Die frühere Fraktionschefin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, vermisst im politischen Geschäft laut eigener Aussage nach wie vor Verständnis für schwierige Situationen im privaten Umfeld. „Schwierig wird es immer dann, wenn man in Ausnahmesituationen gerät, zum Beispiel durch Krankheit oder besondere Vorkommnisse im Familien- oder Bekanntenkreis, vielleicht sogar über längere Zeit“, sagte Kapek der Berliner Morgenpost. „Dann kann es schon passieren, dass man in eine echte Bredouille kommt, weil Politik sehr unbarmherzig ist, wenn es darum geht, sich mal für mehrere Wochen eine Auszeit zu nehmen.“

Nicht nur bei Kolleginnen und Kollegen, auch in der Bevölkerung stelle sie nach wie vor fest, dass „das Verständnis dafür fehlt, wenn man sich beispielsweise um pflegebedürftige Eltern kümmern muss oder gesundheitliche Probleme hat oder nach der Geburt eines Kindes nicht sofort wieder auf die Beine kommt“. Das sei ein „gesamtgesellschaftliches Problem“, sagte Kapek.

Kapek: Problem betrifft vor allem Frauen

Und es sei ein Problem, das vor allem Frauen betreffe, „weil wir trotz aller Gleichberechtigung und Emanzipation in ganz vielen Berufsfeldern und Gesellschaftsgruppen nach wie vor eine stärkere Arbeitsbelastung in Kombination mit Care-Arbeit bei Frauen haben, was über Jahre hinweg zu dauerhafter Erschöpfung führt“.

Kapek war im Februar überraschend von der Fraktionsspitze der Grünen zurückgetreten. Das Maß an Erschöpfung habe einen Grad erreicht, der es ihr nicht mehr ermögliche, ihren Pflichten in vollem Umfang nachzukommen, hatte die 45-Jährige damals gesagt. Aktuell gehe sie immer noch ins Abgeordnetenhaus und nehme vereinzelt an Ausschusssitzungen teil, sagte sie. „Ich habe gemerkt, dass mir der komplette Rückzug nicht guttut, weil ich von einem Level der Politik komme, bei dem ich einen langsameren Ausstiegsprozess brauche.“