Die bisherige Grünen-Fraktionsvorsitzende Antje Kapek hat am Donnerstag im Abgeordnetenhaus mit einer sehr persönlichen Rede ihren Rücktritt begründet und dabei offen über ihre Erschöpfung gesprochen. „Ich bin ganz ehrlich: Auch ich bin voll und ganz Politikjunkie. Die Vorstellung, auf einmal von Tempo 1000 auf totalen Stillstand runterzuschalten, die macht mir eine Höllenangst“, sagte die Abgeordnete, die am Dienstag bekanntgegeben hatte, mit sofortiger Wirkung von ihrem Amt an der Fraktionsspitze zurückzutreten. „Ich glaube, ich wurde dazu geboren, Verantwortung zu tragen. Und diese Aufgabe jetzt abzugeben, tut weh, sehr sogar“, sagte Kapek vor ihren Parlamentskollegen.

„Wir wissen, dass es nicht nur eine der großartigsten Aufgaben ist, sondern dass sie auch mit vielen persönlichen Opfern einhergeht: Beziehungen, Ehen, Gesundheit, Freundschaften, Sozialleben im Allgemeinen“, erklärte die Politikerin, die Mitglied im Abgeordnetenhaus bleiben möchte. Die meisten hätten gelernt, ihre körperlichen und auch ihre emotionalen Bedürfnisse zu unterdrücken. „Und dass das auf Dauer nicht gesund ist, das wissen wir alle. Die Folgen davon, bekommen sehr, sehr viele von uns zu spüren“, sagte Kapek. „Aber die meisten halten diese geheim.“

Kapek zur Pandemie: Eltern sind erschöpfter denn je

Sie habe nicht vorgehabt, mit ihrem Rücktritt und dem Hinweis auf die Belastungen ein politisches Zeichen zu setzen. Die Tatsache, dass es darauf weit über Berlin hinaus tausende von Reaktionen gegeben habe, lasse sie aber aufhorchen. Kapek wies auf die Zunahme von psychosomatischen Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie hin. „Erwachsene sprechen von Depressionen, Angstzuständen und selbst Gewalt. Und es gibt kaum Eltern, die nach diesen zwei Jahren Corona-Pandemie nicht sagen würden, dass sie erschöpfter sind denn je“, so die Grünen-Abgeordnete.

„Auch ich habe Kinder und dazu einen 16-Stunden-Tag, fast jeden Tag. Hochleistungssport nur ohne Bewegung“, sagte Kapek. „Ich habe mich deshalb schweren Herzens entschieden, den wundervollsten aller Jobs, den Vorsitz meiner Fraktion abzugeben, weil ich erschöpft bin und weil es Menschen gibt, die ich liebe, die mich sehr brauchen.“

„Für mich ist es jetzt time to say goodbye“

Es sei die schwerste Entscheidung gewesen, die sie in fast 20 Jahren Politik in Berlin habe treffen müssen. „Ich liebe Berlin. Es ist meine Stadt, und ich wollte zu jedem Zeitpunkt immer nur Politik für sie und ihre Menschen machen.“ Das sei ein Privileg, ein verdammt großes sogar, sagte Kapek unter anhaltendem Beifall. „Für mich ist es jetzt time to say goodbye“, sagte Kapek zum Schluss ihrer Rede an ihre Mitparlamentarier. „Danke schön und bleiben Sie bitte gesund.“