Das Vivantes-Klinikum Wenckebach liegt ruhig am Metzplatz, unweit vom Tempelhofer Damm.
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinDer landeseigene Klinikkonzern Vivantes gibt das Wenckebach-Krankenhaus in Tempelhof auf. Das verkündete Johannes Danckert, Geschäftsführer für Klinikmanagement, am Dienstag. Die Betten sollen ins gut vier Kilometer entfernte Auguste-Viktoria-Klinikum am Grazer Damm (AVK, Schöneberg) verlegt werden. Der Aufsichtsrat hat den Plänen am vergangenen Mittwoch zugestimmt.

Das „Wenckebach“ soll für Aus- und Fortbildungen sowie Behandlungstrainings von Forschungsinstitutionen, Universitäten und Medizin-Start-ups genutzt werden. So soll es auch zu Mieteinnahmen kommen. Danckert denkt an ein „Adlershof der Medizin“, einen Gesundheitscampus mit einer Ausrichtung auf ambulante Behandlung, digitale Medizin, der Entwicklung eines Roboter-Einsatzes in der Pflege. Außerdem soll die Möglichkeit für ambulante Operationen durch Vivantes-Mediziner und niedergelassene Ärzte geschaffen werden. Festlegungen gibt es allerdings noch nicht.

Im Wenckebach-Krankenhaus gebe es einen Investitionsstau von 154 Millionen Euro, und selbst wenn man dieses Geld ausgeben würde, hätte man immer noch eine veraltete Klinik. Da sei es besser, sie ins AVK zu verlegen, wo neu gebaut wird. Viele Krankenzimmer sind laut der Pflegedirektorin Sabrina Kurowski zu klein, eine Station erstreckt sich über 190 Meter, was den Mitarbeitern unzumutbar lange Wege aufnötige.

Die Krankenzimmer - hier in der Geriatrie - sind nach Darstellung von Vivantes zu klein, häufig verwinkelt.
Foto: Gerd Engelsmann

Das weitgehend denkmalgeschützte Wenckebach-Krankenhaus, 1878 als Militärhospital mit dicken Wänden gegen Artilleriebeschuss errichtet, hat 443 Betten. Ein Schwerpunkt ist die Behandlung von Verletzungen und Knochenbrüchen alter Patienten (Alterstraumatologie). Das Haus hat 528 Mitarbeiter, darunter 287 Pflegekräfte und 110 Ärztinnen und Ärzte. Es gibt 6100 stationäre Behandlungen pro Jahr. Die relativ geringe Zahl resultiert aus den langen Aufenthalten in der Psychiatrie und Geriatrie, im Schnitt drei Wochen.

Diese Patientendusche ist sehr eng und für die Körperpflege hinfälliger Senioren ungeeignet.
 
Foto: Gerd Engelsmann

Noch 2020 soll zunächst die Klinik für Innere Medizin umziehen, 2021 die Kliniken für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie sowie die Rettungsstelle – zusammen 82 von 110 Betten. Ende 2021 soll auch der erste von fünf Bauabschnitten im AVK fertig sein. Geriatrie und Psychiatrie sollen 2024 umziehen, wenn der zweite Bauabschnitt im AVK abgeschlossen ist. Dort wird bis 2028 für 600 Millionen Euro gebaut, der Anteil für die Übernahme des Wenckebach beträgt 244 Millionen Euro.

Der Betriebsrat kritisiert, dass eine Geriatrie ohne Intensivmedizin ebenso wenig vorstellbar sei wie eine Psychiatrie ohne Rettungsstelle, weil Patienten häufig mit selbst zugefügten Verletzungen eingeliefert würden. Insgesamt sei das Wenckebach-Krankenhaus über die Jahre kaputtgespart worden. So sei in der Rettungsstelle im vergangenen Vierteljahrhundert lediglich einmal gemalert worden, erklärt Elke Pompa, Betriebsratsmitglied und Krankenschwester in der Rettungsstelle.

Das Wenckebach, als Militärkrankenhaus in Pavillonbauweise errichtet, soll zu einem Ort für Fortbildung, Forschung und ambulante Operationen werden.
Foto: Gerd Engelsmann

Sie erwartet, dass die Rettungsstelle im AVK überlastet sein wird. Die Stelle im Wenckebach-Krankenhaus hat laut Vivantes 13.000 Behandlungsfälle pro Jahr, laut Betriebsrat würden aber über 20.000 Menschen kommen oder vom Rettungswagen eingeliefert werden. Was die Rettungsstelle angeht, erwartet auch der Ärztliche Direktor Dr. Oliver Altenkirch Probleme: „Da gibt es noch viel Handlungsbedarf.“ In der Summe sei der Umzug aber nötig, weil man nur mit vielen Behandlungen an einem Ort die Qualität der Versorgung aufrechterhalten könne. Er beklagte, dass das Geld für kontinuierliche Investitionen und Sanierungen des Wenckebach-Krankenhaus nie gereicht hätte.

Vivantes ist bei der Finanzierung der Baumaßnahmen am AVK auf die Hilfe des Landes Berlin angewiesen, aus eigenen Mitteln sei das nicht zu schaffen. Im Gesamtkonzern gebe es einen Gesamtbedarf von zwei Milliarden Euro unter anderem für die Sanierung des Krankenhauses Neukölln.