Body Image: Ich habe keine Ahnung, wie ich wirklich aussehe

Seit sie denken kann, fühlt sich unsere 21-jährige Autorin zu dick. Als sie einige Kilo abnahm, wurde es nicht besser. Sie ist kein Einzelfall – warum haben so viele Frauen ein verzerrtes Körperbild?

Eine junge Frau betrachtet sich im Spiegel.
Eine junge Frau betrachtet sich im Spiegel.imago

Als ich in der vierten Klasse war, habe ich mich so für meinen Körper geschämt, dass ich mich nur ungern vor anderen Menschen umgezogen habe. Gerade wohne ich bei einer Freundin und ihrer zehnjährigen Tochter Ella (Name von der Redaktion geändert). Ich schlafe bei Ella mit im Zimmer und bekomme den Alltag der beiden mit. Als sie sich an einem Morgen in „unserem“ Zimmer völlig gleichgültig vor mir umzog, erinnerte ich mich wieder daran, wie ich mich in ihrem Alter mit meinem Körper gefühlt habe. 

Schon mit zehn Jahren habe ich mich zu dick gefühlt. Ich war damals wie Ella ein kleines Mädchen mit Tierpostern an den Wänden und Herzchen-Bettwäsche. Doch meine Wahrnehmung meines kindlichen Körpers, der gar keine Rolle spielen sollte, beeinflusste mein Denken, mein Verhalten, meinen Selbstwert. Ich war schockiert, als ich das realisierte.

Wenn ich mir Bilder von früher anschaue, sehe ich in keiner Weise übergewichtig aus. Seit ich klein bin, ist mein Körperbild also verzerrt. Ich habe mich mit anderen verglichen, um zu prüfen, ob ich zu dick oder wie objektiv schön ich bin. Eine endgültige Antwort habe ich noch immer nicht gefunden. Obwohl ich täglich in den Spiegel blicke, habe ich keine Ahnung wie ich wirklich aussehe.

Wie reden wir eigentlich über unsere Körper?

Meine Erfahrung ist kein Einzelfall. Wie entstehen diese verzerrten Körperbilder? Mir fällt auf, dass wir tagtäglich über Körper reden. Ich höre Frauen sagen: „Ich muss dringend abnehmen. Über Weihnachten habe ich echt viel zugenommen.“ Oder: „Nimm die Hose lieber nicht, die trägt auf.“ Die Liste ist endlos: „Ich kann mein T-Shirt nicht in die Hose stecken, dann sieht man meinen Bauch“ oder „Fotografier mich nicht von hinten, ich mag meinen Po nicht.“

Manche würden sagen, dass ich überreagiere. Können die Leute nicht über sich sagen, was sie wollen? Natürlich muss man über Gefühle und Unsicherheiten sprechen können, besonders mit Freunden. Ich erinnere mich aber nur zu gut daran, wie solche Aussagen mich als Kind und Jugendliche beeinflusst haben.

Frauen mit meinem Körperbau sagten, sie müssten abnehmen. Schlankere Mädchen als ich meinten, sie können keine engen Oberteile tragen. Bekannte wollten im Februar anfangen, an ihrem Bikinibody zu arbeiten. Dabei hat niemand mir direkt gesagt, dass etwas an meinem Körper nicht stimmt oder ich abnehmen sollte, aber man lernt früh sich zu vergleichen. Wenn meine Tante sagt, sie müsse abnehmen und ich sehe ihr ähnlich, sollte ich wohl auch abnehmen.

Angst vor dem Abnehmen

Im letzten Jahr habe ich tatsächlich etwas Gewicht verloren. Nicht übermäßig viel, aber Bekannten in meiner Heimatstadt ist es aufgefallen. Jedes Mal, wenn es angesprochen wurde, stritten sich zwei Stimmen in mir: Einerseits freute ich mich und andererseits bekam ich Angst. Sehe ich jetzt besser aus als vorher? War ich vorher unattraktiv? Was ist, wenn ich wieder zunehme?

Gleichzeitig wartete ich nur darauf, dass jemand die Veränderung bemerkte und meinen Körper kommentierte. Was für eine absurde Vorstellung.

Mein Wunsch: Körperneutralität!

Wie wäre es, wenn Körper einfach eine kleinere Rolle in unserem Alltag einnehmen würden? Ich wünsche mir, dass wir sensibler mit dem Thema umgehen. Ein Weg dahin wäre: Körperneutralität. Dabei werden unsere Körper neutral und ohne Wertung als das gesehen, was sie eigentlich sind: komplexe Organismen, die unserer Persönlichkeit und Seele Raum geben, sich auszudrücken und die Welt und andere Menschen zu entdecken. Körper sind individuell. Das Vergleichen wird den Besonderheiten nicht gerecht.

Wenn ich an mich als kleines Mädchen denke oder an die zitierten Frauen, werde ich traurig. Uns wird suggeriert, dass unsere Körper nicht richtig sind und nie sein werden und das geben wir – meist unbewusst – an andere weiter. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Kommentare nicht die Intention hatten, mich zu verunsichern. Trotzdem hat es genau dazu geführt.

Was geben wir weiter?

Ich glaube, wir können etwas verändern. Für mich ist es ein erster Schritt ,darauf zu achten, wie ich über meinen eigenen Körper spreche, besonders gegenüber jüngeren Mädchen wie Ella. In Gesprächen mit anderen würde ich mir wünschen, dass unsere Körper einfach keine große Rolle spielen würden. In einer Situation, in der man nach einem Kommentar gefragt wird oder die Person selbst ihren Körper thematisiert, ist das natürlich etwas anderes. Aber sowohl ungefragte positive als auch negative Kommentare können bei der anderen Person falsch ankommen oder Gefühle auslösen, die nicht beabsichtigt waren. „Deine neue Frisur sieht viel besser aus“, „Ich hätte auch gerne deine flache Oberweite“ oder „Du hast voll lange Arme“ sind vielleicht alles nett gemeinte Kommentare, aber können das Gegenüber verletzten. Wir wissen nie genau, wie eine Person zu ihrem Körper steht oder welche Erfahrungen sie schon gemacht hat.

Wenn mir inzwischen etwas an den Körpern anderer auffällt, das mir gefällt, teile ich es nicht mehr mit. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mich ihre Körper einfach nichts angehen. Selbst mit einem positiven Kommentar thematisiere ich die äußere Hülle einer Person, die im Vergleich zu ihren Eigenschaften doch das Uninteressanteste ist. Ella zum Beispiel, die ist total großzügig.