In Sibirien brennen die Wälder. Seit Anfang des Jahres ist es überdurchschnittlich warm.
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MoskauSeit Anfang Mai brennen großflächig die Wälder in Sibirien. Klimaforscher sind besorgt: Allein im Juni seien durch die Brände 59 Megatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre geraten, teilten Experten des europäischen Erdbeobachtungsprogramms Copernicus am 7. Juli mit. Das seien sechs Megatonnen mehr als im Juni des Vorjahres – und die höchsten Emissionen, die in den vergangenen 18 Jahren gemessen wurden. Besonders betroffen waren die Regionen Jakutien und Tschukotka im äußersten Nordosten Sibiriens. Anfang Juli brannte es auf einer Fläche von mehr als zwei Millionen Hektar. In sieben Regionen Sibiriens galt der Ausnahmezustand. In menschenleeren Gebieten werden die Brände aus Kapazitätsgründen oft gar nicht erst gelöscht.

Besorgt sind Klimaforscher vor allem über die ungewöhnlich hohen Temperaturen in Sibirien, die zusammen mit extremer Trockenheit die Feuer begünstigen. „Wir verstehen nicht, was in Sibirien gerade passiert“, sagte Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) vor einigen Tagen dem Bayerischen Rundfunk. „Das ist ein neues Phänomen.“ Er berichtete, dass es von Januar bis Mai dieses Jahres in Sibirien etwa sieben Grad wärmer gewesen sei als sonst. Im Juni stellten die Copernicus-Klimaforscher in Teilen Sibiriens sogar Temperaturen von bis zu zehn Grad Celsius über dem langjährigen Monatsdurchschnitt fest. In Werchojansk in Jakutien, einer der kältesten Städte der Welt, herrschten 38 Grad.

Das neue Phänomen lässt sich den Forschern zufolge nicht durch kurzfristige Einflüsse erklären, etwa durch das Windsystem des Jetstreams. Das sind starke Windbänder, die auf der Nordhalbkugel in großen Höhen wellenartig um die Erde strömen. „Wenn der Jetstream nach Norden schlackert, dann wird es warm in der Arktis, wenn er nach Süden schlackert, dann wird es plötzlich kalt“, erklärte Anders Levermann. Aber das dauere normalerweise nur ein bis zwei Wochen, nicht fünf Monate.

Bereits 2019 brannte nach Schätzungen der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Sibirien eine Fläche von 150.000 Quadratkilometern ab, mehr als doppelt so groß wie Bayern. Klimaforscher und Aktivisten machen sich vor allem auch Sorgen um das Weltklima. „Schwarzer Kohlenstoff – also der Ruß – wird vom Wind bis in die Arktis getragen und sinkt dort im Eis ein“, sagte Tatjana Wassiliewa von Greenpeace Russland in einer ARD-Reportage. Der Kohlenstoff lasse die Gletscher schneller schmelzen. Forscher sprechen von der Albedo, der Rückstrahlung des Sonnenlichts. Helle Eis- und Schneeflächen können bis zu 90 Prozent der Sonnenstrahlen zurückwerfen. Wasser und dunkle Flächen dagegen speichern mehr Sonnenenergie. Die Arktis heizt sich auf.

Ein verhängnisvoller Kreislauf kommt in Gang. Denn, wenn sich das große Temperaturgefälle auf der Erde – zwischen Nord und Süd – verringert, dann schwächt sich auch der Jetstream ab. Die Folge: Wetterlagen bleiben an einem Ort länger bestehen, hängen sozusagen fest. So werden nach Auffassung der Klimaforscher in Sibirien die ersten Folgen des Klimawandels sichtbar – mit mehreren Rekord-Wärmejahren in Folge. „Was Besorgnis erregt ist, dass die Arktis sich schneller erwärmt als der Rest der Welt“, sagte Carlo Buontempo, Direktor beim Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen. Eine Rolle könnten dauerhaft starke Winde spielen. Es habe sehr wenig Schnee und eine geringe Feuchtigkeit gegeben. Dies trage vor allem zu der Vielzahl von Bränden im Nordosten Sibiriens bei.

Zu beobachten sind auch weitere Folgen der Erwärmung. Dazu gehört das Abtauen der Permafrostböden, die noch aus der Eiszeit stammen. Die Holzhäuser versinken im Schlamm oder kippen zur Seite. Vor allem: das im Permafrost gespeicherte Methan wird frei. Dies ist ein äußerst wirksames Treibhausgas und könnte den Klimawandel weiter antreiben.  (mit dpa)