Berlin - Der Berliner Schauspieler Ulrich Tukur hat die Videoaktion #allesdichtmachen erklärt und verteidigt. Am Sonntag veröffentlichte Tukur einen langen Gastbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Er nutze dafür die Form der Kurzgeschichte, in der er selbst mit einer ihm zuerst zugewandten Freundin über die Protest-Aktion am Telefon spricht.  

Vor vier Wochen hatten über 50 zum Teil sehr prominente deutsche Schauspieler mit zum Teil satirischen Kurzvideos die Corona-Politik der Bundesregierung kritisiert und neben Zustimmung für sehr viel Empörung gesorgt. Etliche Darsteller wie Meret Becker oder Ulrike Folkerts zogen daraufhin ihre Beiträge zurück. Tukur tut dies bis heute nicht.

In dem Gastbeitrag spricht Tukur über seine Angst, Freunde wegen der Video-Aktion #allesdichtmachen zu verlieren und macht klar, dass er keineswegs die Pandemie leugnet.  So verteidigt er sich in dem Dialog mit seiner Freundin:„Dass eine Pandemie, wie wir sie ohne Zweifel erlebten, ein hohes Mass an Sicherheit braucht und ohne Einschränkungen nicht auskommt, um uns nicht über den Kopf zu wachsen, sei mir völlig klar und richtig, versicherte ich ihr, und auch, dass in den heillos unterfinanzierten Krankenhäusern von schlecht bezahltem Personal bewundernswerte Arbeit geleistet werde.“

Tukur: Man habe unterschätzt, wie blank die Nerven liegen

Dann schreibt Tukur: Aber diese Maßnahmen müssten da enden, wo sie sinnlos und unlogisch seien und unnötiges Elend auf der Seite derer anrichteten, die versuchten, ihr Leben zu gestalten und ihrer Arbeit nachzugehen, um auf einmal festzustellen, dass sie keine mehr hätten. „Hast du eine Ahnung, fragte ich sie, wie viele Menschen auch ausserhalb der Krankenhäuser sterben, sich umbringen, weil ihr Lebenswerk zerstört ist und ihre Familien und Ehen in die Brüche gingen? Wir wussten es beide nicht.“    

Ulrich Tukur nennt die Aktion jetzt durchaus „Husarenstück“, was im Nachhinein seine Bauchschmerzen erkennen lässt. Vielleicht habe man unterschätzt, wie blank die Nerven inzwischen sind und wie Menschen sich deswegen an Gurgel gehen. Die Reaktionen hätten Tukur überrascht, lässt er in der Kurzgeschichte durchblicken. 

„Wir wollten einfach mit unseren Mitteln etwas in Gang setzen, den uralten Mitteln des Narren, der seinem König den Zerrspiegel vorhält, um auf Missstände hinzuweisen, die Fenster dieses dumpfen Hauses wollten wir aufreissen und frische Luft hereinlassen.“ In Talkshows wollte man eben nicht, weil Schauspieler eben keine Journalisten oder Politiker seien.

Am Ende des Telefonats streitet sich Tukur doch noch mit seiner zuerst milde gestimmten Freundin. Die anfangs positive Kurzgeschichte nimmt leider kein gutes Ende.