Es ist sehr ruhig vor der Kaulbach-Schule in Bad Arolsen am Donnerstagmorgen. Einen Tag nach der Autoattacke in Berlin auf eine Gruppe aus Schülern und Lehrern der Schule, deren Klassenfahrt in die Hauptstadt ein so schlimmes Ende nahm, findet der Unterricht wie gewohnt statt. Ein ganz normaler Tag ist es dennoch nicht: Vor dem gelb-weißen Gebäude der Real- und Hauptschule im Ortskern der nordhessischen Kommune liegen ein paar Kerzen und Blumen in Gedenken an die getötete Lehrerin und die Verletzten. Außerdem sind Polizisten auf dem Schulgelände.

Die Schüler und ihre Lehrer aus der 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt waren am Mittwochvormittag in der Nähe der Berliner Gedächtniskirche zu Fuß unterwegs, als das Auto in die Gruppe fuhr. Eine Lehrerin stirbt, ihr Kollege wird schwer verletzt. Auch Schülerinnen und Schüler werden verletzt. Der Autofahrer – ein 29 Jahre alter, in Berlin lebender Deutsch-Armenier – wird gefasst. Er soll psychische Probleme haben und wohl in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden.

Die Tat weckt Erinnerungen an die Amokfahrt in Volkmarsen

Am nächsten Morgen strömen die Schüler der Kaulbach-Schule meist still und beinahe andächtig in die Schule. „Es ist wichtig, dass die Schulgemeinde zur Ruhe kommt und das Geschehene verarbeitet“, sagt die Sprecherin des Schulträgers, des Landkreises Waldeck-Frankenberg, Ann-Kathrin Heimbuchner. Es sei daher zunächst einmal keine Stellungnahme seitens der Schule geplant. Auch die Internetseite der Schule ist offline.

„Es ist traurig“, sagt eine erschütterte Passantin. Sie ist eine der wenigen in Bad Arolsen, die sich an diesem Morgen überhaupt äußern wollen. Die meisten winken schon aus der Ferne ab. Die Tat bringe die Erinnerungen an die Amokfahrt in Volkmarsen zurück, berichtet die Frau. Im Jahr 2020 war dort ein Mann vorsätzlich mit seinem Auto in den Rosenmontagszug der nur knapp zehn Kilometer entfernten Kleinstadt gefahren und hatte dabei mehr als 80 Menschen teils schwer verletzt, darunter zahlreiche Kinder.

Passanten fragen sich, ob sie Opfer der Berliner Amokfahrt kennen

„Da haben wir damals Leute gekannt. Vielleicht kennen wir hier auch welche“, sagt ihr Mann. Wieder habe es unschuldige Menschen getroffen. „Das ist nicht zu begreifen.“ Die Taten machten ihnen Angst, sagen beide. „Besonders jetzt, wo auch die Feste wieder anfangen.“ Sie habe Sorge, dass solche Taten in Zukunft häufiger vorkommen, meint die Frau. „Man hat so ein Gefühl.“

Auch in Berlin weckt die Todesfahrt schlimme Erinnerungen, so etwa beim 60-jährigen Egbert Schmidt. Nach eigenen Angaben war er kurz vor Weihnachten 2016 auf dem Weihnachtsmarkt in unmittelbarer Nähe und leistete Erste Hilfe, als ein islamistischer Attentäter mit einem Lkw in die Menschenmenge auf dem Breitscheidplatz fuhr. Am Donnerstag steht Schmidt auf dem Gehweg, wo das Auto am Mittwoch die Schülergruppe erfasst hatte. „Das ist wie ein Déjá-vu“, sagt er. „Als ich die Meldung las und die Gedächtniskirche eingeblendet war, dachte ich: Nee, schon wieder?“

Der Verkehr rund um den Tatort läuft inzwischen wieder. Passanten und Touristen gehen den Kudamm entlang, auch über die gelben Kreise, wo das Auto am Vortag die Klasse und ihre Lehrer erfasst hatte. An zwei Fußgängerampeln sind Blumen und Kerzen als Zeichen der Trauer abgelegt.

Ministerpräsident Rhein besucht Mitschüler der Amokfahrt-Opfer

In Bad Arolsen treffen Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und Kultusminister Alexander Lorz (beide CDU) am späteren Vormittag in schwarzen Limousinen an der Schule ein, um Schülern und Kollegium ihr Mitgefühl auszusprechen. „Es ist für uns ein ganz schwerer Tag, und wir haben ganz schwere Herzen“, sagt Rhein. Er sei fassungslos. Dass es eine Schülergruppe getroffen habe, die aus Freude nach Berlin gekommen sei, mache das Geschehen umso tragischer. „Unser Mitgefühl ist bei allen Beteiligten, die diese Bilder nie aus dem Kopf bekommen werden“, sagt Lorz.

Getötete Lehrerin war „ganz wichtiger Anker der Schulgemeinde“

Das Verhalten des Kollegiums und der Schulleitung beschreibt Rhein als besonnen und souverän. Das gebe der gesamten Schulgemeinde Halt und Stabilität. „Wenn sie in die Gesichter der Kolleginnen und Kollegen und der Schülerinnen und Schülern schauen, fällt das allen noch sehr schwer.“ Die getötete Lehrerin sei „ein ganz wichtiger Anker der Schulgemeinde“ gewesen. Ganz Bad Arolsen sei schwer getroffen, schildern Landrat Jürgen van der Horst und Bürgermeister Marko Lambion (beide parteilos).

Sieben Schüler und ein Lehrer werden Rhein zufolge aktuell noch in verschiedenen Berliner Kliniken behandelt. Die anderen 17 Schüler seien bereits die Region zurückgekehrt. Eine größere Gruppe sei in der Nacht mit einem Bus angekommen, den der Landkreis organisiert hatte, andere Schüler seien von ihren Eltern geholt worden. Er habe der Schulgemeinde und den Opfern jede erdenkliche Hilfe seitens des Landes Hessen zugesagt, unter anderem auch finanzielle Unterstützung aus dem Opferfonds des Landes, sagt Rhein.

Vor der Schule haben sich inzwischen die sichtbaren Zeichen der Trauer gemehrt. Unter anderem liegen dort gebastelte Papierblumen – daneben ein Zettel, auf dem steht: „In Frieden“.