Berlin - Nach der CDU und den Grünen hat auch Berliner FDP-Fraktion am Dienstagabend ihre zwölf fachpolitischen Sprecher für das Abgeordnetenhaus gewählt. Sämtliche Ressorts von Wirtschaft, Bildung bis Verkehr und Klima sind besetzt. Unter den neuen Sprechern sind auch völlige Politik-Neulinge wie Tobias Bauschke, der pflegepolitischer und sozialpolitischer Sprecher wird. Bauschke zog Ende September überraschend in das Abgeordnetenhaus ein und sitzt mit 34 Jahren das erste Mal überhaupt in einem deutschen Parlament. Was er ausrichten möchte, anders machen will und wie sich die neue Rolle als Berufspolitiker anfühlt, hat der Neu-Politiker der Berliner Zeitung verraten. 

Herr Bauschke, Sie wurden im September ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Das erste Mal überhaupt sitzen Sie in einem größeren Parlament, sind über Nacht zum Berufspolitiker geworden. Hat Sie die Wahl überrascht? Sind Sie jetzt aufgeregt?

Aufgeregt bin ich nicht, aber ich habe natürlich großen Respekt vor der Aufgabe und empfinde Dankbarkeit dafür, dass ich Verantwortung für unsere schöne Stadt im Abgeordnetenhaus übernehmen darf. Da die Umfragen im Vorfeld der Wahl für die Freien Demokraten sehr stabil waren, ein Resultat der guten Arbeit in der vergangenen Legislatur meiner Kolleginnen und Kollegen, war es zum Glück nicht so überraschend. Dennoch war die Freude natürlich riesig, als es dann offiziell war.

Sie kommen eigentlich aus Deggendorf in Bayern. Was hat Sie nach Berlin gezogen? Und was unterscheidet Bayern von Berlin?

Ich war mit zwölf Jahren zum ersten Mal in Berlin, 1999, und die Stadt hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Überall waren Kräne die etwas neues bauten, der Aufbruch lag überall in der Luft und trotzdem waren die Berliner auf ihre eigene Art und Weise davon relativ unbeeindruckt – einfach sympathisch. Als jemand der in einem Dorf mit 2000 Einwohnern aufgewachsen ist – wo jede Neuerung direkt zu Buschfunk führt – hat mich hier die Schnelligkeit und Getriebenheit begeistert. Das hat mich dann nicht mehr losgelassen und durch eine glückliche Wendung ging es dann berufsbedingt nach Berlin. Bayern und Berlin haben viele Unterschiede, spannender finde ich aber eher die Gemeinsamkeiten. Sowohl Berliner wie auch Bayern haben eine gewisse Geradlinigkeit, eher eine Verbindung mit ihrem Kiez oder Dorf als dem ganzen Land und wissen Freiheit zu schätzen.

Was halten Sie von den Plänen von Rot-Grün-Rot? Was hätte die FDP in der Koalition anders gemacht?

Die Weiter-so-Koalition macht genau so weiter, wie sie schon 2016 begonnen haben. Man misstraut sich, kämpft eher für Ideologie statt für Lösungen und eigentlich gönnt niemand dem anderen Erfolg. Das ist schade, denn unsere Stadt hätte Impulse, Innovation und Gestaltungslust so dringend nötig. Als FDP wären wir als Kraft der politischen Mitte in der Lage gewesen, die verschiedenen Interessen zusammenzuführen und die Lager zu versöhnen. Mehr Pragmatismus, mehr Lösungen, ein neuer Stil Politik. Im Bund sehen wir ja, dass das gut funktioniert.

Wo sind Ihre politischen Schwerpunkte?

Mein Schwerpunkt ist die Chancenpolitik in unserer Stadt. Als wichtigstes Anliegen sehe ich da die Erneuerung des Aufstiegsversprechens unserer Sozialen Marktwirtschaft. Ich bin Sprecher für Sozialpolitik meiner Fraktion und versuche mit meiner Arbeit deutlich zu machen, dass Sozialpolitik nicht das willkürliche Gießkannenprinzip verfolgen sollte, sondern individueller, angepasster und nachhaltiger sein muss. Diesen Anspruch habe ich auch in der Haushalts- und Finanzpolitik für Berlin. Ich bin Mitglied im Hauptausschuss und sehe daher deutlich, dass wir zu sehr falsch investieren, zu sehr den Staus quo verwalten statt in die Zukunft zu denken. Wir müssen mehr darin investieren, Menschen zu befähigen, sich aus eigener Leistung etwas aufbauen zu können, statt sie nur zu alimentieren und ruhig zu stellen - ein Staat muss fördern und fordern. Das sehe ich als meinen politischen Auftrag.

Wie sieht für Sie denn jetzt gute Oppositionsarbeit aus?

Gute Oppositionspolitik zeichnet sich dadurch aus, dass ich nicht einfach dagegen bin, weil ich Opposition bin, so wie es gerade leider die Union an vielen Stellen macht, sondern ich mir meiner Verantwortung bewusst bin und dementsprechend konstruktiv arbeite. Daran wollen auch wir uns als Freie Demokraten messen lassen und bewerten alle Initiativen und Maßnahmen der Koalition fair. Meistens gibt es etwas zu verbessern und auch die Kontrollaufgabe des Parlaments ist eine entscheidende Aufgabe. Wir sind uns aber auch nicht zu stolz Vorschläge der Koalition mitzutragen, wenn sie dem Wohle unserer Stadt dienen. Denn darum geht es ja im Großen und Ganzen, nicht um Egoshows.

Haben Sie Vorbilder?

Ich habe kein wirkliches Vorbild, aber es gibt Menschen an deren Handeln ich mich gerne orientiere. Dazu zählt Guido Westerwelle für seinen klaren liberalen Kompass, aber auch Helmut Schmidt für seine Auffassung vom „Dienst am Land“ oder auch mein Urgroßvater, für seine Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit.