Brandenburg/Havel - In Brandenburgs Spargelgebieten wirft die neue Saison ihre Schatten voraus. In den nächsten Wochen werden wieder Plastikfolien über die Beete gezogen. Landwirt Heinrich Thiermann hat daher Sorgen: Die Stadt Brandenburg an der Havel hat ihn angewiesen, 307 Hektar Spargelfläche auf dem Domstiftsgut in Mötzow bis zum 1. März zu roden, da für den Anbau keine Genehmigung vorliege. Für Thiermann ein „Angriff auf die Landwirtschaft, die auch in Landschaftsschutzgebieten ordnungsgemäß betrieben wird“.

Im Havelland baut der 78-Jährige das Edelgemüse seit 20 Jahren an – vor allem auf mit Folien überdeckten Flächen im Vogelschutzgebiet Mittlere Havelniederungen und im Landschaftsschutzgebiet Westhavelland.

Bis zum 30. November verlangt die Stadt Brandenburg an der Havel von Thiermann einen Plan für den Anbau anderer Kulturen – für ihn ist das eine „planwirtschaftliche Verwaltung“, die in der Ernährung nichts zu suchen habe. Gegen die Verfügungen werde er alle Rechtsmittel einsetzen, sagte der Landwirt. Die Stadt, die den Widerruf der Ordnungsverfügungen bereits zurückgewiesen hat, beruft sich darauf, dass die Spargelplantagen nicht mit den Zielen des Natur- und Landschaftsschutzes vereinbar seien.

Bürgerinitiative lobt Brandenburgs Regierung

Laut Gutachten im Auftrag des Brandenburger Landesumweltamtes von 2013 und 2017 sind im Vogelschutzgebiet Mittlere Havelniederungen mittlerweile 21 Brutvogelarten ausgestorben. Hauptursache sei der Folienanbau. Thiermanns Anwälte bezweifeln wesentliche Aussagen der Brandenburger Expertisen und verweisen auf etliche Gutachten, die sich zum Teil widersprächen. Wie die Anwälte kommt auch ein Papier im Auftrag des Domstiftsguts zu dem Schluss, der Folienanbau von Spargel habe keine erheblichen Auswirkungen auf die wertgebenden Vogelarten.

Auch die Verwaltungsgerichte befassten sich mit dem Streit. Im März 2020 bestätigte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg einen Beschluss des Verwaltungsgerichts, wonach die von Thiermann vorgenommene Umnutzung der Flächen nicht mit dem Bundesnaturschutzgesetz vereinbar sei. Der Streit betrifft auch den Spargelanbau auf anderen Flächen. Der Landkreis Oberhavel hat bereits einen Betrieb angewiesen, nachzuweisen, dass sein Spargelanbau unter Folie mit den Zielen im Vogelschutzgebiet Obere Havelniederungen vereinbar sei. Kann er das nicht, droht auch ihm die Rodung der Anbauflächen.

Lange stießen die Naturschützer mit ihren Vorschlägen für strengere Regeln zur Landwirtschaft in Europäischen Schutzgebieten in Potsdam auf Granit. „Die Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes wurden nie konsequent umgesetzt“, sagt der Geschäftsführer der Grünen Liga Brandenburg, Michael Ganschow. Das habe sich erst im Herbst 2019 mit dem neuen Agrar- und Umweltminister Axel Vogel (Grüne) geändert.

Werner Christ, Sprecher der Bürgerinitiative „Landschaft ohne Folien“, lobt die Stadt Brandenburg/Havel, die nun endlich handele. „Wir sind nicht gegen den Spargelanbau, wir wollen nur, dass Natur und Landschaft intakt bleiben. Und es darf nicht so weitergehen, dass Rendite vor dem Recht steht.“