Berlin - Die Anreise ins sonnige Katar zum erhofften nächsten großen Titel ist für den FC Bayern zum Riesenärgernis geworden. Schleunigst hatten die Mannschaft und ihre Begleiter nach dem 1:0 über Hertha BSC das eisige Olympiastadion verlassen, um nach Schönefeld zum Flughafen BER zu eilen. Um 23.15 Uhr sollte Flug QR 7402 von Qatar Airways nach Katar abheben. Doch die Maschine hob erst fast sieben Stunden später ab: am Sonnabend um 6.52 Uhr. Die Aufregung ist groß. 

Manuel Neuer grinste noch hinter dem Mund-Nasen-Schutz aus seinem komfortablen Sitz an Bord der Maschine. Thomas Müller machte noch einen schnellen Schnappschuss mit beiden Daumen hoch vor den geöffneten Handgepäckablagen. Er hätte sich Zeit nehmen können. Sonnabendfrüh teilte der FC Bayern München via Twitter mit: „Wegen verweigerter Starterlaubnis hebt der FC Bayern jetzt mit mehr als siebenstündiger Verspätung zur Fifa Klub-WM nach Doha ab.“

Normalerweise darf am BER bis 23.30 Uhr gestartet werden – das wäre auf jeden Fall knapp geworden. Um sicher zu gehen, dass die Abreise klappt, hatte man sich bei der Gemeinsamen Luftfahrtbehörde Berlin-Brandenburg eine Ausnahmegenehmigung besorgt. Sie hätte es erlaubt, am Freitag bis 23.59 Uhr und 59 Sekunden am BER abzuheben – vor dem Nachtflugverbot, das sich dort von Mitternacht bis 5 Uhr erstreckt. Das Brandenburger Ministerium für Infrastruktur wacht darüber.

„Aus unserer Sicht sprach nichts dagegen, dass die Maschine wie geplant abhebt“, sagte Flughafensprecherin Sabine Deckwerth am Sonnabend. Gegen 23 Uhr sei die rund 80-köpfige Gruppe des FC Bayern am BER eingetroffen, hieß es bei der Flughafengesellschaft. Während sie die Kontrollen passierte, liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. In der Regel dauert es 20 Minuten, ein Flugzeug zu enteisen – in diesem Fall schaffte man es in 16 Minuten. Die Spieler waren rechtzeitig am Gate. Die Maschine rollte zur Nordbahn des BER. Dort stand das Flugzeug und wartete auf die Startfreigabe. Es war 23.59 Uhr, eine Minute vor Mitternacht. Kurz vor knapp.

Doch vom Tower der Deutschen Flugsicherung (DFS) kam eine negative Nachricht. Grund war, dass es die Maschine bis eine Sekunde vor Mitternacht nicht mehr geschafft hätte, die Startbahn rechtzeitig zu verlassen und vor 0.00 Uhr, 0 Sekunden, abzuheben, hieß es. Bis dahin muss das Flugzeug die Bodenhaftung verlieren.

Nach Angaben des Brandenburger Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung erfolgte die Bitte um Startfreigabe für den Flug des FC Bayern München nach Katar um 0.03 Uhr. Die Deutsche Flugsicherung habe in der Folge mit dem Blick auf die Nachtflugbeschränkungen am Flughafen BER die Startfreigabe nicht erteilt, hieß es in einem Statement am Sonnabend.

„Der Lotse hat da keinen Ermessensspielraum“, sagte DFS-Sprecher Stefan Jaekel am Sonnabend der Berliner Zeitung. „Er ist an die Vorgabe der Luftfahrtbehörde gebunden, sonst bekäme er ein Problem. So sind die Regeln.“ Deshalb sei es auch im Fall des FC Bayern nicht möglich gewesen, ein Auge zuzudrücken. Der Pilot war über den Behördenbescheid informiert worden.

Der Bayern-Flug startete letztlich erst mit über sieben Stunden Verspätung und flog zunächst nach München, weil dort die Crew getauscht werden musste. Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge war außer sich. „Wir fühlen uns von den zuständigen Stellen bei der brandenburgischen Politik total verarscht“, sagte er der Bild-Zeitung und schimpfte: „Die Verantwortlichen wissen gar nicht, was sie unserer Mannschaft damit angetan haben.“

Auch der frühere Klub-Präsident Uli Hoeneß meldete sich zu Wort. Er bezeichnete das Flug-Chaos als „Skandal ohne Ende“. Dass dem Team der Abflug aus Berlin „wegen ein paar Minuten“ verweigert worden sei, kritisierte der 69-Jährige am Sonnabend im Bayerischen Rundfunk als „Unverschämtheit der Verantwortlichen“ und „unverständlich“. Schließlich würden die Münchner bei dem Turnier in Katar den deutschen Fußball vertreten. Dies sei „eine wichtige Geschichte“. Hoeneß sagte, er habe gedacht, es handle sich „um einen Schildbürgerstreich“.

Nach dem 1:0-Erfolg bei Hertha BSC hatten die Bayern das Olympiastadion noch in bester Stimmung verlassen. „Es wird ein schöner Flug. So haben wir uns das vorgestellt“, hatte Trainer Hansi Flick sogar noch gesagt.

Nicht mit an Bord waren Nationalspieler Leon Goretzka und der Spanier Javi Martínez. Sie fehlten im 22-köpfigen Kader. Sie hatten auch beim durchaus mühsamen Sieg in Berlin gefehlt. Beide müssen wegen positiver Coronavirus-Tests noch pausieren. „Wir müssen von Tag zu Tag drauf schauen“, betonte Flick. „Bei Leon sieht es etwas besser aus, bei Javi wird es wahrscheinlich nicht reichen.“

Man wolle die nächsten Tage abwarten, sagte der Erfolgscoach der Münchner und ergänzte: „Wenn es fürs erste Spiel nicht reicht, dann vielleicht fürs zweite Spiel.“

Die Eingewöhnungszeit vor Ort ist für die Bayern durch die Abflugverspätung knapper geworden. Bereits an diesem Montag treffen sie als europäischer Champions-League-Sieger im Halbfinale auf Al Ahly SC aus Ägypten. Am Donnerstag kommender Woche wird das Endspiel ausgetragen. Da wollen die Bayern hin, auch das wollen sie gewinnen. „Es ist der krönende Abschluss nach der Champions League. Wir wollen uns die Krone aufsetzen“, betonte Müller.

Beim Stressprogramm mit klimatischen Extremen zählte in Berlin am Ende nur der Sieg, es war der fünfte in der Liga nacheinander. „Man kann nicht in jedem Spiel zelebrieren“, betonte Müller. Der Treffer durch Kingsley Coman in der 21. Minute war unhaltbar abgefälscht für Herthas starken Keeper Rune Jarstein. Einen Elfmeter von Robert Lewandowski hatte er zuvor pariert.

Die verspätete Landung des deutschen Fußball-Rekordmeisters in Katar erfolgte am Sonnabendnachmittag. Mannschaft und Betreuer mussten sich zunächst einem Corona-Test am Flughafen unterziehen, wie der Verein mitteilte. Danach ging es ins Hotel. Bis zur Vorlage eines negativen Testergebnisses dürften die Spieler ihre Zimmer nicht verlassen, hieß es.