In Berlin-Charlottenburg ist am Mittwoch um 10.26 Uhr ein 29-Jähriger mit seinem Auto in eine Menschenmenge gefahren. Ein Mensch starb, sechs wurden lebensgefährlich verletzt, drei weitere schwer. Insgesamt wurden 14 Menschen nach Kenntnisstand der Polizei von Mittwochabend verletzt. Der Vorfall trug sich in der Tauentzienstraße am Breitscheidplatz nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu. Bundeskanzler Olaf Scholz teilte am späten Mittwochabend mit, es handelt sich um eine „grausame Amoktat“.

Wie die Berliner Zeitung erfuhr, ist unter anderem eine auswärtige Schulklasse mit zwei Lehrkräften betroffen. Eine 51-jährige Lehrerin starb, ein Lehrer wurde schwer verletzt. Bei den Schülern handelt es sich um Zehntklässler. „Unter den heute Vormittag in der Tauentzienstraße von dem 29-Jährigen zum Teil schwer verletzten Menschen sind - nach aktuellem Kenntnisstand - 14 Schülerinnen & Schüler aus Hessen. Ihre Lehrerin verstarb noch am Ort“, schrieb die Polizei am Abend auf Twitter. Die Schüler befanden sich auf Klassen- oder Abschlussfahrt.

Augenzeugen stoppen Autofahrer, Polizei nimmt ihn fest

Passanten konnten den wegrennenden Fahrer des silberfarbenen Renault Clio festhalten und der Polizei übergeben. Der 29-jährige, in Berlin-Charlottenburg lebende Deutsch-Armenier wurde festgenommen und in ein Krankenhaus gebracht. Die Ermittlungen führe die Mordkommission des LKA, in deren Gewahrsam der Verdächtige sei, teilte die Polizei am Abend mit.

Innensenatorin Iris Spranger (SPD) schrieb am Abend auf Twitter: „Nach neuesten Informationen stellt sich das heutige Geschehen an der Tauentzienstraße als eine Amoktat eines psychisch beeinträchtigten Menschen dar.“ Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schrieb daraufhin auf Twitter: „Die grausame Amoktat an der Tauentzienstraße macht mich tief betroffen.“

In dem Auto, das der Schwester des Fahrers gehört, lagen Schriftstücke und Plakate mit Äußerungen zur Türkei, wie sie auf Demonstrationen hochgehalten werden. Dem Vernehmen nach soll es sich um anti-türkische Plakate handeln. Berichte über ein Bekennerschreiben dementierte Spranger. Im Lauf des Tages häuften sich die Hinweise, dass es kein Unfall gewesen sei. Polizeipräsidentin Barbara Slowik sprach von einem „Tatverdächtigen“, der in ein Krankenhaus gebracht wurde. Im Moment gebe es keine Erkenntnisse zu einer politischen Motivation.

Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey bekräftigte am Abend, dass in dem Wagen kein Bekennerschreiben gefunden wurde. „Es gibt entgegen der Aussagen, die zwischendurch mal kamen, kein Bekennerschreiben“, sagte die SPD-Politikerin im ZDF-„heute journal“. Es seien auf der Rückbank des Wagens lediglich zwei Plakate gefunden worden. Es sei noch nicht geklärt, ob diese im Zusammenhang mit dem Vorfall stünden, wem sie gehörten und ob dahinter eine politische Aussage stehe. „Wir haben in den ersten Vernehmungen da auch noch keine klaren Aussagen bekommen.“ Die Polizei ermittelt nach Giffeys Worten in alle Richtungen.

Der Mann soll der Polizei bereits wegen mehrerer Delikte bekannt gewesen sein, allerdings nicht in Zusammenhang mit Extremismus. Der Mann habe offenbar psychische Probleme, hieß es.

Die Bild-Zeitung berichtete am Abend, dass ein Spezialeinsatzkommando (SEK) die Wohnung des Fahrers in Charlottenburg durchsucht habe. Zehn Beamte hätten sich mit einer Ramme und einem Erkundungsroboter Zugang zur Wohnung verschafft. Ob dabei etwas gefunden wurde, blieb zunächst unklar.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Berlin-Charlottenburg: Zahlreiche Fahrzeuge von Polizei und Feuerwehr sind im Einsatz.

Breitscheidplatz: 130 Polizisten und 60 Feuerwehrleute sind im Einsatz

Augenzeugen schilderten der Berliner Zeitung, dass es sich bei dem Fahrer um einen jugendlich gekleideten Menschen handele. Er habe einen gelben Pullover, Jogginghose und rote Sneaker getragen. Der Mann sei zunächst im Bereich Tauentzienstraße/Rankestraße auf den Gehweg und in die Personengruppe gefahren. Dann sei er weiter über die Fahrbahn und schließlich – eine Seitenstraße weiter – in eine Douglas-Filiale gerast. Insgesamt soll er dabei eine Strecke von 200 Metern zurückgelegt haben.

Rund 130 Polizisten, teils schwer bewaffnet und behelmt, sowie 60 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Sanitäter versorgten die Verletzten. Der ADAC-Rettungshubschrauber landete auf dem Tauentzien. Die Feuerwehr alarmierte intern auf den Einsatzcode „Massenanfall an Verletzten“.

Ein Kellner eines nahen Restaurants sagte der Berliner Zeitung, dass das Auto die Opfer „direkt gerammt“ habe. Menschen seien durch die Luft geflogen. Auf einem Video, das der Berliner Zeitung vorliegt, ist zu sehen, wie der Autofahrer von Polizisten abgeführt wird. Er wendet sich an die umstehenden Menschen und sagt: „Bitte Hilfe!“

Wenig später erschien Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik, um sich einen Eindruck von dem Geschehen zu machen. Sie sprach mit Polizisten und ließ sich den Ablauf schildern. Sie ging dann die 200 Meter lange Strecke bis zu dem Geschäft, in das der Wagen gefahren war.

dpa/AP/Michael Sohn
Berlin-Charlottenburg: Das Fahrzeug kam nach der tödlichen Fahrt im Schaufenster einer Filiale der Parfümerie-Kette Douglas zum Stehen.

Europacenter evakuiert, Polizei untersucht Fahrzeug erneut

Einige Stunden später, gegen 15 Uhr, wurde das Europacenter zum Teil geräumt. Grund sei die genauere Untersuchung des Autos des Fahrers, das gegenüber des großen Einkaufszentrums auf der anderen Seite der Tauentzienstraße stand. Es gehe um eine reine Vorsichtsmaßnahme, falls sich in dem Wagen etwas Gefährliches befinden sollte, so die Polizei. Das Auto soll der älteren Schwester des Fahrers gehören. Bei ihr soll er auch gewohnt haben oder zumindest gemeldet sein.

Nach Angaben der Beamten soll die Beweissicherung am Ort des Vorfalls bis in den späten Mittwochabend laufen. Ziel sei es, die Straße wieder freizugeben. Die Untersuchungen vor Ort werden den Ermittlern zufolge am Donnerstag weitergehen.

Todesfahrt in Berlin: Das sind die Reaktionen

Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) zeigte sich schockiert über den Vorfall in Charlottenburg. „Ich bin in der Lagezentrale und informiere mich laufend. Meine Gedanken und mein tiefes Mitgefühl sind bei allen Betroffenen!“, schrieb sie auf Twitter.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) teilte mit: „Ich bin tief betroffen von diesem Vorfall. Wir wissen, dass es eine Tote gibt und mehrere Schwerverletzte. Die Polizei arbeitet mit Hochdruck an der Aufklärung.“ Es sei eine Situation, in der man denke: „Nicht schon wieder“. Giffey warnte zugleich vor voreiligen Schlüssen. Sie erschien am Nachmittag ebenfalls am Ereignisort und machte sich ein eigenes Bild.

Auch die Bundesregierung drückte ihr Mitgefühl aus. Man sei „sehr betroffen und erschüttert“, sagte Vize-Regierungssprecherin Christiane Hoffmann. „Vor allen Dingen gilt unsere Hoffnung, dass die Schwerverletzten und Verletzten wieder genesen“, fügte ein Sprecher von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hinzu.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte: „Meine Gedanken sind bei den schwer und sehr schwer Verletzten, bei dem Todesopfer. (...) Und sie sind bei denen, die Schreckliches erleben mussten. Mein tiefes Mitgefühl gilt ihnen, allen Angehörigen und Hinterbliebenen.“

EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola sagte, „dass unsere Gedanken bei den Angehörigen der getöteten Person und den Überlebenden sind“. Dies wolle sie im Namen des gesamten EU-Parlaments mitteilen.

Berliner Polizei bittet Zeugen um Fotos und Videos

Die Berliner Polizei bittet Zeugen des Vorfalls, Hinweise zum Geschehen an die Behörde zu melden. Gesucht werden auch Mediadaten wie Fotos und Videos. Für Angehörige wurde eine Personenauskunftstelle eingerichtet.

Um 19 Uhr fand für die Opfer ein Gedenkgottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt. Ein Sprecher der Feuerwehr sagte zudem, dass an der Gedächtniskirche eine Stelle für die psychosoziale Notfallversorgung von Zeugen eingerichtet worden sei.

Der Vorfall ereignete sich am Ort des Terroranschlags von 2016

Der Vorfall ereignete sich ganz in der Nähe des Platzes, an dem ein Attentäter einen Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt verübte. Der Täter war am 19. Dezember 2016 gegen 20 Uhr in den gut besuchten Weihnachtsmarkt mit einem gestohlenen Lkw gerast. Bei dem Vorfall am Breitscheidplatz waren elf Personen getötet und 67 Menschen verletzt worden. Ein Opfer starb später an den Folgen des Attentats.

AP/Michael Sohn
Berlin-Charlottenburg am Mittwoch: Rettungskräfte versorgen einen Verletzten.

Zuvor hatte der Attentäter Anis Amri einen polnischen Lkw-Fahrer überwältigt und getötet. Mit dem Lkw fuhr er anschließend in Richtung Kurfürstendamm und steuerte das Fahrzeug in die Menschenmenge. Der Täter wurde nach einer europaweiten Fahndung am 23. Dezember 2016 bei einer Routinekontrolle der Polizei in Turin in Italien von Polizisten erschossen. Zuvor hatte er das Feuer auf die Polizisten eröffnet.