Berichte: USA halten russischen Chemiewaffen-Einsatz für möglich

Angesichts ukrainischer Militärerfolge befürchten US-Experten: Sollte Putin weiter in die Enge gedrängt werden, könnte er auch zu Chemiewaffen greifen.

Kreml-Chef Wladimir Putin bei einem Truppenbesuch in Russland.
Kreml-Chef Wladimir Putin bei einem Truppenbesuch in Russland.AP/Mikhail Klimentyev

Sollte sich die Lage für die russischen Streitkräfte im anhaltenden Ukraine-Krieg weiter verschlechtern, halten Angehörige der US-Regierung auch einen Chemiewaffen-Einsatz Russlands für realistisch. Wie die Zeitung Politico am Mittwoch berichtet, sollen mehrere Experten, darunter auch Mitglieder des US-Verteidigungsministeriums, sich zu den möglichen Gefahren einer weiteren Eskalation in der Ukraine geäußert haben.

Den Militärexperten gehe es vor allem darum, sicherzustellen, dass Verbündete der Vereinigten Staaten für den Ernstfall vorbereitet seien. Konkrete Hinweise auf einen geplanten Einsatz chemischer Waffen in der Ukraine gebe es demnach zwar nicht. Angesichts jüngster russischer Rückschläge sei jedoch Vorsicht geboten. So könnte Kreml-Chef Wladimir Putin im Falle weiterer, noch erheblicherer Niederlagen zuerst zu Chemiewaffen greifen, bevor zum Beispiel der Einsatz einer taktischen Atomwaffe auf dem Schlachtfeld in Frage käme.

Chemiewaffen-Abkommen auch von Russland unterzeichnet

Nachdem die russische Invasion angesichts einer massiven ukrainischen Gegenoffensive zusehends ins Stocken geraten ist, setzt Moskau vermehrt auf Raketenangriffe, insbesondere auf die Energieversorgung des Landes. Im US-Verteidigungsministerium befürchtet man indes, dass Putin einem vollständigen Zusammenbruch seiner „Spezialoperation“ auch mit Chemiewaffen entgegenwirken könnte. „Wir waren uns immer bewusst, dass sie über die Mittel und Fähigkeiten verfügen, diese Art von Waffen einzusetzen“, sagte ein Pentagon-Beamter. Eine akute Gefahr bestehe allerdings nicht. Momentan gebe es keinen Grund, „der uns dazu veranlassen würde, unsere jetzige Haltung zu ändern.“

Das internationale Chemiewaffenabkommen – das bis auf wenige Ausnahmen alle UN-Mitgliedsstaaten inklusive Russland unterzeichnet haben – verbietet den Einsatz chemischer Waffen. Auch Entwicklung, Herstellung und Besitz solcher Kampfstoffe sind völkerrechtlich untersagt; alte Bestände aus Sowjetzeiten seien nach Darstellung des Kremls mittlerweile zerstört worden.

Angst vor chemischen Waffen größer als tatsächliche Gefahr

Im Kontrast zu den offiziellen Informationen Moskaus stehen mehrere Anschläge in den letzten Jahren, bei denen unter anderem das extrem tödliche Nervengift Nowitschok verwendet wurde. So wurden 2018 der russisch-britische Doppelagent Sergej Skripal und dessen Tochter aufgrund einer Nowitschok-Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Noch mehr Aufmerksamkeit erregte der Fall des Oppositionellen und Putin-Gegners Alexej Nawalny, der im Jahr 2020 ebenfalls knapp einen Giftgasanschlag überlebte und nach einer Behandlung in der Berliner Charité seit Juni eine neunjährige Haftstrafe in Russland absitzt.

Chemiker Ralf Trapp, der lange für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag tätig war, hält es dennoch für unwahrscheinlich, dass Moskau die Produktion von Giften wie Chlorgas wieder ankurbeln oder sogar einen Kampfeinsatz erwägen könnte. „Um militärisch effektiv zu sein, müsste dies in großem Stil geschehen, also mit Hunderten oder sogar Tausenden Tonnen“, erklärte Trapp in einem Interview mit dem Handelsblatt. Eine Produktion in diesen Mengen wäre weltweit nicht unbemerkt geblieben, so der Experte. Verheerender sei aber ohnehin die psychologische Komponente, „also der Horroreffekt, der erzielt wird, wenn eine Macht mit dem Einsatz droht oder auch nur den Eindruck erweckt, sie könnte, wenn sie wollte.“