Berlin - Fahrgäste müssen im Nordsüd-Tunnel der Berliner S-Bahn bis in die kommende Woche mit Beeinträchtigungen rechnen. Das teilte ein Bahnsprecher am Freitag mit. „Der S-Bahn-Verkehr auf der Nordsüd-Strecke bleibt bis voraussichtlich Dienstagfrüh eingeschränkt“, sagte er. „Die Untersuchungen der Behörden vor Ort laufen weiterhin und werden voraussichtlich am Montag abgeschlossen. Erst danach können wir den betroffenen Zug, der inzwischen behelfsmäßig wieder aufgegleist wurde, abschleppen. Anschließend reparieren wir die Infrastruktur, etwa die beschädigte Stromschiene.“ 

Die Nordsüd-Bahn, einer der wichtigsten Strecken im Netz der Berliner S-Bahn, musste in der Nacht zu Donnerstag unterbrochen werden. Um 0.01 Uhr war ein Zug der Linie S2, unterwegs nach Blankenfelde, bei der Einfahrt in den unterirdischen Teil des S-Bahnhofs Friedrichstraße teilweise aus den Schienen gesprungen. „Von den rund 30 Fahrgästen wurde niemand verletzt“, sagte ein S-Bahner am Donnerstag. Doch die Auswirkungen auf den Betrieb sind erheblich. Fahrgäste sind weiterhin aufgerufen, sich über Alternativen zu informieren. Der Schienenersatzverkehr mit Bussen, den die S-Bahn am Donnerstagmorgen einrichten ließ, wurde inzwischen eingestellt.

Nordsüd-Strecke der S-Bahn Berlin wird stark beansprucht

Seit Donnerstagabend ist im S-Bahnhof Friedrichstraße zumindest ein eingleisiger Zugbetrieb wieder möglich. Die S1 (Wannsee-Oranienburg) verkehrt in diesem Bereich im 20-Minuten-Takt. Sie ist die einzige Linie, die den S-Bahn-Tunnel im Stadtzentrum durchgehend befährt. Dagegen sind die S2, S25 und S26 weiterhin unterbrochen. Die Linien bleiben geteilt, die S-Bahn-Fahrten enden am Südkreuz oder Potsdamer Platz sowie an der Oranienburger Straße oder im Nordbahnhof.

Warum ein Drehgestell des S-Bahn-Zuges aus Berlin zu später Stunde unter dem großen Turmbahnhof in Mitte aus den Schienen sprang, wird nun untersucht. Frühere Entgleisungen ereigneten sich, weil unter einem fahrenden Zug eine Weiche gestellt wurde. „Doch in diesem Bereich befindet sich keine Weiche“, sagte der S-Bahner.

Sabine Gudath
Schienenersatzverkehr: Viele Menschen steigen in Busse um.

Der Tunnelabschnitt, auf dem die S-Bahn entgleiste, war 1936 eröffnet worden. Komplett ist die Nordsüd-Trasse seit 1939. Die Schienen in dem 3,5 Kilometer langen Tunnel mussten schon mehrmals ausgetauscht werden, weil die Beanspruchung groß ist. Die unterirdische Strecke weist Kurven mit engen Radien und beträchtliches Gefälle auf – zum Beispiel an der Spree-Unterquerung unweit vom Bahnhof Friedrichstraße. Wer dort öfter fährt, kennt das Räderquietschen, das auf die Belastung hinweist.

Sabine Gudath
Wegen des entgleisten Zuges wurden Zugänge im Bahnhof Friedrichstraße abgesperrt. 

Zu Mauerzeiten war der Nordsüd-Tunnel der S-Bahn neben der heutigen U6 und U8 eine von drei Transitstrecken, auf denen Züge von und nach West-Berlin den Osten der Stadt unterquerten. Der unterirdische S-Bahnhof Friedrichstraße war die einzige Station in Berlin, Hauptstadt der DDR, in der die Bahnen zum Ein- und Ausstiegen hielten – die anderen wurden als Geisterbahnhöfe ohne reguläre Stopps durchfahren. „Intershops“, in denen man steuerfrei Zigaretten, Spirituosen und andere Waren aus dem „nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet“ einkaufen konnte, waren ein Anziehungspunkt auf dem Bahnsteig unter dem Bahnhof Friedrichstraße. Doch die meisten Fahrgäste, die hier ausstiegen, wollten zur Grenzkontrolle. Das verschachtelte, von 140 Kameras überwachte Bauwerk war nicht nur Verkehrshalt mit zwei voneinander getrennten Teilen, sondern auch eine bedeutende Grenzübergangsstelle der DDR.

Nicht die erste Entgleisung im Nordsüd-Tunnel der S-Bahn

In einem benachbarten Tunnelabschnitt ist vor mehr als 13 Jahren ein Zug entgleist. „Am Sonnabend, 14. Juni 2008, kam es um 14.32 Uhr unmittelbar vor dem Haltepunkt Berlin Friedrichstraße in Fahrtrichtung Wannsee zum bisher schwersten Unfall beim Einsatz historischer Berliner S-Bahnfahrzeuge“, so der Verein Historische S-Bahn Berlin e.V. Der dritte Wagen eines Acht-Wagen-Zugs, der ohne Fahrgäste unterwegs war, sprang aus den Schienen. Die Bergung dauerte rund 24 Stunden.