Abuja/Berlin - Mit einem beispiellosen Schritt will Deutschland die Eigentumsrechte an den als Raubgut aus der Kolonialzeit geltenden Benin-Bronzen den nigerianischen Verhandlungspartnern übereignen. In einer Absichtserklärung (Memorandum of understanding) wurden die Eckpunkte dafür von Vertretern beider Seiten in der nigerianischen Hauptstadt Abuja unterzeichnet. Zudem sind weiter „substanzielle Rückgaben“ vorgesehen. Einzelheiten sollen beim nächsten Treffen voraussichtlich im Dezember vereinbart werden, wie die Deutsche Presse-Agentur in Berlin aus der Verhandlungsdelegation erfuhr.

Die kunstvollen Benin-Bronzen stehen aktuell im Zentrum heftiger Debatten um Rückgaben. Die Objekte stammen größtenteils aus den britischen Plünderungen des Jahres 1897. Es sind Kunstwerke aus dem Palast des damaligen Königreichs Benin. Rund 1100 Bronzen sind in zahlreichen deutschen Museen zu finden, auch im Berliner Humboldt-Forum sollen sie gezeigt werden. Die wichtigsten Bestände sind zu finden im Linden-Museum (Stuttgart), dem Museum am Rothenbaum (Hamburg), dem Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln), den Völkerkundemuseen Dresden/Leipzig sowie dem Ethnologischen Museum in Berlin.

Nigerianischer Minister: Ein mutiger Schritt der Deutschen

Die Absichtserklärung sei von der deutschen Delegation und nigerianischen Vertretern am Mittwoch in Abuja unterzeichnet worden, teilte der Informations- und Kulturminister des westafrikanischen Landes, Alhaji Lai Mohammed, am Donnerstag mit. „Die deutsche Regierung und das deutsche Volk haben einen mutigen Schritt gemacht, indem sie sich bereit erklärt haben, die Artefakte freiwillig und ohne großen Zwang vonseiten Nigerias zurückzugeben“, sagte der Minister.

Aus Sicht von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der auch das Ethnologische Museum Berlin gehört, steckt „eine ziemliche Dynamik“ in den Gesprächen. „Wir erwarten im Dezember noch einen Gegenbesuch, das ist eine sehr dichte Taktung und wird immer konkreter.“ Geplant sei eine Kooperation, die viele Aspekte umfasse. „Es geht nicht allein um Rückgaben, sondern auch darum, eine ganz neue Form der Zusammenarbeit für die Zukunft zu entwickeln. Restitution ist der Beginn und nicht das Ende einer Zusammenarbeit“, sagte Parzinger der dpa.

Bronzen sollen weiter in deutschen Museen gezeigt werden dürfen

Gleichzeitig sei wegen der komplizierten Verhältnisse in Deutschland klar: „Die jeweiligen Museen und deren Träger, Länder oder Kommunen, entscheiden natürlich selbst über ihre Sammlungen.“ Zunächst konzentrieren sich die Bemühungen auf die fünf deutschen Museen mit größeren Beständen an Benin-Bronzen und deren Träger.

„Wir wollen im Laufe des nächsten Jahres mit Eigentumsübertragungen beginnen“, sagte Parzinger. Beide Seiten seien sich einig, dass Benin-Bronzen weiterhin in deutschen Museen gezeigt werden sollen. Das stehe auch in der gemeinsamen Erklärung. „Welche und unter welchen Umständen, das muss in der weiteren Zusammenarbeit noch im Detail herausgearbeitet werden und bedarf des Einverständnisses der nigerianischen Seite.“ Es gehe nicht nur um Rückgabe, sondern auch um Partnerschaft und Austausch.

Parzinger sieht auch Perspektiven für andere Verhandlungen: „Das könnte ein Modell werden für den Umgang mit kolonialer Raubkunst, bei dem auf der Basis einer schwierigen Vergangenheit zukunftsweisende Wege entwickelt werden.“