Berlin: Von Armut Betroffene demonstrieren vor dem Kanzleramt

Steigende Preise verschärfen die Not der 14 Millionen Armutsbetroffenen in Deutschland. Am Samstag formierte sich Protest im Regierungsviertel.

Eine Teilnehmerin der Kundgebung der Initiative #ichbinarmutsbetroffen steht mit einem Plakat mit der Aufschrift „Sofort Hilfe für Arme“ am Bundeskanzleramt. 
Eine Teilnehmerin der Kundgebung der Initiative #ichbinarmutsbetroffen steht mit einem Plakat mit der Aufschrift „Sofort Hilfe für Arme“ am Bundeskanzleramt. dpa/Paul Zinken

Unter dem Slogan „Armut ist nicht sexy“ haben Aktivisten am Samstag in Berlin mehr Unterstützung für Menschen mit niedrigen Einkommen in der Energiekrise gefordert. Angesichts steigender Energie- und Lebensmittelpreise wachse die Not von knapp 14 Millionen Armutsbetroffenen in Deutschland mit jedem Tag, erklärte der Paritätische Wohlfahrtsverband anlässlich der Demonstration mit rund 200 Teilnehmern in Berlin.

Vor dem Bundeskanzleramt zeigten Männer und Frauen bei einer Kundgebung Schilder mit der Aufschrift: „Wir brauchen gesundes Essen. Armut abschaffen“ und „Soforthilfe für Arme“. Unter dem Hashtag #ichbinarmutsbetroffen beschreiben Menschen seit Mai im Internet ihr Leben mit sehr wenig Geld und ihre Schwierigkeiten wegen steigender Preise. Erklärtes Ziel ist, die mit Armut verbundene Scham zu überwinden.

Der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Dass da Menschen auf diese Weise Gesicht zeigen, hatten wir noch nie.“ Aus Schneiders Sicht hat dies die gesellschaftliche Stimmung verändert. „Nach meiner Wahrnehmung haben erstmal die Kommentare aufgehört nach dem Motto: Wer noch was zu essen hat, ist nicht arm“, sagte Schneider. „Diese völlige Negierung der Armut, diese Ignoranz, die nehme ich derzeit nicht wahr.“ Er fügte hinzu: „Dass dieses Verharmlosen von Armut aufgehört hat, das macht mir Mut.“

Noch nie hätten so viele Menschen in Deutschland am Existenzminimum gelebt wie heute, beklagte die Kampagnen-Plattform „Campact“. 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie 16 Prozent der Erwachsenen seien Ende 2021 von Armut betroffen gewesen, betonte die Organisation unter Hinweis auf eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Experten rechneten damit, dass bis zu 40 Prozent aller Leistungsberechtigten ihren Anspruch aus Angst, Scham oder Unwissenheit nicht geltend machten.

60.000 Menschen haben Petition unterschrieben

Eine Petition der Initiative „#ichbinarmutsbetroffen“, mit der die Bundesregierung zu verstärkten Maßnahmen gegen die Armut aufgefordert wird, hätten bereits mehr als 60.000 Menschen unterschrieben, hieß es.

Auch der Deutsche Caritasverband hält die Bewegung für bedeutsam. „Es ist sehr wichtig, dass sich Menschen, die selbst von Armut betroffen sind, aktiv in die politische Debatte einbringen“, sagte Verbandsvertreterin Birgit Fix der dpa. „Das schafft eine andere Sensibilität für dieses Thema. Das ist auch gut für die Demokratie, denn wir wissen, dass Menschen in Armut sich in der Regel äußerst wenig politisch betätigen.“

Anstoß für die Bewegung war der Beitrag einer alleinerziehenden Frau aus dem Rheinland auf Twitter im Mai dieses Jahres. Das Hashtag #IchBinArmutsbetroffen wurde danach tausendfach genutzt. Die Stiftung „OneWorryLess“ (Eine Sorge Weniger) unterstützt die Bewegung mit Öffentlichkeitsarbeit.