Berlin und Budapest: Polizei zerschlägt internationalen Mädchenhändler-Ring

Die Polizei spricht von mindestens 25 Zwangsprostituierten. Eine junge Frau sprang verzweifelt aus einem Fenster und lag neun Monate im Krankenhaus.

Dieser Komplize der Berliner Mädchenhändler wurde von der Polizei verhaftet.
Dieser Komplize der Berliner Mädchenhändler wurde von der Polizei verhaftet.Polizei

Schlag gegen Menschenhändler: Das Landeskriminalamt Berlin und das ungarische National Bureau of Investigation THB Uni haben mit Unterstützung von Europol „ein kriminelles Netzwerk für Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ zerschlagen. Das teilten die Behörden am Dienstag mit. Demnach schlugen die Ermittler am 21. September 2022 nach monatelangen Ermittlungen in Berlin und Budapest zeitgleich zu. Als Kopf der Bande gilt ein Pärchen. Der Mann und seine Frau wurden in Berlin verhaftet. Gegen sie lag ein von Ungarn ausgestellter Europäischer Haftbefehl vor. Beschlagnahmt wurden zudem unter anderem ein Fahrzeug und elektronische Geräte.

Ein Komplize wurde in Ungarn festgenommen. Ein von der ungarischen Polizei veröffentlichtes Video zeigt den Zugriff: Schwer bewaffnete Polizeieinheiten schlagen die Tür eines Wohnhauses mit einer Ramme ein. Mit einem Spezialschild geschützt, dringen die Einsatzkräfte anschließend in die Wohnung ein und überwältigen den Verdächtigen. Am Ende sitzt er mit nacktem Oberkörper und gefesselten Händen auf einem Bett.

Das seit 2017 aktive kriminelle Netzwerk rekrutierte junge ungarische Frauen und beutete sie aus. Die Ermittler: „Die Verdächtigen rekrutierten die Frauen aus sozial und wirtschaftlich schwachen Verhältnissen für die Prostitution in einem bestimmten Stadtteil von Berlin.“ Die Verdächtigen boten ihren Opfern demnach ein „Geschäft“ an, das „angeblich Unterkunft, Schutz und Unterstützung bei der Ausstellung offizieller Papiere bei der Ankunft im Austausch für 50 Prozent der Einkünfte der Mädchen umfasste“. Tatsächlich wurden die Mädchen aber gezwungen, ihr gesamtes Einkommen an das kriminelle Netzwerk abzuführen.

Opfer mussten auf dem Straßenstrich arbeiten

Die Verdächtigen transportierten ihre Opfer von Ungarn nach Deutschland und brachten sie in von dem kriminellen Netzwerk eigens angemieteten Wohnungen unter. Dort angekommen, legten die Verdächtigen den Opfern einen bestimmten Verhaltenskodex, Kommunikationsmittel und Arbeitsbedingungen auf und diktierten die Preise und den Ort der Prostitution. Die Opfer wurden in bestimmte Straßen und Gegenden Berlins geschickt, die von den Verdächtigen kontrolliert wurden.

Dieser Wagen der Bande wurde in Berlin beschlagnahmt.
Dieser Wagen der Bande wurde in Berlin beschlagnahmt.Polizei

Das kriminelle Netzwerk legte ein tägliches Mindesteinkommen fest, das die Opfer verdienen mussten. Ein Europol-Sprecher: „Sie mussten so lange auf dem Straßenstrich bleiben, bis sie zwischen 150 und 300 Euro verdienten.“ Andere Zuhälter, die ihre eigenen Mädchen in den vom Hauptverdächtigen kontrollierten Straßen verwalten wollten, mussten dem jetzt verhafteten Mann zudem 150 Euro pro Tag und ausgebeutetem Opfer in diesem Gebiet zahlen.

Schwer misshandelt und zur Prostitution gezwungen

Wenn die jungen Frauen den „geforderten Tagesbetrag nicht verdienten oder sich nicht an den vom kriminellen Netzwerk auferlegten Verhaltenskodex hielten“, kam es den Ermittlungen zufolge zu „schweren physischen und psychischen Misshandlungen“. Bislang habe man bereits 25 Opfer identifiziert. Eine der Frauen wurde von der Bande schwer misshandelt, in einem Raum eingesperrt und hier zur Prostitution gezwungen. Der Europol-Sprecher: „Bei einem Fluchtversuch sprang sie aus dem Fenster, ihre Verletzungen führten zu einer neunmonatigen Krankenhausbehandlung.“

Der Berliner Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Stephan Weh, sagte am Dienstag dazu, es gebe „kaum etwas Perfideres, als die Not von jungen Frauen und ihren Wunsch nach einem besseren Leben schamlos auszunutzen, Wir danken den beteiligten Kolleginnen und Kollegen, die dieser wichtigen Ermittlungserfolg auf die Beine gestellt haben. Berlin steht im Fokus der internationalen Kriminalität und wir sehen anhand dieses Falls einmal mehr, dass sich Kriminelle auch vor Landesgrenzen nicht abschrecken lassen.“