Nach dem Amoklauf von Heidelberg sind am Dienstag neue Details bekanntgeworden. Demnach stammt der 18-jährige Todesschütze aus Berlin. Er hatte zuletzt eine Wohnung in Mannheim, die von der Polizei nach Beweismitteln durchsucht wurde. Das bestätigte Norbert Schätzle, Sprecher des Polizeipräsidiums Mannheim der Berliner Zeitung. Laut ersten Erkenntnissen sei kein Abschiedsbrief gefunden worden. Der Täter hatte sich nach den Schüssen selbst erschossen. Die abgefeuerten Projektile verletzten drei Studenten schwer, eine 23-Jährige starb. 

„Es gibt natürlich die Eltern und weiterhin Verwandtschaft in Berlin, die jetzt geschützt werden müssen. Die Angehörigen des Opfers haben großes Leid, aber auch die des Täters“, erklärte Schätzle. Ermittler müssten trotzdem im Umfeld des Schützen ermitteln. Es sei nicht auszuschließen, dass noch jemand anderes von der Tat wusste und es nicht gemeldet hat. Konkrete Hinweise darauf gebe es bisher aber nicht. 

Amoklauf in Heidelberg: Vater des Schützen rief die Polizei

Für die weiteren Ermittlungen wurde eine 32-köpfige Ermittlungsgruppe namens „Botanik“ eingerichtet. Diese ermittle unter Leitung der Staatsanwaltschaft Heidelberg vor allem zur Herkunft der Waffen und zum Motiv des Tatverdächtigen, sagte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in Stuttgart. Strobl nannte auch weitere Einzelheiten zum Tathergang: So habe sich der Vater des Verdächtigen am Montagmittag bei der Polizei gemeldet.

dpa/Uwe Anspach
Menschen legen vor dem Gebäude der Universität Blumen und Kerzen an den Wegesrand.

Um 12.24 Uhr am Montag seien die ersten Notrufe eingegangen, sagte Strobl. Sechs Minuten später seien die ersten Streifenwagen am Campus im Neuenheimer Feld eingetroffen. Um 12.32 Uhr habe der Vater bei der Polizei in Heidelberg angerufen und von einer Whatsapp-Nachricht seines Sohns berichtet, in der dieser die Tat angekündigt habe. Es war bereits bekannt, dass der 18-Jährige unmittelbar vor der Tat eine Whatsapp-Nachricht abgesetzt haben soll, dass nun „Leute bestraft werden müssen“.

Amokschütze war Student der Biowissenschaften

Bisherigen Erkenntnissen zufolge drang der Verdächtige, ein Student der Biowissenschaften, mit einer Doppelflinte und einer Repetierwaffe in einen Hörsaal ein, in dem gerade ein Tutorium mit 30 Studenten stattfand. Einer 23 Jahre alten Studentin habe er in den Kopf geschossen, sagte Strobl. Die Frau erlag später ihren schweren Verletzungen. Leicht bis mittelschwer verletzt wurden außerdem eine 19- und eine 21-Jährige sowie ein 21-jähriger Mann.

Der Täter lief dann offenbar draußen in Richtung des Botanischen Gartens und erschoss sich dort selbst. Polizeibeamte hätten ihn tot gefunden, sagte Strobl. In seinem Rucksack waren noch mehr als hundert Schuss Munition. Die Waffen hatte sich der 18-Jährige ersten Erkenntnissen zufolge im Ausland besorgt. Seine Wohnung in Mannheim wurde durchsucht, dort beschlagnahmte digitale Geräte werden ausgewertet.

Das Motiv des Studenten, der zuvor polizeilich unauffällig war, sei noch unklar, sagte Strobl weiter. Es gebe keine Hinweise auf eine politisch oder religiös motivierte Tat. Ob sich der Verdächtige in psychiatrischer Behandlung befunden habe, sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Suche nach Motiv: Polizei wertet digitale Geräte aus

Die Polizei werte nun digitale Geräte aus, die das Spezialeinsatzkommando (SEK) bei der Durchsuchung der Wohnung des Täters sichergestellt habe. Er sei zuversichtlich, dass die Auswertung Hinweise auf die Motivlage geben könnte, sagte Strobl.

Zudem werden die Leichen des Täters und des Todesopfers rechtsmedizinisch untersucht. Der Leichnam des jungen Mannes und der 23-jährigen Frau seien zur Obduktion zum Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg gebracht worden, so Strobl.

Der Minister konnte nicht sagen, ob sich das Opfer und der Verdächtige kannten. Beide hätten Biowissenschaften studiert, sagte er. Ihm sei aber berichtet worden, dass Studierende zumindest für die Tutorien in Kohorten aufgeteilt würden und die beiden nicht in derselben Kohorte gewesen seien.

Polizeipsychologe: „Ein Suizid war ihm letztlich einfach zu banal.“

Amokläufer haben nach Ansicht des Polizeipsychologen Adolf  Gallwitz bei tödlichen Angriffen wie dem in Heidelberg ein gemeinsames Denkmuster. „Er hat eine grandiose Art des Untergehens gesucht“, sagte Gallwitz dem Radiosender SWR Aktuell. „Ein Suizid war ihm letztlich einfach zu banal.“ Die Täter seien keine Einzelgänger und „auch nicht immer nur Leute, die schwer psychisch krank sind“.

Generell könne ein Mensch zum Amokläufer werden, „weil er die vorhandenen oder die subjektiv wahrgenommenen Kränkungen von der Kindheit übers Jugendalter zum jungen Erwachsenenalter als besonders schlimm erlebt“, so Gallwitz.