Axel Springer tauscht „Bild“-Chefredaktion aus

Trotz sinkender Auflage ist „Bild“ unangefochten Deutschlands größte Boulevardzeitung. Mit ihrem Spitzenpersonal kommt sie in jüngster Zeit immer wieder selb...

ARCHIV - Marion Horn, einst Chefredakteurin von «Bild am Sonntag», übernimmt den Vorsitz der Chefredaktion der «Bild».
ARCHIV - Marion Horn, einst Chefredakteurin von «Bild am Sonntag», übernimmt den Vorsitz der Chefredaktion der «Bild».Markus Scholz/dpa

Berlin-An der Spitze von Deutschlands größter Boulevardzeitung steht wieder eine Neuordnung an. „Den Vorsitz der Chefredaktionen der „Bild“-Gruppe übernimmt mit sofortiger Wirkung Marion Horn“, teilte der Medienkonzern Axel Springer am Donnerstag in Berlin mit.

ARCHIV - Papierausgaben der Springer-Zeitungen «Bild» und «Welt».
ARCHIV - Papierausgaben der Springer-Zeitungen «Bild» und «Welt».Monika Skolimowska/dpa

„Die derzeitigen Chefredakteure Johannes Boie, Alexandra Würzbach und Claus Strunz scheiden aus ihren bisherigen Rollen aus.“ Über deren „mögliche künftige Aufgaben im Hause Axel Springer“ werde man zu einem späteren Zeitpunkt informieren. Würzbach war zuletzt für die „Bild am Sonntag“ zuständig, Strunz für das „Bild“-Bewegtbildangebot.

Vor noch nicht einmal eineinhalb Jahren hatte Boie die Nachfolge des umstrittenen Julian Reichelt als „Bild“-Chefredakteur angetreten.

Neue Digitalstrategie „erfordert Veränderungen“

Der Medienkonzern begründete die Neuaufstellung mit seiner Digitalstrategie. Hintergrund ist, dass sich Axel Springer perspektivisch vom gedruckten Zeitungsgeschäft verabschieden und ein reines Digitalunternehmen werden will.

„Bild“ sei die Nummer eins in Deutschland, und es sei der Anspruch, dass sie das auch in der Digital-Only-Ära bleibe, erklärte der Chief Executive Officer (CEO) der Markengruppe „Bild“, Claudius Senst. „Das ist redaktionell, organisatorisch und kulturell eine fundamentale Transformation. Sie erfordert auch Veränderungen der Chefredaktion“, erläuterte Senst.

Die 57-jährige Horn ist im Hause Springer eine Bekannte. Mehr als 25 Jahre war sie bereits für den Springer-Konzern tätig, ab Januar 2001 als Mitglied der „Bild“-Chefredaktion. Im Oktober 2013 übernahm sie als erste Frau die Leitung der „BamS“. Sechs Jahre später verließ sie Axel Springer - „auf eigenen Wunsch vor dem Hintergrund neuer, übergreifender Redaktionsstrukturen bei „Bild““, wie es damals hieß. Nachfolgerin bei der „BamS“ wurde Alexandra Würzbach, bis dahin Stellvertreterin des damaligen „Bild“-Chefredakteurs Reichelt.

Keine Gründe für Boie-Abschied

Ab 2021 war Horn dann für das Beratungsunternehmen Kekst CNC tätig. „Mich reizt der Perspektivwechsel, die internationale Ausrichtung und enorme Wachstumsdynamik von Kekst CNC“, wurde Horn damals zitiert. Doch endgültig kehrte sie „Bild“ nicht den Rücken. „Sie ist nach ihrem Weggang 2019 Axel Springer und „Bild“ immer verbunden geblieben, ist 1. Vorsitzende des Kuratoriums unserer Hilfsorganisation Bild hilft e.V. „Ein Herz für Kinder““, schrieb Senst in seiner Mail.

Nun geht es für Horn zurück in den Journalismus - und das laut Senst mit „klarem Wertekompass, journalistischer Exzellenz, Führungsstärke und Leidenschaft für guten Boulevardjournalismus“. In der Mitteilung zum Wechsel wurden hingegen keine Gründe genannt, warum Boie gehen muss. Senst dankte ihm, Würzbach und Strunz: „Johannes, Alexandra und Claus danken wir - und ich ganz persönlich - für ihren großartigen und langjährigen Einsatz für „Bild“.“

Etwas deutlicher wurde Senst zuvor in einer internen Mail an die Belegschaft, ehe er zusammen mit Horn in einer Schaltkonferenz über die Neuerungen informierte. Die „Bild“-Strukturen müssten radikal verändert und weiterentwickelt werden, damit die Marke weiter wachsen könne, hieß es in der Mail, die der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vorliegt. „Dazu gehören Klarheit und Verlässlichkeit in der Führung und Verantwortung“, schrieb Senst.

Nur noch zwei statt vier Chefs

Bereits bekannt war, dass „Focus“-Chefredakteur Robert Schneider (46) zur „Bild“ kommt. Er werde zum 17. April 2023 „wie geplant“ „Bild“-Chefredakteur, teilte Springer am Donnerstag weiter mit. Künftig bestehe die Spitze der Chefredaktion aus nur zwei statt bislang vier Mitgliedern. „Sie wird „Bild“ journalistisch und strategisch weiterentwickeln, mit starkem Boulevard-Profil positionieren und den digitalen Wandel aktiv vorantreiben“, hieß es.

Horn und Schneider werden den Angaben zufolge „Bild“ mit den stellvertretenden Chefredakteuren René Bosch, Timo Lokoschat, Tanja May, Paul Ronzheimer, Mandy Sachse und Yvonne Weiß führen „und die einzelnen Verantwortungsbereiche nach Robert Schneiders Antritt genau zuteilen“. Bis dahin sei Horn Chefredakteurin sowohl von „Bild“ als auch von „Bild am Sonntag“ („BamS“).

Vom Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner hieß es: „Ich freue mich sehr, dass Marion Horn und Robert Schneider wieder zurück zu Axel Springer und „Bild“ kommen. Sie stehen für unseren Weg in die Zukunft.“

Auflage sinkt

Springer ist mit seinen Flaggschiffen „Bild“ und „Welt“ seit längerem in einer Umbruchphase, was - wie bei anderen Medienhäusern - auch mit sinkenden Printauflagen und dem Wandel hin zu Digitalisierung zu tun hat.

Die „Bild“-Auflage ist in den vergangenen Jahren stark gesunken. Ende 2022 lag die verkaufte Auflage bei 1,1 Millionen Exemplaren (mit Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“). Im vierten Quartal 2013 waren noch mehr als doppelt so viele Exemplare täglich verkauft worden. Die Zahl der zahlenden digitalen Abonennten („Bildplus“) lag Ende Februar bei 657.686.

Hinzu kamen zuletzt Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen den einstigen „Bild“-Chefredakteur Reichelt, der den Springer-Konzern schließlich verlassen musste. Reichelt wies die Vorwürfe zurück und sprach später von einer „Schmutzkampagne“ gegen ihn.

Boie hatte den Chefredakteursposten am 18. Oktober 2021 als Nachfolger von Reichelt angetreten.

Arbeitsplatzabbau angekündigt

Erst kürzlich hatte Springer einen größeren Stellenabbau bei „Bild“ und „Welt“ angekündigt. „In den Bereichen Produktion, Layout, Korrektur und Administration wird es deutliche Reduzierungen von Arbeitsplätzen geben“, hatte Döpfner Ende Februar in einem Schreiben an die Belegschaft mitgeteilt. Konkrete Zahlen waren nicht genannt worden. Betriebsbedingte Kündigungen sollten möglichst vermieden werden.

Weiter hatte es geheißen: „Um auch künftig wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, muss sich unser Ergebnis im deutschen Mediengeschäft in den nächsten drei Jahren um rund 100 Millionen Euro verbessern. Durch Umsatzsteigerungen, aber auch durch Kostenreduzierungen.“

Der Konzern beschäftigt weltweit zurzeit rund 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu zählen 3400 Journalisten, davon ein immer größerer Teil in den USA.