Berlin - Wann hatten Sie zuletzt Sex? Müssen Sie drüber nachdenken? Fallen Ihnen zugleich aber ein Dutzend Gründe ein, warum es nicht geklappt hat? Einkäufe erledigen, die Wohnung putzen, Kinder bespaßen, die Oma mal wieder anrufen, beim Sport gewesen – ja, das ist alles wichtig und hat seine Berechtigung. Aber: Wenn der Alltag das Sexleben lahmlegt, gefährdet das Ihre Beziehung.

„Eine Partnerschaft steht auf zwei Säulen“, sagt Sexologin Jana Welch. „Zum einen die Liebe und zum anderen die Sexualität. Leider wünschen sich beide Säulen etwas ganz anders und stehen polar gegenüber. Die Liebe mag  Zärtlichkeit und Routine – die Sexualität steht auf Geheimnisse und auf das Neue. Wenn beide Säulen gepflegt werden, erleben die Paare meist eine erfüllende Beziehung.“ Aber manche Paare vereinbaren auch etwas anderes und sind sexfrei glücklich!

Das Problem: Paare neigen dazu, Sexvermeidungsstrategien zu entwickeln, anstatt offen über ihre Sexunlust zu kommunizieren: Sie gucken Serie um Serie, telefonieren abends noch lange mit Freunden, bereiten Meetings vor, müssen ganz dringend den Küchentisch abwischen, die Wäsche abnehmen, den Müll rausbringen. Das kann an einzelnen Tagen seine Berechtigung haben, aber wenn es über Wochen so geht, sollte man sich einmal tief in die Augen schauen und darüber reden.

Zwischendurch-Küsse sorgen für feste Bindung

„Die Sprachlosigkeit ist fast noch das größere Problem, das es zu bewältigen gilt“, sagt die Expertin. „Sexlose Paare müssen zunächst sich selber wahrnehmen und sich eingestehen, dass sie vielleicht etwas vermissen. Benennen Sie das, seien Sie ehrlich zueinander. Sagen Sie, was Sie selber vermissen und machen Sie nicht ihren Partner für ihre Unlust verantwortlich. So werden Sie zum kreativen Gestalter ihres Liebeslebens.“

Und dann: Knutschen Sie! „Ich rate zu mehr Zungenküssen und zu viel mehr Präsenz im Alltag. Denn es sind die kleinen Sexualitäten, die Lust auf mehr machen und Küssen setzt rasend positive Hormone frei, baut Stress ab und wirkt als Beziehungskleber“, weiß Jana Welch.

Vor allem Paare, die im Homeoffice viel Zeit miteinander verbringen, laufen Gefahr, einander nicht mehr attraktiv zu finden. „Kein Wunder“, findet Sexologin Welch. „Die Sexualität braucht das Geheimnisvolle, das Spiel aus Nähe und Distanz. Wenn wir uns aber ständig sehen, vielleicht sogar im Jogginganzug, ist das nicht spannend, sondern langweilig. Und aus Langeweile entsteht kein Begehren, keine Lust.“

Corona hat den Alltag vieler Paare und Familien anstrengender gemacht, die Lockdowns haben uns Freizeitmöglichkeiten genommen. Das schlaucht! Und es bremst die Erotik aus: „Wenn man nun also an den äußeren Umständen nichts ändern kann, muss man an anderen Stellschrauben drehen“, rät Jana Welch. „Schauen Sie sich ihren Partner mal genau an. Wann finden Sie ihn heiß und wann haben Sie genau das auch kommuniziert? Falls nicht, ist es erst recht Zeit darüber zu sprechen.“

Spinnen Sie diese Gedanken weiter, so wird der Sex in Ihrem Kopf wieder präsenter und macht Lust auf mehr. „Viele Paare verführen einander nicht mehr. Sie haben es im Laufe der Zeit vergessen und verlernt. Erinnern Sie sich doch mal, wie es war, als Sie sich kennen gelernt haben: Wie scharf fanden Sie einander? Vielleicht teilen Sie diese Gedanken ja jetzt miteinander. Solche verbalen Annäherungen bringen Sie wieder näher zueinander. Sie wecken die Lust-Lebensgeister und vertreiben die Sex-Müdigkeit.“

Und überlegen Sie mal: Wenn Ihr Traummann oder Ihre Traumfrau verführerisch im Bett läge – dann wären Sie ganz sicher nicht zu müde, egal wie spät es ist. Oder?

Sex-Update: Werden Sie spielerisch

Viele Paare werden irgendwann verbissen, ärgern sich über den Sex, der heute anders ist als früher. „Aber man sollte sich klar machen, dass auch Sexualität sich ändert. Jedes Handy kriegt regelmäßige Updates, aber im Bett soll alles so bleiben wie gehabt? Das ist doch Quatsch“, findet die Expertin. „Man muss an der Zweisamkeit natürlich arbeiten, sie ist kein Selbstläufer. Keine Beziehung ist das.“

Wichtig sei es, spielerisch und leichtfüßig miteinander zu sein. Und dazu gehört vor allem: „Nicht nur ans Ziel denken“, sagt Jana Welch. „In den meisten heterosexuellen Partnerschaften geht es nur darum, miteinander Sex zu haben, um einen Orgasmus zu bekommen. Dieses zielorientierte Handeln verstellt so viele Möglichkeiten, denn Weg zum Orgasmus ist ja der eigentliche Spaß. Und den können wir aktiv gestalten. Der Höhepunkt selbst ist nur ein Reflex.“

Jana Welch rät: „Wecken Sie die Schmetterlinge zwischen Ihren Beinen. Sprinten Sie nicht zum Ziel, sondern gehen Sie miteinander spazieren.“

Ihr Tipp: „Legen Sie sich nackt nebeneinander und schauen sie sich in die Augen. Küssen Sie sich, aber denken Sie nicht gleich an penetrativen Sex. Einfach nur rummachen, Nähe zulassen, miteinander quatschen, atmen und lachen, sich küssen und streicheln.“

Überlegen Sie dann gemeinsam: Welche Art von Sex brauchen wir, was wollen wir? Wie können wir Spaß zusammen haben? Was bringt uns Genuss im Bett? Oder doch eher auf dem Sofa? Wie können wir wieder Sex spielen anstatt ihn verbissen haben zu wollen?

Bedenken Sie aber: Es ist nicht die Aufgabe Ihres Partners oder Ihrer Partnerin, für Ihre Lust zu sorgen. „Sie müssen schon selbst wissen, was Ihnen guttut. Darum ist Masturbation auch in Beziehungen wichtig“, sagt Jana Welch. „Das Lustempfinden kommt aus einem selber. Wenn Sie sagen, was und wie Sie etwas mögen, macht der Sex auch mehr Spaß. Und wer ein kleines Abenteuer mit sich allein hat, fühlt sich danach auch wieder erotischer und strahlt das aus.“

Vor allem für junge Eltern gilt: Fragen Sie sich, wie Sie wirken wollen. Möchten Sie nur Mama und Papa sein? Oder wollen Sie einander auch wieder mehr als Sexobjekte wahrnehmen?

„Natürlich gibt es Phasen, etwa nach der Geburt eines Kindes, und diese Höhen und Tiefen sollte man akzeptieren, aber es muss auch ein danach geben – eine Phase, in der man als Paar neu zueinander findet“, so die Sexologin.

Ihr Alltagstipp: „Schauen Sie genau, was wichtig und dringend ist: Windeln kaufen, Hausaufgaben kontrollieren, Essen kochen. Das arbeiten Sie ab. Alles andere kann sicher warten und lässt sich leichter erledigen, wenn Sie sich mit Zärtlichkeiten aufgeladen haben.“