Potsdam - Von kommender Woche an darf sich jeder in Brandenburg gegen das Coronavirus impfen lassen – zumindest theoretisch. Denn noch immer steht in den Brandenburger Hausarztpraxen nicht ausreichend Impfstoff bereit. „Es gibt noch Kollegen, die haben noch nicht mal die Älteren durch“, sagte die Vorsitzende des Landeshausärzteverbandes, Karin Harre, am Freitag. Für die kommende Woche erhalte ihre Praxis in Walsleben (Ostprigniz-Ruppin) keinen Impfstoff für Erstimpfungen. 

„Grundsätzlich sind wir ja vorbereitet“, so die Ärztin mit Blick auf die Aufhebung der Impfpriorisierung. „Aber es wird uns einfach noch nicht genügend Impfstoff geliefert, um alle impfen zu können.“ Vorrang haben noch die Zweitimpfungen. Für mehr Übersicht rät Harre Patientinnen und Patienten, in ihrer E-Mail an die Praxen auch Alter, Geschlecht und bekannte Vorerkrankungen anzugeben. „Das erleichtert uns die Arbeit.“

Ältere Menschen lassen sich lieber bei ihren Hausärzten impfen

Arztpraxen sollten nach Ansicht der Landesärztekammer in Brandenburg bevorzugt mit Corona-Impfstoff versorgt werden. Die Erfahrung zeige, dass sich gerade die besonders gefährdeten älteren Menschen eher bei ihren Hausärzten in der Nähe als in einem weit entfernten Impfzentrum immunisieren lassen möchten, erklärte Präsident Frank-Ullrich Schulz.

Unterdessen sieht die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) die Aufhebung der Impfreihenfolge sehr kritisch, weil der Impfstoff in Brandenburg nach wie vor knapp ist. „Die Bestellmengen für die Hausarztpraxen sind immer noch stark quotiert“, hatte Sprecher Christian Wehry berichtet. Für die kommende Woche konnten pro Arzt nur maximal 18 Dosen des Mittels von Biontech/Pfizer bestellt werden. Die KVBB fürchtet, dass der schon bestehende Ansturm auf die Arztpraxen ab Montag noch stärker wird.

Mehr als eine halbe Million Menschen in Brandenburg vollständig geimpft

Mehr als eine halbe Million Menschen in Brandenburg haben bislang den vollen Impfschutz gegen das Coronavirus. Wie der Impflogistik-Stab am Freitag mitteilte, waren mit Stand Donnerstag 517.977 Menschen vollständig geimpft, also je nach Impfstoff auch ein zweites Mal - ein Bevölkerungsanteil von 20,5 Prozent.

Wie kann das Ziel der Landesregierung, allen Brandenburgern ein Impfangebot machen zu können, schnell erreicht werden? Die mobilen Impfteams haben andere Aufgaben und impfen nach Angaben des DRK Landesverbandes derzeit unter anderem in Justizvollzugsanstalten und in Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete. Seit Dezember 2020 haben sie 140.000 Corona-Schutzimpfungen verabreicht. Das Projekt läuft Ende Juli aus. Ob die Landkreise diese Teams weiter nutzen, ist unklar. Dazu liefen derzeit Abstimmungen, teilte DRK-Refrent Fabian Lamster mit.

Potsdam möchte Impfzentrum in der Metropolishalle nicht übernehmen

Zudem haben nach dpa-Informationen nur wenige Kommunen Interesse, die Impfzentren der KVBB ab dem 1. August zu übernehmen. Cottbus und Frankfurt (Oder) wollen ihre Impfzentren weiterbetreiben. Potsdam hat dagegen entschieden, das Impfzentrum in der Metropolishalle nicht zu übernehmen und setzt stattdessen unter anderem auf die Zusammenarbeit mit dem Klinikum Ernst von Bergmann. Dort können nach Angaben der Stadt aktuell auf zwei Impfstraßen bis zu 1500 Impfungen pro Woche durchgeführt werden. Zudem seien weitere Impfstellen im Stadtgebiet in der Planung. Absprachen dazu soll es in der kommenden Woche geben.

Kinder ab zwölf Jahren können sich ab kommender Woche impfen lassen

Auch Kinder ab zwölf Jahren können sich von kommender Woche an mit dem Vakzin von Biontech impfen lassen. Das Präparat wurde europaweit zugelassen. Doch die Empfehlung der Stiko steht noch aus. Ein Beschluss und eine offizielle Bekanntgabe der Empfehlung mit wissenschaftlicher Begründung soll nach Stiko-Angaben voraussichtlich kommende Woche kommen. Erwartet wird aber eine eingeschränkte Empfehlung - etwa erstmal für Kinder mit Vorerkrankungen.

Detlef Reichel, Sprecher des Landesverbandes der Kinder- und Jugendärzte Brandenburg rät, die Empfehlung der Kommission abzuwarten. Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren bereits kommende Woche zu ermöglichen, ohne erst die Empfehlung zu hören, hält der Kinder- und Jugendarzt aus Prenzlau (Uckermark) für zu früh, wie er der dpa sagte. „Aus kinderärztlich-medizinischer Sicht besteht angesichts der geringen Krankheitslast und des ganz überwiegend günstigen Verlaufes bei Kindern und Jugendlichen kein Zwang für überstürzte Entscheidungen“, so Reichel.

„Das Risiko eines schweren Verlaufes liegt bei über 1 zu 10 hoch 5 und das einer schweren Impfreaktion auch“, sagte Reichel. Zumindest bei den gesunden 12- bis 15-Jährigen will der Diplom-Mediziner auf jeden Fall die Empfehlung der Stiko abwarten. Man wisse noch zu wenig über Risiken der Impfung bei Jüngeren und wie sich die Mutationen bei Kindern auswirkten. Bei den Älteren komme es auf das Risiko eines schlimmen Corona-Verlaufs an. „In erster Linie muss die Frage nach dem gesundheitlichen Nutzen für Kinder stehen.“.

Schulen nach den Sommerferien mit vollem Präsenzbetrieb

Unterdessen soll es für die Schulen in Deutschland nach den Sommerferien mit vollem Präsenzbetrieb weitergehen, unabhängig davon, ob Schüler geimpft sind oder nicht. Das machte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst, am Freitag in der Sendung „Frühstart“ von RTL/ntv klar. Geimpfte Kinder machten die Schule „natürlich auch sicherer“. Die Eltern müssten mit den Ärzten ihres Vertrauens darüber beraten, wann und ab welchem Alter sie ihre Kinder impfen lassen wollten. „Für uns ist wichtig, dass unabhängig davon, ob die Kinder geimpft sind, die Schulen trotzdem in voller Präsenz öffnen können.“ Der Landeselternrat zeigte sich erleichtert über die Äußerungen der Bildungsministerin. Weder auf Eltern noch auf Kinder dürfe dahingehend Druck ausgeübt werden, hieß es.