Man stelle sich folgende Situation vor: Ein nach außen hin smarter, tougher und sympathischer Mann, Typ Macher, beschließt schon früh, Karriere in der Politik zu machen. Außerdem will er unbedingt eine große Familie haben, also setzt er vier Kinder in die Welt. 2011 wird er mit Anfang 30 Landtagsabgeordneter, ab 2016 folgen diverse Posten in diversen Ministerien.

Zugleich wird der Mann stellvertretender Ministerpräsident eines Bundeslandes, übernimmt sogar zwei Ressorts gleichzeitig. Im Dezember 2021 erreicht er schließlich die Spitze der Politik und wird Bundesminister. Eine steile Karriere mit vier Kindern, die nur deshalb funktioniert, weil seine Frau den Mann bedingungslos unterstützt. In einem Interview sagt er kurz nach seiner Ernennung zum Bundesminister: „Meine Frau kümmert sich seit dem ersten Kind komplett um den Nachwuchs. Sie liebt es wirklich!“

Was er nicht sagt: Bereits im Jahr 2019 hatte seine Frau einen Schlaganfall. Was er erst Jahre später sagen wird: Dass seine Frau seitdem „ganz unbedingt Stress vermeiden musste“. Trotzdem bleibt es auch nach dem Schlaganfall bei der Aufteilung: Er macht Karriere, sie kümmert sich um die vier Kinder. Jeden Tag. Bis es nicht mehr geht. Bis seine Frau einfach nicht mehr kann.

Im Jahr 2021 ist sie schließlich so fertig, dass sich der Mann trotz einer beruflichen Extremsituation entscheidet, vier Wochen in den Familienurlaub zu fahren. Später wird der Mann sagen: „Weil meine Frau nicht mehr konnte.“ Nach diesen vier Wochen geht es aber sofort zurück auf die Karriereleiter. Bis der Mann Monate später wegen diverser Verfehlungen, Undurchsichtigkeiten und Lügen strauchelt. Und der Öffentlichkeit in einem verstörend-emotionalen Auftritt erklärt, dass daheim leider doch nicht alles eitel Sonnenschein war - in der Hoffnung, dieses Eingeständnis könne ihn retten. Tut es aber nicht: Einen Tag später tritt er zurück.

Was sagt man nun diesem Mann, der seine Frau über Jahre mit vier Kids alleine zuhause lässt, selbst nachdem sie einen Schlaganfall hatte? Der Posten um Posten annimmt und auf Teufel komm raus Karriere machen will? Der nach außen hin trickst und maximal öffentlichkeitswirksam die Legende verbreitet, seine Frau sei unglaublich glücklich? Und das, obwohl er schon Monate zuvor gemerkt hat, dass die Kraft seiner Frau restlos verbraucht ist und sie nicht mehr kann? Was sagt man einem Mann, der dann, wenn alles zusammenkracht, zuerst störrisch an seinem Job hängt, anschließend versucht, andere für sein Scheitern verantwortlich zu machen und in letzter Konsequenz, wenn alles andere nichts mehr hilft, vor laufender Kamera fast zusammenbricht? Was sagt man diesem Mann?

Richtig. Man sagt ihm, er soll sich zusammenreißen, gefälligst nach Hause gehen und sich endlich um seine Frau und seine Familie kümmern. Er soll endlich die nötige Verantwortung für einen großen und vier kleine Menschen übernehmen. Man macht ihm klar: Er ist hier nicht das Opfer.