Berlin - Simon Berg ist sauer. Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kultursenator Klaus Lederer (Linke), weil er nicht singen darf, und auf einen Rewe-Mitarbeiter, der ihn nicht einkaufen ließ. Berg und seine Freundin brauchten Milch, Butter, Brot und Käse. Das Paar fuhr mehrere Male im Laufe des vergangenen Freitags zu Aldi und Rewe in Schöneweide, berichtet der Opernsänger. Angesichts der großen Menschenmassen, die noch vor dem 1. Mai ebenfalls ihre Einkäufe erledigen wollten, machten sie kehrt und wollten am Abend eine halbe Stunde vor Ladenschluss zum Rewe-Markt zurückkommen – in der Hoffnung, dass es dann leerer sein würde.

Um kurz vor 21.30 Uhr, erzählt Berg, standen sie gemeinsam mit anderen Berlinern in der Schlange. Es waren noch freie Einkaufswagen vorhanden. Nur Minuten später wandte sich ein Mitarbeiter an die Wartenden: „Der Einkauf ist jetzt beendet, wir lassen jetzt niemanden mehr in den Laden, wir müssen um 22 Uhr alles dicht machen.“ Der Supermarkt war offiziell bis 22 Uhr geöffnet. „Wir wurden gehindert, unsere Grundnahrungsmittel einzukaufen“, beschwert sich Berg.

Berg ist freiberuflicher Opernsänger und leitet einen Chor. Weil er wegen der Corona-Pandemie nicht auftreten kann, lebt er derzeit von seiner Lebensversicherung, sagt er. Seiner Ansicht nach ist Kultur nicht nur system-, sondern auch überlebensrelevant. Im Chor singen sei gesund, man atme besser. „Ich glaube nicht, dass Angela Merkel jemals in einem Chor gesungen hat“, sagt Berg. Der Sänger redet sich langsam in Rage. Er ist sich sicher: „Gerade viele ältere Menschen sagen: ‚Ohne das Singen habe ich keinen Lebensmut‘. Ich bin mal gespannt, wie viele Leute zu Tode kommen, weil sie keine Kultur mehr genießen dürfen.“ Auf einer Linie mit der Querdenker-Bewegung sieht sich Berg nicht. „Wenn man einen kleinen Finger erhebt, wird man in die rechte Ecke gestellt“, klagt er. 

#allesdichtmachen: „Per se Satire“

Berg poltert: „Das Beste wäre: Spotify und Co. abschalten und im Radio nur noch Werbung und Nachrichten senden. Dann würden die Leute sehen, dass etwas fehlt.“ Noch vor 20 oder 50 Jahren hätte es einen „viel größeren Aufschrei“ gegeben, „weil die Leute nicht mit Kultur so zugeschissen wurden“. Berg schlägt eine vorsichtige, aber schnelle Öffnung von kulturellen Einrichtungen vor. Das sei alles möglich mit den Maßnahmen, die schon beschlossen wurden. Es gebe genügend Hygienekonzepte, „von mir aus Tests“. „Die Argumentation von Angela Merkel, dass sich Menschen auf dem Weg dahin anstecken, lasse ich nicht gelten“, so der 48-Jährige.

Auch über Klaus Lederer regt sich Berg auf: „Der ist ja eigentlich Linker, aber was dieser Mensch übers Chorsingen sagt, ist unglaublich. Da gibt es eine große Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und politischen Entscheidungen.“ Zur Aktion #allesdichtmachen sagt Berg: „Man kann sagen, die Aktion ist per se ist nicht günstig gelaufen, aber per se ist sie Satire. So lang niemand in seinen Menschenrechten eingeschränkt wird, ist Satire erlaubt.“

Wenn sich nicht bald etwas an den Corona-Maßnahmen ändere, würde Berg sogar darüber nachdenken, mit seiner Familie auszuwandern – „ganz weit weg“, nach Kanada, Neuseeland oder in die skandinavischen Länder. 

Marcel Luthe: Jeder Blockwart bastelt seine eigenen Gesetze

Zu Bergs Kritik an den Corona-Maßnahmen und seiner Schilderung der Ereignisse am Rewe-Markt hat sich nun der Abgeordnete Marcel Luthe, Spitzenkandidat der Freien Wähler Berlin, geäußert. Er sagte der Berliner Zeitung: „Durch die erratischen Verordnungen wird immer mehr Unsicherheit geschaffen, die dann darin gipfelt, dass jeder Blockwart seine eigenen Gesetze bastelt. Ich bin mir sicher, dass die Rewe-Gruppe nicht hinter derartigen Bevormundungsversuchen steht.“