ein tschechischer Evakuierungsflug aus Afghanistan hat am Dienstag Kabul verlassen. An Bord seien neben Botschafter Jiri Baloun und tschechischen Soldaten auch afghanische Ortskräfte mit ihren Familien, teilte Verteidigungsminister Lubomir Metnar mit. „Unsere Soldaten sind bis an die Grenze ihrer Möglichkeiten gegangen, um so viele Menschen wie möglich an Bord zu bringen“, fügte er hinzu. Insgesamt soll es sich um knapp 90 Personen handeln, darunter auch kleine Kinder. Die Bedingungen am Flughafen in Kabul wurden als „extrem kompliziert“ beschrieben. Bereits am Montag hatte ein erster Flug 46 Menschen nach Prag in Sicherheit gebracht.

Zweite Bundeswehr-Maschine holt etwa 120 Menschen aus Kabul

Das zweite Bundeswehr-Flugzeug für die Evakuierungsaktion in Afghanistan hat Kabul wieder verlassen. Laut Bild-Zeitung befinden sind etwa 120 Menschen an Bord des Airbus A400M. Unter den Passagieren seien neben Deutschen auch Bürger von Nato-Mitgliedsstaaten. Im Laufe des Tages soll es mindestens noch einen weiteren Evakuierungsflug geben.

Laschet: Militärische Systemwechsel scheitern zumeist

Versuche, Systemwechsel in anderen Ländern militärisch durchzusetzen, sind nach Ansicht von CDU-Chef Armin Laschet in der jüngeren Vergangenheit überwiegend erfolglos gewesen. Bemühungen, militärisch einzugreifen, um eine Diktatur zu beenden und dann eine Demokratie aufzubauen, seien „fast durchgängig gescheitert“, sagte der Unionskanzlerkandidat am Dienstag bei einer Veranstaltung des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND). „Ich glaube, das ist eine Lehre aus den letzten 20 Jahren.“ Als Beispiel verwies er auf den Irak.

Bei Einsätzen sei es deshalb wichtig, sich zu fragen: „Was ist das Ziel? Wie lang soll der Einsatz befristet sein?“ Vor allem müsse auch geklärt werden, wie das Ende eines Einsatzes aussehen soll. Der US-Präsident Joe Biden hatte betont, es sei nie Ziel in Afghanistan gewesen, dort eine geeinte Demokratie zu schaffen. Das habe ihn in „der Klarheit etwas überrascht“, sagte Laschet.

Evakuierung: Zweite Bundeswehr-Rettungsaktion angelaufen

Laut Berichten ist der Abflug einer weiteren Bundeswehr-Evakuierungsmaschine am Dienstag um 11.40 Uhr deutscher Zeit aus Taschkent nach Kabul erfolgt. Die Landung in Kabul hat demnach am frühen Nachmittag stattgefunden, wie auch das Bundesverteidigungsministerium bestätigte. Diese Rettungsaktion habe sich zunächst verzögert und solle geordneter ablaufen als der erste Rettungseinsatz, so Berichte. Gleichwohl bleibe die Lage am Flughafen Kabul unübersichtlich.

Für diesen zweiten Evakuierungsanlauf habe die Luftwaffe Sonderflugregeln erlassen, so die Bild-Zeitung. Die A400M dürfe so viele Personen aufnehmen wie nötig. Es werde keine Rücksicht auf Sitzplätze oder Sicherheitsgurte genommen.

Steinmeier: Sind für Tragödie in Afghanistan mitverantwortlich

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan wird nach Einschätzung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier langfristige weltpolitische Folgen haben. „Wir erleben in diesen Tagen eine menschliche Tragödie, für die wir Mitverantwortung tragen, und eine politische Zäsur, die uns erschüttert und die Welt verändern wird“, sagte das deutsche Staatsoberhaupt. Der rasche Zusammenbruch der afghanischen Regierung und ihrer Streitkräfte sowie die widerstandslose Übernahme der Herrschaft durch die Taliban werde „lange Schatten werfen“.

Steinmeier betonte: „Die Bilder der Verzweiflung am Flughafen von Kabul sind beschämend für den politischen Westen. Umso mehr müssen wir jetzt zu denen stehen, denen wir durch ihre Arbeit und Unterstützung für ihren Einsatz verpflichtet sind.“

dpa/AP/Uncredited
Kabul: US-Soldaten bewachen eine Absperrung am internationalen Flughafen. Zahlreiche Afghanen hoffen auf rettende Flüge ins Ausland.

Bundesregierung setzt Entwicklungshilfe für Afghanistan aus

Die Bundesregierung hat nach der faktischen Machtübernahme der Taliban die staatliche Entwicklungshilfe für Afghanistan ausgesetzt. Das sagte Entwicklungsminister Gerd Müller am Dienstag der dpa und der Rheinischen Post. Alle deutschen und internationalen Mitarbeiter der für die staatliche Entwicklungshilfe zuständigen Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hätten sicher das Land verlassen.

Afghanistan war bisher die Nummer eins unter den Empfängerländern deutscher Entwicklungshilfe. Für dieses Jahr waren 250 Millionen Euro veranschlagt. 

TV-Moderatorin Anne Will: „Das ist doch alles nur furchtbar“

Mit Blick auf die Lage der afghanischen Ortskräfte, die womöglich nicht mehr alle rechtzeitig vor den Taliban gerettet werden können, twitterte die Fernsehmoderatorin Anne Will: „Das ist doch alles nur furchtbar.“ Sie verlinkte auf ein Experten-Interview im ZDF, aus dem hervorgeht, dass womöglich 400 bis 500 Ortskräften nicht mehr zu helfen sein wird. 

Auch verschiedene Initiativen meldeten sich zu Wort. Sie wollen am Dienstag für die schnelle Rettung bedrohter Afghanen demonstrieren. Angemeldet ist eine Demonstration mit 500 Teilnehmern um 17 Uhr vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, wie eine Sprecherin der Initiative Seebrücke sagte. Auch in Potsdam, Köln und Bochum soll demonstriert werden.

Erste Bundeswehr-Maschine landet auf dem Flughafen Kabul

Die Bundeswehr hat ihren Evakuierungseinsatz in Afghanistan unter schwierigen Bedingungen auf dem Flughafen Kabul begonnen. Das erste Flugzeug vom Typ A400M konnte nach stundenlanger Verzögerung und Warteschleifen in der Luft in der Nacht landen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sprach von einer „halsbrecherischen Landung“ und einem „Husarenstück“. Die Maschine setzte Fallschirmjäger ab, die die Rettungsaktion absichern sollen, nahm auszufliegende Menschen an Bord und startete schnell wieder.

„Mit zu Schützenden ist die Maschine nun auf dem Weg nach Taschkent/Usbekistan“, teilte das Verteidigungsministerium auf Twitter mit. Nach Regierungsangaben waren aber nur sieben Personen von der offiziellen Ausflugsliste auf dem Rückflug an Bord, weil wegen der nächtlichen Ausgangssperre nicht mehr Personen zum Flughafen gebracht werden konnten. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts berichtete auch von „regelmäßigen Schusswechseln am Zugangspunkt“. 

Bei den sieben ausgeflogenen Personen handelt es sich um fünf Deutsche, eine Person aus einem anderen europäischen Land und eine afghanische Ortskraft. An Bord können eigentlich 114 und im Notfall 150 Menschen aufgenommen werden.

Bundeswehr-Maschine kreist fünf Stunden über dem Flughafen

Die Bundeswehr-Maschine vom Typ A400M war zuvor fünf Stunden lang über dem Flughafen gekreist, der wegen chaotischer Zustände auf dem Rollfeld und großer wartender Menschenmengen am Flughafen vorübergehend gesperrt war, wie dpa aus Militärkreisen erfuhr. Der Treibstoff hätte nicht mehr lange gereicht. Zuvor hatte bereits eine andere Transportmaschine der Bundeswehr den Anflug auf Kabul abbrechen und zum Nachtanken ins usbekische Taschkent fliegen müssen. 

Die Flugzeuge sollen deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte, die früher für die Bundeswehr oder Bundesministerien gearbeitet haben oder noch arbeiten, zunächst nach Usbekistan bringen. Vom dortigen Drehkreuz Taschkent soll es dann mit Chartermaschinen weiter nach Deutschland gehen. 

Die in Kabul abgesetzten Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte sollen US-Soldaten dabei unterstützen, auf dem Flughafen wieder Ordnung herzustellen und einen sicheren Ablauf der Evakuierungen zu ermöglichen.

Rund 640 Afghanen in einem einzigen US-Evakuierungsflugzeug 

Ein Flugzeug der US-Luftwaffe hat einem Medienbericht zufolge mit einem einzigen Flug rund 640 afghanische Zivilisten in Sicherheit gebracht. Die Internetseite Defense One veröffentlichte am Montag ein Foto des vollgepackten Innenraums der Transportmaschine vom Typ C-17, in der die Afghanen auf dem Boden sitzen – der vor lauter Menschen nicht mehr zu sehen ist.

Defense One berichtet, panische Afghanen hätten sich in Kabul über die halboffene Rampe ins Flugzeug gezogen. Die Besatzung habe sich entschieden zu fliegen, statt die Menschen wieder von Bord zu zwingen. Aus Sicherheitskreisen habe es geheißen, nach der Landung in Katar seien 640 Zivilisten aus der Maschine ausgestiegen. Nach Angaben des Herstellers Boeing ist die riesige Frachtmaschine eigentlich für bis zu 134 Passagiere ausgelegt. Das US-Verteidigungsministerium bestätigte den Bericht zunächst nicht.

AFP/Wakil Kohsar
Afghanen sind am Flughafen Kabul auf ein Flugzeug geklettert. Sie hoffen auf eine Chance, das Land zu verlassen. 

Biden: Taliban müssen mit Vergeltung rechnen, falls sie US-Kräfte angreifen

Trotz der faktischen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat US-Präsident Joe Biden seinen Entschluss zum Abzug der US-Truppen aus dem Land gegen wachsende Kritik verteidigt. „Ich stehe voll und ganz hinter meiner Entscheidung“, sagt Biden im Weißen Haus. Biden betonte, die jüngsten Entwicklungen hätten ihn in seiner Entscheidung nur bestärkt. Den Taliban drohte er zugleich mit Vergeltung, falls sie US-Kräfte oder US-Ziele angreifen sollten.

Bei Handlungen, die amerikanisches Personal oder deren Mission gefährden würden, müssten die Taliban mit einer „raschen und starken“ militärischen Reaktion der USA rechnen, sagte Biden. „Wir werden unsere Leute mit vernichtender Gewalt verteidigen, falls nötig.“

Der US-Präsident erhob schwere Vorwürfe gegen die entmachtete politische Führung und die Streitkräfte des Landes. „Die politischen Anführer Afghanistans haben aufgegeben und sind aus dem Land geflohen“, sagte er. „Das afghanische Militär ist zusammengebrochen, manchmal ohne zu versuchen zu kämpfen.“ Die jüngsten Ereignisse hätten bekräftigt, dass die Abzugsentscheidung richtig sei. „Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg kämpfen und in einem Krieg sterben, den die afghanischen Streitkräfte nicht bereit sind, für sich selbst zu führen.“ Biden räumte aber ein, die USA hätten das Tempo des Taliban-Vormarsches unterschätzt: „Dies hat sich schneller entwickelt, als wir erwartet hatten.“

Horst Seehofer: Bis zu fünf Millionen afghanische Flüchtlinge

Aufgrund der aktuellen Lage in Afghanistan rechnen deutsche Politiker und Experten damit, dass Hunderttausende Menschen aus dem Land flüchten werden. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sprach am Montag nach Informationen der dpa bei einer Unterrichtung der Fraktionschefs im Bundestag von 300.000 bis fünf Millionen weiteren Afghanen, die die Flucht ergreifen könnten. Einen Zeitraum nannte er nicht.

Die Stadt Hamburg hat bereits erklärt, 200 gefährdete Afghanen aufnehmen zu wollen. Auch die Länder Berlin und Brandenburg signalisierten Aufnahmebereitschaft. Der Deutsche Städtetag pochte auf Hilfe für Afghanistans Nachbarländer und eine nationale Strategie zur Flüchtlingsaufnahme. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) forderte eine europäische Kraftanstrengung zur Flüchtlingshilfe.

Armin Laschet fordert „schonungslose“ Aufarbeitung

Unionskanzlerkandidat Armin Laschet kündigte unterdessen eine „schonungslose“ Aufarbeitung dazu an, warum die Lage in Afghanistan falsch eingeschätzt wurde. Er sagte am Montag in der ARD: „Ich sage zu: Es wird alles aufgeklärt, wir müssen Konsequenzen ziehen.“ So müsse sich Deutschland bei solchen Einsätzen überlegen, was das Ziel sei. „Wie geht man geordnet hinein? Und wie geht man geordnet hinaus? Wie können wir Europäer selbst handlungsfähiger werden?“ Im Fall Afghanistan sei Deutschland fast ausschließlich von der Entscheidung der Amerikaner abhängig. „Das Bundestagsmandat für den Einsatz ging noch bis 2022. Aber nachdem die Amerikaner gesagt haben, sie ziehen sich zurück, ist Europa, ist die Bundeswehr nicht in der Lage, alleine in einem solchen Land zu bleiben“, erklärte Laschet.

Städtetagspräsident Burkhard Jung sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Humanitär helfen ist jetzt das Gebot der Stunde.“ Deutschland und die internationale Staatengemeinschaft müssten umgehend Hilfen in großem Umfang in die Region schicken. Vor allem die unmittelbaren Nachbarländer Afghanistans müssten massiv unterstützt werden, um flüchtende Menschen versorgen und aufnehmen zu können.


Montag, 16. August 2021

Dramatische Szenen am Flughafen in Kabul

Nach der Übernahme Kabuls durch die Taliban spielten sich am Montag am Flughafen der afghanischen Hauptstadt wiederholt dramatische Szenen ab. Verzweifelte Menschen versuchten, auf Flüge zu kommen, wie in sozialen Medien geteilte Videos und Bilder zeigten. Sie kletterten unter anderem über Drehleitern, um in ein Flugzeug zu gelangen. Auch Afghanen ohne Reisepässe versuchten ihr Glück, berichteten Zeugen am Montag.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts hatte am Vormittag gesagt: „Wir haben Meldungen dazu gesehen (...), dass dort derzeit keine Flugbewegungen stattfinden können, weil sich dort eine große Zahl verzweifelter Menschen auf dem Rollfeld aufhält.“

Videos in sozialen Netzwerken: Menschen sollen an Flugzeugen hängen

In sozialen Medien tauchten zudem Videos auf, in denen Menschen am Flughafen Kabul offenbar versuchen, ein Flugzeug der US Air Force am Starten zu hindern oder sich an den Seiten des Flugzeuges festzuhalten. Die afghanische Nachrichtenagentur Aśvaka veröffentlichte außerdem ein Video, auf dem zu sehen sein soll, wie angeblich Menschen aus hunderten Metern Höhe von einem Flugzeug in Richtung Erde stürzen.

Es wurde gemutmaßt, dass die Menschen sich im Bereich der Flugzeugräder der Militärmaschine versteckt hatten. Diese Angaben konnten bislang nicht unabhängig verifiziert werden.

Tausende Menschen hatten sich seit Sonntag zum Flughafen aufgemacht, um aus dem Land zu kommen. Die deutsche Botschaft warnte jedoch davor, sich ohne Aufforderung dorthin zu begeben. Dies könne gefährlich sein.

Schüsse am Flughafen von Kabul

US-Soldaten haben auf dem Flughafen von Kabul am Montag zwei bewaffnete Männer getötet. Inmitten von tausenden Menschen, die sich dort friedlich aufhielten, hätten zwei Männer ihre Waffen „auf bedrohliche Weise geschwungen“, sagte ein Vertreter des Pentagon. 

Zuvor hatten die Soldaten Schüsse in die Luft abgegeben, um eine riesige Menschenmenge auf dem Rollfeld unter Kontrolle zu bringen. „Ich habe sehr viel Angst. Sie feuern viele Schüsse in die Luft“, sagte ein Zeuge der Nachrichtenagentur AFP am Montag.