Berlin -  Der rote Strich auf der Internetkarte der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) Berlin zeigt es am Donnerstag unmissverständlich: Auf der Grunerstraße in Mitte herrscht Stillstand. Weil es in Richtung Potsdamer Platz auf der Mühlendammbrücke jetzt nur noch einspurig vorangeht, hat sich ein langer Stau aufgebaut. Die Überführung über die Spree, Teil einer wichtigen Ost-West-Verbindung in Berlin, gilt seit Jahren als marode. Nun wurden in der Brückenkonstruktion „schwere Schäden entdeckt, die sofortige Sicherungsmaßnahmen erforderlich machen“, teilte die VIZ mit. 

Als erste Reaktion musste die Fahrbahn nach Westen weiter verengt werden, hieß es am Donnerstagmorgen. „Bis auf Weiteres steht auf dem Mühlendamm in Fahrtrichtung Potsdamer Platz zwischen Spandauer Straße und Breite Straße nur die Busspur für den gesamten Kfz-Verkehr zur Verfügung“, gab die VIZ bekannt. „Aufgrund des durchgehend hohen Verkehrsaufkommens empfehlen wir, diesen Bereich weiträumig zu umfahren.“ Wie lange das erforderlich sein wird, steht noch nicht fest.

Der Fuß- und Radverkehr seien von diesen Einschränkungen nicht betroffen – ein schwacher Trost für die vielen Kraftfahrer, die tagtäglich die Mühlendammbrücke frequentieren. Als Teil einer der wenigen durchgehenden Ost-West-Routen in der Berliner Innenstadt wird sie stark genutzt. 2018 wurden im Schnitt in beiden Richtung insgesamt 72.800 Kraftfahrzeuge pro Werktag gezählt.

Zustandsnote 3,4 bedeutet: nicht ausreichender Bauwerkszustand

„In den nächsten Tagen wird durch ein auf den Brückenbau spezialisiertes Ingenieurbüro der Schaden bewertet werden und durch die Brückenbauverwaltung entschieden, inwieweit eine Instandsetzung möglich ist, die Verkehrsführung angepasst werden muss oder andere Maßnahmen ergriffen werden können“, so die Verkehrsinformationszentrale am Donnerstag weiter.

Der Brückenschaden im nördlichen der beiden Überbauten der Mühlendammbrücke war bei einer Routineuntersuchung am Mittwochnachmittag entdeckt worden, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne), am Donnerstagmittag. „Der Schaden ist am Mittwochnachmittag entdeckt worden, als an einer scheinbar kleineren Fehlstelle der Beton instandgesetzt werden sollte. Die nur im Brückeninneren – in einem der fünf Hohlkästen - sichtbare Schadstelle in Längsrichtung hat sich dann mit rund 4,60 Meter Länge rasch als größer herausgestellt als zunächst erkennbar.“ Deshalb wurde entschieden, zwei Fahrstreifen der Fahrbahn zu sperren. „Erste Details zu Ursachen, Schweregrad und Konsequenzen wird es voraussichtlich in der kommenden Woche geben. Nächster Schritt ist das Entfernen des Asphaltbelages auf der Brücke an der betreffenden Stelle“, sagte Thomsen.

Die achtspurige Mühlendammbrücke über die Spree ist Teil des Straßenzugs Leipziger Straße/Gertraudenstraße/Grunerstraße, einer stark befahrenen Ost-West-Verbindung in der östlichen Innenstadt. Der Zustand des 42,2 Meter breiten Spannbetonbauwerks im östlichen Stadtzentrum, das 1968 fertig gestellt und 1969 für den Verkehr freigegeben wurde, hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert. Baufachleute im Senat befürchten, dass die Mühlendammbrücke den Belastungen nicht mehr lange standhalten wird. Am Tragwerk wurden Schäden festgestellt, die nicht mehr repariert werden könnten. Zuletzt bekam sie, wie berichtet, nach Brückenprüfungen die Zustandsnote 3,4. Das bedeutet: nicht ausreichender Bauwerkszustand.

Benjamin Pritzkuleit
Sie überspannt am Nikolaiviertel die Spree: Die Mühlendammbrücke ist mehr als 50 Jahre alt.

In einem vergleichbaren Bauwerk aus Spannbeton, der 1968 freigegebenen Elsenbrücke in Friedrichshain-Kreuzberg, war 2018 ein rund 25 Meter langer und fast 1,8 Millimeter breiter Riss entdeckt worden. Von den mehr als 500 Litzen aus Stahl, die das Bauwerk im Innern stabilisieren sollen, waren einige gerissen. „Aller Wahrscheinlichkeit nach war Korrosion die Ursache“, hieß es im Senat. „Die hohen Temperaturen im Sommer 2018 haben offenbar dazu beigetragen, dass der Spannstahl versagte.“ Inzwischen wurde damit begonnen, das Bauwerk abzureißen und durch eine neue Spreebrücke zu ersetzen. Sie soll 2028 für den Verkehr freigegeben werden.

Bereits beschlossen ist, dass auch die Mühlendammbrücke, die ebenfalls aus zwei Überbauten besteht, abgetragen und neu errichtet wird. „Zum Glück ist das Wettbewerbsverfahren schon im Gang“, sagte Ephraim Gothe (SPD), der zuständige Stadtrat im Bezirksamt Mitte, am Donnerstag der Berliner Zeitung. Am 27. Juli sollen die Entwürfe während einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt werden, am 28. Juli werde ein Preisgericht dann den Sieger küren.

Kapazität soll im Vergleich zu heute mehr als halbiert werden

Vorgesehen ist, dass die neue Mühlendammbrücke zunächst für rund 60.000 Kraftfahrzeuge pro Werktag ausgelegt wird. In einem zweiten Schritt soll die Kapazität für Autos und Lkw ungefähr halbiert werden, damit Fußgänger und Radfahrer zusätzlichen Platz bekommen. „Wir wollen eine verkehrswendetaugliche Brücke“, sagte Gothe. Nicht nur der Bezirk, auch Initiativen wie Changing Cities und der Fahrgastverband IGEB hatten sich dafür eingesetzt, der ADAC sieht das sehr kritisch.

Die neue Brücke wird auch für zwei Straßenbahngleise ausgelegt. Sie wird Teil der geplanten Verbindung vom Alexanderplatz zum Kulturforum, die nach einer erneuten Terminverschiebung nun 2028 in Betrieb gehen soll. Die 4,1 Kilometer lange Trasse soll über die Leipziger Straße und den Potsdamer Platz verlaufen.

„Die Situation der Mühlendammbrücke ist sehr ernst“, so Stadtrat Gothe weiter. „Es ist richtig, dass die Senatsverwaltung vorsichtig agiert.“ Der SPD-Politiker schlägt vor, aus der „Not eine Tugend zu machen“. Viele Kraftfahrer müssten sich nun anders orientieren, wenn sie nicht täglich im Stau stehen wollen. „Wir müssen nun überlegen, wie wir mit dem Verkehr umgehen.“ Anwohner und Bezirk fordern, dass der Straßenzug Gruner-/ Leipziger Straße künftig keine Durchgangstrasse mehr ist.

„Auto-Papst“ Dudenhöffer: „Ärgernis par excellence.“

In ganz Deutschland erreichen viele Straßenbrücken das Ende ihrer Lebenszeit, warnte Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) in Duisburg. „Das ist ein Ärgernis par excellence.“ Es gebe bereits zahlreiche Teilsperrungen. „Man kann sagen, dass im Schnitt 50 Prozent der Autobahnbrücken in Deutschland marode sind“, so Dudenhöffer am Donnerstag zur Berliner Zeitung. „Doch die Politik habe sich für das brisante Thema lange nicht oder nur am Rande interessiert. Mit der Freigabe neuer Verkehrswege könnten sie mehr punkten als mit der Pflege der bestehenden Infrastruktur. „Bis heute gilt das Motto: Augen zu und durch“, ergänzte der als „Auto-Papst“ bekannte Forscher. Leidtragende seien die Autofahrer und die anderen Nutzer.

In Berlin haben insgesamt 36 Brücken des Landes eine Note zwischen 3,0 und 3,4 bekommen. Mal ist das gesamte Bauwerk betroffen, mal nur einer von mehreren Überbauten. Weitere Beispiele für die Zustandsklasse „nicht ausreichender Bauwerkszustand“ sind die Schiffbauerdammbrücke (Note 3,0) in Mitte, die Dunckerbrücke in Prenzlauer Berg (3,0), die Eldenaer Brücke in Friedrichshain (3,4) sowie die Admiralbrücke in Kreuzberg (3,0) – vor Corona ein beliebter Treffpunkt nicht nur für Touristen, sondern auch für Berliner. Mit einer Note von 3,0 steht auch die Mörschbrücke in Charlottenburg, die den stark befahrenen Tegeler Weg über den Westhafenkanal führt, auf dieser Liste. Die Sellheimbrücke in Karow ist dank der Note 3,0 ebenfalls dort zu finden, genauso wie die Rohrdammbrücke in Charlottenburg und die Spandauer Charlottenbrücke (beide 3,4).

Der Zustand von drei Brücken des Landes wurde sogar als ungenügend bewertet. Dabei handelt es sich um die Moltkebrücke (3,5) in Steglitz-Zehlendorf sowie um zwei Fußgängerbrücken: die Sellerbrücke in Wedding (3,5) und die Adlerbrücke (3,7) in Tiergarten. Eine Bewertung von 3,5 und schlechter bedeutet, dass „die Standsicherheit und/oder Verkehrssicherheit erheblich beeinträchtigt oder nicht mehr gegeben“ sind, so die offizielle Einstufung. Zum Neubau der Moltkebrücke gibt es eine Online-Informationsveranstaltung am 30. Juni 2021 von 18 bis 20 Uhr, teilte die Senatsverkehrsverwaltung am Donnerstag mit.

Jahrzehntelanges Sparen hinterlässt Spuren

Bedingt durch „jahrzehntelange Sparvorgaben für die Infrastruktur des Landes Berlin“ sei man mit der Instandhaltung in einen erheblichen Rückstand gekommen, teilte Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne) in seiner Antwort auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Kristian Ronneburg und Katalin Gennburg mit.

Ein neu entwickeltes Datenbanksystem soll den Verantwortlichen in der Senatsverkehrsverwaltung künftig dabei helfen, die Brücken des Landes zu erhalten. Allerdings fehlen für den Betrieb offenbar die nötigen Mitarbeiter. Für die Einführung Ende 2021 sei Personal vorhanden, so Streese. Doch für die dauerhafte Anwendung, Pflege und Auswertung der Daten seien „bisher keine personellen Daten zur Verfügung gestellt worden“, räumte der Senatspolitiker ein.