Berlin - Einer wie Julian Reichelt hat derzeit wenig Freunde, dafür umso mehr Feinde. Frauenrechtlerinnen, Journalisten, Linke, sie alle freuen sich unverhohlen, bisweilen auch recht boshaft über den letzten Schuss, der Reichelt endgültig erledigt hat. Endlich ist der Mann weg, der Frauen „gevögelt, gefördert und gefeuert“ hat, wie es unter anderem der Spiegel schrieb. Endlich ist der Mann weg, dem von vielen und meist anonymen Quellen sexuelle Belästigung, Machtmissbrauch und die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen vorgeworfen wurde. Da erscheint es fast schon nebensächlich, dass Reichelt nicht wegen dieser Vorwürfe vor die Tür gesetzt wurde. Sondern wegen einer zwar verschwiegenen, aber eben auch einvernehmlichen Beziehung zu einer Kollegin. 

Man habe Zeugenberichte erhalten, die darlegten, dass Julian Reichelt aktuell eine Beziehung zu einer Mitarbeiterin unterhalte, was er zuvor bestritten habe, erklärte Springerchef Mathias Döpfner am Donnerstag in einem Video. Erst als Reichelt mit diesen Zeugenberichten konfrontiert worden sei, habe er die Beziehung zugegeben. „Damit war klar“, so Döpfner: „Erstens, er hat aus den Fällen von damals nichts gelernt. Zweitens, er hat uns nicht die Wahrheit gesagt. Und damit war klar: Wir mussten sofort handeln und wir haben die Chefredaktion von Bild neu aufgestellt.“ 

„Romantische wie auch sexuelle Beziehungen“

Es geht bei dem Rauswurf Reichelts also nicht um Machtmissbrauch, um Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen oder gar sexuelle Belästigung. Sondern um eine einvernehmliche Beziehung, die nicht gemeldet wurde. 

Ende März hieß es noch, man prüfe und diskutiere konkret die „Möglichkeit, die Meldung romantischer wie auch sexueller Beziehungen innerhalb einer Unternehmenseinheit verpflichtend zu machen“. Man könne und wolle Beziehungen und Gefühle nicht verbieten, zugleich aber transparent damit umgehen. Eine solche Regelung habe man in den vergangenen Jahren jedoch „unter Berufung auf freiheitliche Werte“ abgelehnt. Ist es also wirklich Julian Reichelt, der hier einen schweren Fehler gemacht hat? Nein, ist er nicht. Es ist das gesamte Unternehmen, das es jahrzehntelang versäumt hat, hier klare Regeln zu setzen. 

Der Rauswurf von Reichelt taugt nicht als Absolution

Die Etagen im Springerhaus sind voller One-night-stands, Affären und mitunter glücklichen Pärchen samt Kindern, die sich aus einer der beiden erstgenannten Beziehungen entwickelt haben. Das ist nicht verwunderlich. Und nicht falsch. Wo kann ich Menschen besser kennenlernen als im Berufsleben, wo man seine Mitmenschen auch übermüdet und in extremen Stresssituationen erlebt? Bei Facebook, Tinder oder betrunken im Club? Eher nicht. Dass es also zwischenmenschliche Beziehungen gibt, die sich auch über mehrere Hierarchie-Ebenen hinwegsetzen, ist nicht gut und nicht schlecht, es ist schlichtweg die Realität.

Der Umgang mit solchen Beziehungen innerhalb der Company ist es, der wichtig ist, nicht die Beziehung als solche. Es ist ganz einfach: Zwei Menschen teilen mehr als nur das Büro? Wunderbar, schön für Euch, danke fürs Bescheid geben, wir passen mit Euch gemeinsam auf, dass im Job daraus keine komplizierten Situationen entstehen. Hier hat das Springerimperium aber durch sein jahrelanges Nichtstun gnadenlos versagt. Und der Rauswurf von Reichelt taugt nicht als Absolution. 

Zudem ist – Stand jetzt – nicht bekannt, wie die Frau, um die es hier geht, eigentlich darüber denkt. Kann es nicht sein, dass sie Reichelt gebeten hat, die Beziehung zu verschweigen? Weil sie womöglich zu Recht nicht als eine von Reichelts „Betthäschen“ abgestempelt werden will? Ist es so undenkbar, dass auch einer wie Julian Reichelt den Anstand besitzt, eine Frau, mit der er eine wie auch immer geartete Beziehung unterhält, schützen will? Wer von all den Journalisten, die Reichelts Rauswurf aktuell feiern, hat mit dieser Frau gesprochen? Dass sie weiterhin gerne zur Arbeit gehen wird, halte ich für eher unwahrscheinlich. Ein Kollateralschaden, der niemanden interessiert. 

PS: Spannend zu wissen wäre zudem, was Friede Springer zu alldem zu sagen hat. Sie könnte gewiss Auskunft darüber geben, wann genau ihr damaliger Chef Axel Springer sie vom 23-jährigen Hausmädchen zur Geliebten beförderte. Und zu welchem Zeitpunkt ihrer Liebelei der damals 30 Jahre ältere Verleger sich öffentlich zu ihr bekannte, bevor er sie zur Ehefrau Nummer Fünf nahm. Und damit den Grundstein für ihren Aufstieg zu einer der mächtigsten Frauen Europas legte.