Gütersloh - Sie haben einen Arbeitsplatz und sind trotzdem auf Sozialleistungen angewiesen: Rund 860.000 Menschen müssen laut einer Studie aufstocken. Besonders häufig betroffen sind Alleinerziehende, wie die Bertelsmann-Stiftung am Mittwoch erklärte. Sozialverbände und Opposition forderten die Bundesregierung auf, sich der Problematik anzunehmen.

Insgesamt 22 Prozent der Sozialhilfeempfänger nach dem Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) gingen der Studie zufolge im Juni 2021 einer Erwerbstätigkeit nach. Zu diesem Zeitpunkt lebten demnach mehr als 1,8 Millionen Kinder in Familien, die Hartz IV bezogen. Oftmals lohnt sich die Arbeit für Leistungsempfänger jedoch nur begrenzt: Nur einen kleinen Teil des zusätzlichen Einkommens dürfen sie behalten, ein Vermögen ansparen dürfen sie nicht.

Hartz IV: Corona-Pandemie verschärfte die Lage

Ob Erwerbstätige aufstocken mussten oder nicht, hing laut Bertelsmann-Stiftung insbesondere mit der konkreten Erwerbssituation zusammen. Je geringer die Arbeitszeit und je niedriger der Stundenlohn ausfallen, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, zusätzlich SGB-II-Leistungen beziehen zu müssen. Fast die Hälfte der Aufstockerinnen und Aufstocker (46 Prozent) übte demnach eine geringfügige Beschäftigung aus, über drei Viertel erhielten darüber hinaus einen Niedriglohn.

Besonders häufig mussten laut der Studie Alleinerziehende aufstocken: Mehr als jeder oder jede sechste erwerbstätige Alleinerziehende bezog zusätzliche Leistungen nach SGB II. „Alleinerziehende haben eine hohe Motivation, erwerbstätig zu sein“, erklärte die Direktorin für Bildung bei der Stiftung, Anette Stein. „Doch für sie ist es besonders schwer, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.“

Die Corona-Pandemie habe die Situation weiter verschärft: Der Anteil der Aufstocker sei zwar im Vergleich zu 2019 um vier Prozentpunkte zurückgegangen. Dies lag jedoch nicht an einer Verbesserung der Erwerbssituation – den zentralen Grund sehen die Experten vielmehr im Wegfall vieler Mini-Jobs, insbesondere im Gastgewerbe. Zudem sei die Kinderbetreuung während der Pandemie zu einem noch größeren Problem geworden. Aufstocker hatten laut der Studie außerdem häufiger einen Migrationshintergrund und lebten eher in Ostdeutschland. Auch ein niedriges Bildungsniveau erhöhte demnach das Aufstocker-Risiko.

Um die Situation insbesondere von Alleinerziehenden zu verbessern, forderten die Experten eine Kindergrundsicherung. Auf eine solche Maßnahme hat sich die Ampel-Koalition bereits geeinigt. Auch eine Reform der Mini-Jobs könnte die Situation aus Sicht der Forscher verbessern: Die Experten forderten eine Umwandlung der Mini-Jobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse.

Sozialverband: Mini-Jobs sind „Armutsfalle“

Dies forderte angesichts der Studie auch Linke-Fraktionsvize Susanne Ferschl. „Die Koalition muss ihr Vorhaben, die Mini-Jobs auszuweiten, im Licht der neuen Forschung ernsthaft überdenken.“

Ähnlich äußerte sich die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele. Mini-Jobs seien zu einer „Armutsfalle“ vor allem für Frauen und Alleinerziehende geworden. Dass die Ampel-Koalition sie nun mit der Erhöhung der Verdienstgrenze auf 520 Euro auch noch ausweiten wolle, sei „der absolut falsche Weg“. Bentele forderte stattdessen einen Ausbau der Kinderbetreuung und Anreize für Arbeitgeber, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten.

Das Deutsche Kinderhilfswerk beklagte das Fehlen einer umfassenden „Priorisierung der Förderung armer Familien und ihrer Kinder“. Die Einführung einer Kindergrundsicherung müsse die neue Bundesregierung „zur Top-Priorität der geplanten Änderungen in der Sozialgesetzgebung machen“, forderte Bundesgeschäftsführer Holger Hofmann.

Die Studie war im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung von Forscherinnen und Forschern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit erstellt. Für ihre Erhebung nutzten die Wissenschaftler demnach hauptsächlich das Panel „Arbeitsmarkt und soziale Sicherung“ (PASS). Für dieses Panel werden seit 2006/07 jährlich rund 12.000 Menschen ab 15 Jahren in 8000 Haushalten zu ihrer materiellen und sozialen Lage befragt.