Piloten von Qatar Airways werfen der staatlichen Fluggesellschaft vor, Mitarbeiter und Passagiere in Lebensgefahr zu bringen. Laut Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters würde die Fluglinie die Arbeitszeit der Piloten nicht nur bewusst ans Limit bringen – sondern durch einen Trick sogar noch weitergehen. Demnach würde die Fluggesellschaft zahlreiche Vorfälle des Müdigkeitssymptoms „Fatigue“ einfach ignorieren. Dies sei jedoch ein eindeutiger Sicherheitsverstoß, der der Gesundheit des Personals schade und das Leben von Passagieren gefährde.

Die Enthüllungen von Reuters kommen Monate vor der Fußballweltmeisterschaft in Katar, bei der Qatar Airways als Hauptsponsor auftritt und bei der Vergabe der internationalen Flüge bevorzugt behandelt werden möchte. Die Piloten seien jedoch besorgt über die Risiken, denen sich die Fans aussetzen könnten, so die Nachrichtenagentur. Viele lange Flüge würden von unterbesetzten und erschöpften Crews durchgeführt. Dieser Druck auf die Angestellten sei durch die Pandemie noch schlimmer geworden. „Ich bin während des Sinkflugs mit 400 Passagieren an Bord eingeschlafen“, erinnert sich Erik an einen 20-Stunden-Flug, den er sicher auf der Basis der Fluggesellschaft in Doha landete.

„Du kannst nichts tun. Dein Körper schreit förmlich nach Ruhe. Man spürt den Schmerz in der Brust und ist nicht in der Lage, die Augen offen zu halten“, sagte der erste Offizier gegenüber der Thomson Reuters Foundation. Dabei habe er zur eigenen Sicherheit ein Pseudonym verwendet, um seien Job nicht zu verlieren. Erik und sechs weitere Flugbesatzungsmitglieder sagten gegenüber Reuters, dass die Arbeitszeiten der Fluggesellschaft sie in die Erschöpfung trieben und dass die Manager sich weigerten, ihnen genügend Ruhe zu gönnen.

Berichte von Übermüdung werden ignoriert

Viele meldeten ihre Übermüdung gar nicht erst, weil sie zusätzliche Kontrollen durch die Fluggesellschaft fürchteten, die während der Pandemie Tausende von Mitarbeitern entlassen hat. Andere sagten, ihre Berichte seien ignoriert worden oder sie hätten nicht die für die geleistete Schicht erforderlichen Ruhezeiten erhalten. „Wir sind überarbeitet und erschöpft – aber ich habe nie einen Müdigkeitsbericht ausgefüllt, weil ich nicht im Rampenlicht stehen will“, sagte Erik.

Reuters fragte bei Qatar Airways nach, ob das Unternehmen eine Zunahme der Müdigkeit oder Sicherheitsprobleme festgestellt habe, wie es die Arbeits- und Ruhezeiten berechne und ob Maßnahmen ergriffen wurden, um dem Personal die Meldung von Müdigkeit zu erleichtern. Ein Sprecher sagte, dass das Unternehmen mit den Mitarbeitern zusammenarbeite, um sicherzustellen, dass die Ruhezeiten und Dienstpläne der Flugbesatzung streng nach den betrieblichen Anforderungen der Fluggesellschaft eingehalten werden. Die Fluggesellschaft erklärte außerdem, sie arbeite daran, „das strengste Programm zum Risikomanagement bei Müdigkeit“ einzuführen.

Wegen Corona: Entlassungswelle bei Qatar Airways

Im Jahr 2020 kündigte Qatar Airways an, jeden fünften Mitarbeiter zu entlassen, da Corona die weltweite Nachfrage nach Reisen massiv eingeschränkt hatte. 2021 wurde die Zahl der Mitarbeiter laut Reuters um weitere 27 Prozent auf 36.700 abgebaut. Die Fluggesellschaft reduzierte 2020 ihre Zielliste auf 33 Städte, erhöhte sie aber 2021 wieder auf mehr als 140. Die Piloten erklärten, dass die Fluggesellschaft, um diese neuen Flüge mit kleineren Besatzungen durchführen zu können, die Arbeitsstunden zu niedrig ansetzte, um die Zahl der durchgeführten Flüge zu maximieren und sich dabei technisch an die Regeln zu halten.

Um die Flüge mit dem geringeren Personalbestand durchführen zu können, so der Vorwurf der Piloten, habe die Airline die Berechnung der Arbeitszeit verändert. Normalerweise müssen Piloten für ihr Gehalt eine bestimmte Stundenzahl pro Monat erfüllen. Diese Stunden, Blockstunden genannt, fangen üblicherweise an, wenn das Flugzeug am Gate in Richtung Startbahn losrollt und endet erst dann, wenn das Flugzeug am Ziel-Flughafen am Gate angekommen ist. Die gesamte Zeit während des Fluges zählt als Arbeitszeit.

So gefährlich trickst die Fluggesellschaft offenbar bei den Arbeitszeiten

Nach der derzeitigen Rechnung von Qatar allerdings nicht mehr. Das belegen offenbar entsprechende Dokumente, die Reuters eingesehen hat. Wenn die Piloten während des Fluges inaktiv sind, werde das nicht mehr als Arbeitszeit gezählt. Das bedeutet: Wenn einer von drei Piloten während eines Langstreckenfluges ruht, wird ihm das nicht mehr als Arbeitszeit angerechnet. Laut einer Kopie des Betriebshandbuchs der Fluggesellschaft, die Reuters vorliegt, hat die „inaktive“ Zeit eines Flugbesatzungsmitglieds keinen Einfluss auf die verdiente Ausfallzeit. Infolgedessen kann ein Großteil eines Langstreckenfluges als inaktiv gelten, selbst wenn ein Pilot in Bereitschaft ist.

„Sie zählen die Stunden auf eine andere Weise. Vor nicht allzu langer Zeit war ich der ‚dritte Pilot‘ im Dienst – meine Aufgabe bestand darin, die Piloten an der Spitze zu überwachen, ich war also zu 100 Prozent aktiv“, so Erik gegenüber der Nachrichtenagentur. „Die Flugzeit betrug eine Stunde und 33 Minuten, aber die gezählte Zeit betrug nur drei Minuten. Das wurde auf mein Fluglimit angerechnet“, sagte er. Zwei andere Erste Offiziere verzeichneten laut dem Bericht in den ersten beiden Januarwochen mehr als 115 Flugstunden und damit mehr als die im Handbuch der Fluggesellschaft angegebene 28-Tage-Grenze von 100 Stunden. Die Fluggesellschaft erklärte, sie habe „verbesserte Bedingungen für die Arbeitsstunden“ eingeführt, nannte aber keine Einzelheiten.

Pilot nickte bei mindestens zehn Sinkflügen ein

Ein ehemaliges Besatzungsmitglied sagte, die Arbeit habe ihn so müde gemacht, dass es für ihn eine Erleichterung war, als er letztes Jahr entlassen wurde. „Ich dachte, wow, jetzt kann ich mich endlich ausruhen“, fügte er hinzu. Die Zivilluftfahrtbehörde von Katar, die die Sicherheitsvorschriften für den Luftraum des Landes festlegt, habe nicht auf Bitten um eine Stellungnahme reagiert, heißt es in dem Bericht. Sechs Flugbesatzungsmitglieder erklärten, die Müdigkeit habe Auswirkungen auf ihren Schlafrhythmus und ihre psychische Gesundheit. „Das verursacht Stress. Es fühlt sich an, als wäre der Eimer jetzt voll, und wenn etwas mit der Arbeit zu tun hat, spürt man das besonders stark“, sagte ein Erster Offizier, der angab, mindestens zehnmal ungewollt eingenickt zu sein, meist während des Sinkflugs.

Trotz der weiten Verbreitung und der Risiken von Müdigkeit sagten mehrere Besatzungsmitglieder, dass ihre Vorgesetzten ihre Bedenken nicht ernst genommen hätten. Dabei beweise eine einmonatige Müdigkeitsumfrage, die vom Group Safety Office der Fluggesellschaft im Jahr 2020 durchgeführt wurde und die Reuters vorliegt, dass 60 Prozent der Piloten von Müdigkeit und Stress stark beeinträchtigt seien.