Berlin - Bibbernd vor Kälte, aber geduldig wartet Kathrin Bärbock vor dem Absperrband in der Dorotheenstraße, kurz vor der Ecke, wo sie die Pohlestraße kreuzt. Sie wartet dort auf einen der Polizeibeamten, die Angehörige und Anwohner noch einmal zu ihren Wohnungen begleiten. Wer rein will, muss sich ausweisen.

Wer das kann, darf sich noch einmal rasch den Gehweg entlangschlängeln, vorbei an der großen Baustelle in der Mitte der gepflasterten Straße, um die wichtigsten Dinge einzupacken, den Kühlschrank zu leeren, noch einmal nach dem Rechten zu sehen.

330 Personen hatten am Sonntag ihre Wohnungen verlassen und sich für die kommenden Nächte bei Freundinnen oder Verwandten einquartieren müssen. Grund für die Evakuierung sind zwei einsturzgefährdete Häuser.

Einsturzgefahr wegen Rissen in der Fassade

Alle Betroffenen seien noch bis zum Abend untergebracht worden, sagt Sabrina Kirmse, eine Sprecherin des Bezirksamtes Köpenick. Für die, die das nicht konnten, habe das Sozialamt zwei Hotels gemietet. Drei Busse der BVG waren dafür als Shuttle im Einsatz gewesen.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Nur mit den notwendigen Sachen ausgerüstet müssen Anwohner in eine neue Bleibe ziehen.

Die Polizei habe laut einem Sprecher Wohnungen geräumt, die über 18 Hauseingänge zugänglich sind. Rund die Hälfte der Straßenlänge ist demnach dicht. Wie lange die Bewohnerinnen und Bewohner dieses vorderen Abschnitts der Pohlestraße ihre Wohnungen nicht mehr betreten können, ist derzeit noch offen. Gott sei Dank wohne sie in der Nähe, sagt die 53-jährige Bärbock, die ihren Bruder vorerst bei sich im Wohnzimmer aufgenommen hat.

„Wir haben hier eine akute Notlage“, sagt Sabrina Kirmse. Das Technische Hilfswerk (THW) sichere derzeit die eigentliche Ursache der Räumung: eine Baugrube, die mit Wasser vollgelaufen war. An den beiden angrenzenden Häusern hatten sich in den vergangenen Tagen Risse gebildet und an den seitlichen Außenfassaden bis zu den Giebeln nach oben gezogen. Inzwischen seien auch Risse an der Frontseite aufgetaucht, sagte Kirmse. Die Häuser drohen abzusacken.

Im Tiefbau gepfuscht

Wie konnte das passieren? Kirmse vermutet: Pfusch auf der Baustelle. In einer Mitteilung des Bezirksamtes heißt es, „das grob fahrlässige Befahren des Bürgersteiges mit schweren Kettenfahrzeugen durch die Baufirma“ sei schuld an den Schäden. Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr habe laut Bezirksamt bereits Anfang Januar den Bauherren auf die Dringlichkeit verwiesen, die Grube zu befüllen.

Ein Sprecher des THW sagte, in der Nacht und am frühen Montag habe man die Grube zunächst ausgepumpt. Die Priorität liege nun erst mal auf Schadensbegrenzung. Ein Holzgerüst soll die instabilen Seitenwände der Grube behelfsmäßig sichern.

Denn das Wasser in der Grube sei nicht das eigentliche Problem, sondern ein „unsachgemäßer Tiefbau“ auf der Baustelle, sagt Kirmse. Die straßenseitige Wand der Baugrube habe sich verschoben, der ausgehobene Sand türmt sich noch auf der gegenüberliegenden Seite und übt wohl weiteren Druck auf die Grube aus. Der Sandberg muss jetzt schnell weg, genauso wie die Bagger, die noch um die Baustelle herumstehen.

Die weiteren umliegenden Wohnungen sind betroffen, weil Strom-, Gas- und Wasserversorgung abgeklemmt wurden, um überhaupt an die Baustelle heranzukommen.

Ob die Häuser wieder bewohnbar werden, ist offen

Bei beißender Kälte wuselten deshalb bis zum Montagmittag etwa 150 Einsatzkräfte der Polizei und des Technischen Hilfswerks die gepflasterte Straße auf und ab, sicherten Straßenabschnitt und Baustelle, auch Sanitäter waren vor Ort. Der Arbeiter-Samariter-Bund, das Rote Kreuz und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sozialamts Köpenick hatten am Vorabend die Betroffenen mit Tee versorgt und sie bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützt, wie Sabrina Kirmse erklärt.

Doch noch sind viele Fragen offen. Ein Baufachberater soll – sobald das THW alles behelfsmäßig gesichert hat – die Baustelle und die betroffenen Häuser untersuchen. Dann erst könnten weitere Entscheidungen über Dauer und Umfang des Einsatzes gefällt werden, sagt Kirmse. Die größte Sorge des Bezirksamtes sei aktuell, ob die beiden direkt betroffenen Häuser überhaupt wieder bewohnbar sein können.

Anwohnerinnen und Anwohner können sich bis 16 Uhr unter der Hotline 030 90 29 76 099 oder per E-Mail unter katastrophenschutz.soz@ba-tk.berlin.de beim Sozialamt Treptow-Köpenick melden.