Das Verlagshaus der Axel Springer SE in Berlin
Foto: imago images/Jürgen Ritter

BerlinDer umstrittene Artikel über eine Studie des Virologen Christian Drosten hat der Bild-Zeitung eine Rüge des Deutschen Presserates beschert. Der Beschwerdeausschuss sieht in dem im Mai erschienenen Bericht mehrere Verstöße gegen die journalistische Sorgfaltspflicht. Ein Bild-Sprecher teilte der Deutschen Presse-Agentur mit: „Die wie immer zu erwartende Kommentierung des Presserates nehmen wir zur Kenntnis. Der Kern der Berichterstattung von Bild zu der Studie, die große gesellschaftliche Auswirkungen auf das Leben der Menschen in unserem Land hatte, bleibt davon unberührt.“

Der Bericht „Fragwürdige Methoden: Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch“ befasste sich mit einer Studie des Virologen zur Ansteckungsgefahr durch Kinder in der Corona-Pandemie. Sie war zu dem Zeitpunkt noch nicht von unabhängigen Experten geprüft worden. Drosten hatte den Entwurf der Studie im Internet veröffentlicht.

Der Presserat entschied nun, dass nach Auffassung der Ausschussmitglieder unter anderem die Formulierung in der Überschrift, die Studie sei „grob falsch“, im Text von den zitierten Expertenmeinungen nicht gedeckt sei. Der Presserat beanstandete zudem, dass nicht erwähnt worden sei, dass es sich bei der Studie um eine Vorveröffentlichung handelte.

„Wahrung und Förderung des Ansehens der Zeitungsverlage“

Sowohl die Rüge bezüglich der Berichterstattung zur Drosten-Studie als auch die weiterhin anhaltende und teils scharf geführte Diskussion um die Berichterstattung der Bild-Zeitung zu den fünf getöteten Kindern in Solingen kommen für Springer-Chef Mathias Döpfner zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Am kommenden Montag findet in Berlin die Delegiertenversammlung des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger e.V. (BDZV) statt, einen Tag später der jährliche Kongress des BDZV.

Seit vier Jahren ist Mathias Döpfner Präsident des Vereins, der nach eigenen Angaben „seit seiner Gründung 1954 in Bonn als Spitzenorganisation die Interessen der Zeitungsverlage in Deutschland“ vertritt. In der Selbstbeschreibung des BDZV heißt es weiter, dass zu seinen Aufgaben insbesondere „die Wahrung und Förderung des Ansehens der Zeitungsverlage in der Öffentlichkeit“ gehört, ebenso „die Wahrung der publizistischen Aufgabe der deutschen Zeitungsverleger.“

In einer viel beachteten Rede auf einem früheren BDVZ-Kongress hatte Döpfner gesagt: „Ein Verlag, eine Marke, eine Redaktion, ein Chefredakteur, ein Journalist, ein Autor treffen Entscheidungen und übernehmen für diese Verantwortung. Das Prinzip Zeitung ist nicht denkbar ohne Verantwortung, die der klar erkennbare Absender übernimmt.“ Zwar bedeute diese Verantwortung laut Döpfner keineswegs, dass „in professionellen Redaktionen keine Fehler gemacht werden – aber sehr wohl, dass „wir Verlage uns dafür entschuldigen, die Ursachen des Fehlers aufklären, gegebenenfalls sogar rechtlich begründeten Schadensersatz zahlen – kurz: die Verantwortung übernehmen“.

In der Causa Drosten hatte Mathias Döpfner nach den teils heftigen Anfeindungen gegen die Bild-Zeitung schließlich einen Podcast mit Julian Reichelt veröffentlicht. In diesem nahm er den massiv unter Beschuss geratenen Chefredakteur vordergründig in Schutz. In letzter Konsequenz kam der Podcast aber einer öffentlichen Rüge durch den Springer-Chef gleich.

„Döpfner beim Wort nehmen – und absetzen“

Im Fall Solingen hat Döpfner bislang nichts unternommen, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Spätestens am Montag wird sich der Springer-Chef bei der Delegiertenversammlung des BDZV positionieren, oder - um ihn selbst zu zitieren - „Verantwortung übernehmen“ müssen. In der Branche gilt mittlerweile nicht mehr als ausgeschlossen, dass Döpfner seinen Schützling Julian Reichelt in diesem Kontext fallen lassen wird.

In einem aktuellen Beitrag des Branchendienstes Übermedien fordert der Autor die Zeitungsbranche gar auf, bei der anstehenden Wahl des BDZV-Präsidenten nicht noch einmal für Mathias Döpfner zu stimmen. In dem Beitrag heißt es unter der Überschrift „Döpfner beim Wort nehmen – und absetzen“ in Bezug auf die jüngsten Fehltritte der Bild-Zeitung: „Wenn der Rest der Branche wirklich so empört ist über das, was Bild unter Reichelt treibt, dann sollten die Kolleg*innen nicht die Verantwortung nach unten delegieren, auf die Reporter*innen, sondern nach oben. Sie sollten Döpfner beim Wort nehmen, auf die eigenen Verlegerinnen und Verleger einwirken, dass sie Verantwortung übernehmen – und sich einen neuen BDZV-Präsidenten suchen.“