Berlin - „Okay, der große Moment ist da“, sagt der israelische Regisseur Nadav Lapid am Freitag um kurz nach zwölf - per Videostream natürlich. Und groß ist er wirklich, größer als einem bisher bewusst war, denn unter anderem um diesen und die anderen Preise vergeben zu können, sind die Internationalen Filmfestspiele 2021 zweigeteilt worden. Aber jetzt keine weiteren Umstände: Den Goldenen Bären hat Radu Judes Film „Bad Luck Banging or Loony Porn“ gewonnen. Zu Recht! Es ist ein Film, der einen mit der Großaufnahme eines Penis empfängt und im Folgenden durch Bukarest wirbelt, wobei Bukarest auch ein anderes Wort ist für die europäische Gesellschaft, ihre Doppelmoral, Aggressivität, ihren Rassismus und Antisemitismus, die Frauenfeindlichkeit, die Feindschaft zwischen Fußgängern und Autofahrern, die Zerstörung der Natur. Ein Film, der durch seine Wildheit und gesellschaftliche Relevanz herausstach aus der Wettbewerbs-Auswahl mit vielen eher elegischen, märchenhaften Filmen. 

Die Preise der Berlinale

Goldener Bär für den Besten Film: „Bad Luck Banging or Loony Porn“ von Radu Jude

Die Silbernen Bären:
Großer Preis der Jury: „Wheel of Fortune and Fantasy“ von Ryusuke Hamaguchi
Preis der Jury: „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth
Beste Regie: Dénes Nagy für „Natural Light“
Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Maren Eggert in „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader
Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Lilla Kizlinger in „Forest – I See You Everywhere“ von Bence Fliegauf
Bestes Drehbuch: Hong Sangsoo für „Introduction“ von Hong Sangsoo
Herausragende Künstlerische Leistung: Yibrán Asuad für die Montage von „A Cop Movie“ von Alonso Ruizpalacios

Die Preise der Sektion Encounters:
Bester Film: „Nous“ von Alice Diop
Spezialpreis der Jury: „Taste“ von Lê Bảo
Beste Regie: „Das Mädchen und die Spinne“ von Ramon Zürcher und Silvan Zürcher, wie auch: „Sozialhygiene“ von Denis Côté

Weitere Auszeichnungen:
Großer Preis der Internationalen Jury im Wettbewerb Generation Kplus: „Sommerflirren“ von Han Shuai
Generation 14plus: „The Fam“ von Fred Baillif
Goldener Bär für den bester Kurzfilm: „My Uncle Tudor“ von Olga Lucovnicova

Es ist die Geschichte der Geschichtslehrerin Emi, die ihre glatt rasierte Vulva in diesem hausgemachten Pornofilmchen präsentiert, das den Weg ins Internet findet und bald auch auf die Handys ihrer Schüler. „Der Goldene Bär geht an einen Film, der die seltenen und grundlegenden Eigenschaften eines beständigen Kunstwerks besitzt“, begründet die Jury, bestehend aus sechs Berlinale-Gewinnern, ihre Entscheidung. Und, ja, es ist zu befürchten, dass dieser Film auch in zehn, 20 und auch 30 Jahren noch Gültigkeit haben wird, selbst wenn er fest in dieser bestimmten Zeit verankert ist, in der alle Masken tragen - was „Bad Luck Banging or Loony Porn“ zu dem einzigen Film des Wettbewerbs macht, in dem die Pandemie sichtbar wurde.

Foto: AFP/Tobias Schwarz
Die Schauspielerin Maren Eggert erhält den genderneutralen Silbernen Bären.

Auch deutsche Filme wurden mit Preisen bedacht: Der Silberne Bär Preis der Jury ging an „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth, eine fast vierstündige Dokumentation über eine Schulklasse im hessischen Stadtallendorf mit 19 Schülern aus wer weiß wie vielen Ländern und ihrem überaus menschlichen Lehrer, der ihnen Wissen vermittelt und so viel mehr. Es ist ein Film, der einem schmerzhaft vor Augen führt, dass es keine Kleinigkeit ist, wenn Schulen über Monate geschlossen sind, dass damit Lebenschancen aufs Spiel gesetzt werden. Den erstmals genderneutralen Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle wurde Maren Eggert für ihre Rolle in Maria Schraders „Ich bin dein Mensch“ zuerkannt. Die Rolle einer Frau, die sich dagegen sträubt, sich in einen Roboter zu verlieben. Die einen auch mal lachen ließ, obwohl es um eine todernste Frage ging: Was sind die Bedingungen der Liebe?

Aber eigentlich soll es hier gar nicht so viel um  die Preise gehen, sondern um diesen ersten Teil des Festivals selbst. Wobei sich schon beim Wort Festival etwas in einem sträubt, auch wenn das nicht an der vielfältigen Filmauswahl liegt. Denn war es das?

Bei dem großen Moment am Freitag um zwölf saß Carlo Chatrian allein in einem kleinen Zimmer vor einem Bildschirm, auf dem dann die Jury-Mitglieder erschienen. Und vielleicht wollte der Künstlerische Leiter der Berlinale  damit die absurde Situation nachvollziehen, in der sich in diesen fünf Märztagen alle Berlinale-Gäste befanden, die in erster Linie Journalisten waren. Alle bis auf die Jurys, die die Filme im Kino sahen, so wie es sich gehört.

Was in den fünf Tagen passiert ist: Es gab mehr Aufmerksamkeit für den Kinofilm als in all den Monaten zuvor. Das ist wichtig. Was vielleicht wichtiger ist: Seit Mittwoch gibt es  eine Perspektive für die Kinos: Am 22. März sollen sie  öffnen dürfen, ein Wert von unter 50 als Sieben-Tage-Inzidenz vorausgesetzt. Aber wird dies genügen, um den Siegeszug der Streaming-Dienste wenigstens aufzuhalten? Sie konnten ihre Position während der Lockdown-Monate extrem stärken.

Die Berlinale-Leitung sieht die Streamer nicht als reine Gegner

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian halten wenig davon, die Streamer als reine Gegner zu sehen. Bei ihrer ersten Berlinale 2020 ließen sie erstmals einen Netflix-Film im Wettbewerb zu, Kinobetreiber forderten damals seinen Ausschluss. Auch dieses Jahr war wieder ein Netflix-Film dabei, der mexikanische „A Cop Movie“ von Alonso Ruizpalacios. Der hier für den Schnitt verantwortliche Yibrán Asuad erhielt den Preis für die Herausragende Künstlerische Leistung.

Die Streamer werden nicht mehr weggehen, die Frage ist, in welcher Form sich das Kino neben ihnen behaupten kann. Filmregisseure arbeiten längst für beide. Diese Frage hat das Festival insofern beantwortet, als es allen Beteiligten deutlich gemacht hat, was für zwei grundlegend verschiedene Erfahrungen es sind, Filme in Gemeinschaft auf der großen Leinwand zu sehen oder auf einem Bildschirm allein zu Hause auf dem Sofa. Nur diese Beteiligten wissen das ja längst. Die Kinder müssen ins Kino. Das ist auch ein Auftrag an die Schulen.

Es hat sie auch damit beantwortet, als es Arthouse-Filme gezeigt hat, die man eher nicht bei Netflix sehen wird. „Petite Maman“ von Céline Sciamma etwa oder auch der zauberhafte georgische Wettbewerbsbeitrag „What do we see when we look at the sky“. Das sind aber keine Filme, die ein großes Publikum anziehen und die Kinos ökonomisch retten werden. Also staatliche Subventionen für Arthouse-Kinos, wie die Präsidentin der Akademie der Künste Jeanine Meerapfel kürzlich bei einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Kinos anregte? Das wird bei Pandemie-bedingt knapper Kasse zumindest in der nahen Zukunft keine Option sein. Es bleibt also nur, tolle Filme zu machen, wie es der dänische Regisseur Thomas Vinterberg sagte, kurz bevor er im Dezember 2020 den Europäischen Filmpreis bekam. Dass im vergangenen Jahr solche tollen Filme entstanden sind, können die Berliner im Juni feststellen, wenn endlich der Rote Berlinale-Teppich ausgerollt wird. Wie Carlo Chatrian sagte: „Wir sehen uns im Juni unter der Sonne von Berlin.“