Berlin - Es kommt nicht ständig vor, dass Brandenburg als Vorbild für Berlin gelobt wird – in der Schulpolitik ist das seit Tagen so. Die Landesregierung in Potsdam hat entschieden, dass die Grundschulen am Montag vollständig wieder zum Präsenzunterricht zurückkehren dürfen, eine Woche später die weiterführenden Schulen. Voraussetzung ist eine stabile Sieben-Tage-Inzidenz unter 50. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat sich dagegen auf Wechselunterricht bis zu den Sommerferien festgelegt, die in vier Wochen am 24. Juni beginnen – auch weil aus ihrer Sicht der Aufwand einer Umstellung so kurz vor den Ferien den Nutzen übersteigt. Sie steht dafür erheblich in der Kritik.

Der Druck kommt von vielen Seiten: Eltern, Ärzten, Oppositionsparteien, Koalitionspartnern, Parteifreundinnen. Die Gemengelage ist kompliziert. Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch forderte am Donnerstag eine schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht. Zumindest den Grundschulkindern solle ein Stück Normalität zurückgegeben und regulärer Unterricht noch vor den Ferien ermöglicht werden, sagte Jarasch. „Organisatorische Gründe wie von der Schulsenatorin vorgebracht, können keine Gründe sein, um Berlins Schülerinnen und Schüler die Rückkehr in den Präsenzunterricht zu verwehren.“ Ähnlich hatte sich Silke Gebel am Tag zuvor schon geäußert – Fraktionsvorsitzende des grünen Koalitionspartners.

Kai Wegner: Schulen „schnellstmöglich“ wieder öffnen

Der Berliner CDU-Vorsitzende und Spitzenkandidat Kai Wegner sprach sich am Donnerstag dafür aus, die Schulen „schnellstmöglich“ wieder zu öffnen. „Die Rückkehr zum sicheren Präsenzbetrieb muss nächsten Dienstag im Senat behandelt werden“, forderte er. Es gebe eine tiefe Sehnsucht nach Normalität im Schulbetrieb. „Als Vater weiß ich, was den Familien in der Pandemie abverlangt wird. Viele Eltern sind an der Belastungsgrenze“.

Auch SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey plädierte dafür, die bisherige Praxis zu überdenken. Die SPD-Landesvorsitzende forderte in der Berliner Morgenpost, wenn die Inzidenz auch bei den Kindern dauerhaft unter 50 komme, seien „selbst ein paar Tage Regelunterricht vor den Sommerferien es wert, darüber noch mal zu diskutieren“.

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke will die weitere Öffnung der Schulen ebenfalls. Der CDU-Politiker schloss sich am Mittwoch ausdrücklich den Forderungen eines offenen Briefs zahlreicher Kinder- und Jugendärzte an, der unter anderem an Bildungssenatorin Scheeres gerichtet war. Sie hatten gefordert, die Schulen sofort wieder für den Regelbetrieb zu öffnen. Und die „Initiative Familien“, die das gleiche Ziel verfolgt, lässt genauso wenig locker: Nach Kundgebungen am Pfingstmontag und Dienstag hat sie für Samstag (29. Mai) eine weitere Demonstration vor dem Roten Rathaus angekündigt.

Scheeres will bis zu den Ferien am Wechselunterricht festhalten

Scheeres will hingegen am Wechselunterricht bis zu den Ferien festhalten und wies im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses darauf hin, dass alle Schulgremien diesen Weg unterstützten. Gleichzeitig stellte sie mehr Aktivitäten im Klassenverband als bisher in Aussicht. Schulen könnten Ausflüge und Exkursionen im Freien organisieren. Das könne auch Unterricht sein, zum Beispiel Biologieunterricht im Botanischen Garten oder Sportunterricht im Freibad. Zudem seien gemeinsame Feiern möglich, etwa zum Abschied in den sechsten Klassen vor dem Schulwechsel oder von Abschlussjahrgängen.

„Was ich wichtig finde in den nächsten Wochen und vor allem nach dem Notenschluss: Dass wir Kindern und Jugendlichen mehr ermöglichen im Rahmen von Schulen“, sagte Scheeres. Sie müssten auch in ganzen Klassen zusammenkommen können, um „wirklich tolle Erlebnisse gemeinsam mit ihren Lehrern zu haben“. Dieses soziale Miteinander sei wichtig, um die Kinder und Jugendlichen zu stabilisieren.

Es bleibe aber genauso wichtig, das Infektionsrisiko an den Schulen möglichst gering zu halten, auch weil noch nicht alle Lehrkräfte vollständig geimpft seien, ergänzte ein Sprecher der Bildungsverwaltung. Für diesen vorsichtigeren Weg erfahre die Senatsverwaltung viel Zuspruch auch von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern.

Auch die Linke-Bildungspolitikerin Regina Kittler sprach sich dafür aus, weiter Vorsicht walten zu lassen und zunächst beim Wechselunterricht zu bleiben, bei dem Schüler in kleinen Gruppen abwechselnd zu Hause und in der Schule lernen. Schließlich sei die Inzidenz, also die Zahl der Corona-Infektionen je 100.000 Einwohner binnen einer Woche, in der Schülerschaft die höchste aller Altersgruppen. Zudem seien noch bei weitem nicht alle Lehrer durchgeimpft.