Nach der tödlichen Autofahrt eines psychisch kranken Mannes in Berlin soll der Autoverkehr rund um den Breitscheidplatz verlangsamt und zurückgedrängt werden. Auf beiden Seiten des Platzes mit der Gedächtniskirche sollen Straßen verengt werden, um eine schnelle und geradlinige Fahrt zum Breitscheidplatz zu verhindern. Das kündigten die  Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Kirstin Bauch, und Verkehrs-Stadtrat Oliver Schruoeffeneger (beide Grüne) am Freitag an.

„Die aktuelle Situation zeigt, dass es eine massive Notwendigkeit gibt, seit langem bestehende Sicherheitskonzepte umzusetzen“, sagte Bauch. „Hundertprozentige Sicherheit gibt es zwar nicht.“ Doch die Möglichkeiten, in diesem Gebiet Straftaten mit Hilfe von Kraftfahrzeugen zu begehen, könnten deutlich verringert werden. „Wir wollen diesen Ort zur Ruhe kommen lassen“, so die Bezirkspolitikerin.

Das Konzept des Bezirksamts für den Bereich nördlich der Gedächtniskirche sieht vor, dass die beiden südlichen Fahrstreifen der Budapester Straße dem Fußgängerbereich des Breitscheidplatzes zugeschlagen werden. „Jenseits des Mittelstreifens bliebe dann noch Platz für jeweils eine Spur pro Richtung“, teilte der Bezirk am Freitag mit. „Diese Verkehrsführung zöge sich bis zur Kreuzung Joachimsthaler Straße durch. Die geradlinige Fahrt auf den Breitscheidplatz wäre aus keiner Richtung mehr möglich.“

Auch über die Kantstraße könnte der Platz dann nicht mehr erreicht werden. Sie soll im Osten zur Sackgasse werden, sagte Schruoeffeger. „Die Kantstraße wird in diesem Bereich gekappt.“ Eine massive Sperre, die noch vor der Platzkante aufgebaut werden soll, würde die Weiterfahrt verhindern, so der Charlottenburger Baustadtrat.

Zickzackkurs und Linksabbiegeverbot an der Gedächtniskirche

Auch auf der Südseite des Breitscheidplatzes solle die Verkehrsführung geändert werden. Hier habe die Senatsverwaltung für Inneres den Plan ausgearbeitet. „Kernstück ist, dass die Fahrbahn am Nordende der Rankestraße mehrfach verschwenkt wird“, so Schruoffeneger. Kraftfahrzeuge würden so kurz vor dem Knotenpunkt an der Gedächtniskirche auf einen Zickzackkurs gezwungen. An dem Verkehrsknoten soll der bestehende Mittelstreifen durchgezogen werden. „Dann ist es nicht mehr möglich, von der Rankestraße aus auf den Breitscheidplatz zu gelangen“, so der Grünen-Politiker. Das Linksabbiegen auf den Kurfürstendamm wäre allerdings auch nicht mehr möglich.

Weitere Änderungen wären im Knotenpunktbereich denkbar, sagte der Stadtrat. Poller könnten verhindern, dass Autos vom Kurfürstendamm aus auf den Gehweg fahren.

Mit den vorgeschlagenen Änderungen ließe sich der Bereich so sichern, dass die jetzigen massiven Sperren auf dem Breitscheidplatz nicht mehr nötig seien, so Schruoeffeneger. „Die jetzigen Blöcke könnten alle weg“, sagte er. Massive Betonkübel mit Blumen, Poller und vielleicht ein Straßenbahngleis könnten zusätzlich zur Sicherheit beitragen.

Seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt 2016 wird darüber diskutiert, wie der Bereich rund um die Gedächtniskirche gestaltet werden könnte. Zum Jahreswechsel 2020/21 seien die jetzigen Pläne vertieft diskutiert worden, so die Bezirkspolitiker. Am 15. Februar 2021 habe es eine Planungssitzung mit allen Beteiligten gegeben. Zu dem Senatsbeschluss, der damals vereinbart worden sei, ist es aber bis heute nicht gekommen, sagte Oliver Schruoeffeneger. Er sei nötig, um anfangen zu können.

Bauarbeiten könnten noch im Herbst beginnen

Wichtig sei es, schnell zu beginnen, hieß es. Eine provisorische Lösung sei denkbar, sie könnte im Herbst dieses Jahres umgesetzt werden.

Am Mittwochvormittag raste ein Mann nahe der Gedächtniskirche über Gehwege des Kurfürstendamms und der Tauentzienstraße. Nach jüngsten Angaben wurden eine Lehrerin getötet und 32 Menschen verletzt, darunter viele Schüler einer 10. Klasse aus Hessen. Es war nicht das erste Mal, das in diesem Teil der City West von Berlin ein Kraftfahrzeug bei einem Verbrechen als Waffe genutzt worden war.

Im Februar 2016 starb auf der Kreuzung Tauentzien-/ Nürnberger Straße ein Mann, der in seinem Fahrzeug einem illegalen Autorennen in die Quere gekommen war. Bei dem Anschlag im Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt steuerte ein islamistischer Terrorist einen Sattelzug in den Fußgängerbereich an der Gedächtniskirche. Dies hatte den Tod von 13 Menschen zur Folge.

Die Tauentzienstraße war bereits kurzzeitig Fußgängerzone. Auf Betreiben des Bündnisses „Stadt für Menschen“ wurde der Abschnitt an der Gedächtniskirche an einem Sonnabend im Oktober 2020 drei Stunden lang für Kraftfahrzeuge gesperrt. „Es würde dem Platz gerecht werden, den Autoverkehr zu reduzieren und den Fußgängerbereich auszuweiten“, sagte Martin Germer, Pfarrer der Gedächtniskirche, damals.

Über eine Fußgängerzone will der Bezirk jetzt noch nicht diskutieren

Stadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) zeigte sich dagegen skeptisch. Hauptadern wie die Tauentzienstraße seien nötig, damit der Verkehr konzentriert werden könne, sagte er bei der Veranstaltung. Ob die benachbarte Budapester Straße so breit bleiben sollte wie jetzt, sei aber fraglich: „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, den Hardenberg- und den Breitscheidplatz zusammenzuführen“ – damit eine attraktive Verbindung für Fußgänger entsteht.

Jetzt sei nicht der Zeitpunkt, über eine Fußgängerzone in diesem Bereich zu diskutieren, sagte der Stadtrat am Freitag. „Alles Weitere ist offen“, pflichtete die Bezirksbürgermeisterin bei. Und werde zu einem späteren Zeitpunkt debattiert.