Die Ukraine hat den Eurovision Song Contest 2022 (ESC) gewonnen. Das Kalush Orchestra setzte sich mit seinem Song „Stefania“ in der Nacht zum Sonntag in Turin gegen 24 Konkurrenten durch - dank einer hohen Punktzahl vom Publikum. Die Band hatte zuvor bereits als Top-Favorit gegolten. Der deutsche ESC-Kandidat Malik Harris landete mit seinem Lied „Rockstars“ und sechs mageren Punkten auf dem letzten Platz. In der Abstimmung der Fachleute hatte Deutschland als einziges Land keinen einzigen Punkt erhalten.

Präsident Wolodymyr Selenskyj will die größte Musikshow der Welt daher auch in seinem Land veranstalten. „Im nächsten Jahr empfängt die Ukraine den Eurovision! Zum dritten Mal in unserer Geschichte“, schrieb das ukrainische Staatsoberhaupt in der Nacht zum Sonntag im Nachrichtenkanal Telegram. Sein Land hatte den ESC bereits in den Jahren 2004 und 2016 gewonnen.

Das Kalush Orchestra flehte bei seinem Auftritt um Hilfe für sein Heimatland. „Bitte helfen Sie der Ukraine, Mariupol, helfen Sie Asow-Stahl jetzt“, sagte Sänger Oleh Psiuk am Ende des Auftritts.

Politische Statements sind den Künstlern beim ESC eigentlich verboten. Die ESC-Moderatoren reagierten verblüfft und mit ernster Miene. Das Publikum bekundete der Ukraine derweil laut Solidarität. Die Zuschauer applaudierten stehend dem Kalush Orchestra mit dem Lied „Stefania“. Gefeiert wurde in den sozialen Netzwerken auch das Sonnen-Symbol für das ostukrainische Gebiet Donezk, das die Band beim Auftritt ins Bühnenbild eingebaut hatte. Russland will die Region Donezk, wo Mariupol liegt, komplett unter seine Kontrolle bringen will. Die meisten Zuschauer hätten das nicht verstanden, hieß es.

Die Veranstalter äußerten am Abend durchaus Verständnis für den Rettungs-Appell auf der ESC-Bühne. „Wir verstehen die starken Gefühle, wenn es dieser Tage um die Ukraine geht, und betrachten die Äußerungen des Kalush Orchestra und anderer Künstler zur Unterstützung des ukrainischen Volks eher als humanitäre Geste und weniger als politisch“, sagte ein Sprecher der Europäischen Rundfunkunion EBU auf dpa-Anfrage.

Zu Beginn des ESC-Finales hatten die Organisatoren bereits ein Video mit der Friedenshymne „Give peace a chance“ von John Lennon einspielen lassen und damit selbst indirekt ein Statement gegen den Krieg Russlands gegen die Ukraine abgegeben. In der ausverkauften Veranstaltungshalle in Turin, dem PalaOlimpico, klatschten und sangen die Zuschauer dazu mit, viele zeigten dazu Ukraine-Flaggen. Russland war von der Teilnahme am ESC ausgeschlossen worden.

Kritisiert wurde in ukrainischen sozialen Netzwerken, dass Moderator Mika der Band im Saal bei einer Pause nicht das Mikro gegeben hatte, als die Künstler danach gegriffen hatten. Mika wurde mit Kanzler Olaf Scholz verglichen, der den Ukrainern demnach keine Stimme gebe.

Gitarre mit Botschaft: Harris bekundet beim ESC Ukraine Solidarität

Auch Deutschlands Grand-Prix-Vertreter Malik Harris bekundete bei seinem Auftritt am Samstagabend im italienischen Turin der Ukraine seine Solidarität. Am Ende seines Auftritts drehte er seine Gitarre um. Auf der Rückseite war eine Ukraine-Fahne zu sehen mit der Aufschrift „Peace“ (Frieden).

Der 24-jährige Harris trat als 13. nach den Ukrainern vom Kalush Orchestra auf. In seinem Lied „Rockstars“ geht es um die Zeit in der Kindheit, in der Kinder noch die kleinen „Rockstars“ sind - bis sie später von den Problemen des Erwachsenenseins eingeholt werden.

Harris' Kulisse war zum überwiegend Teil seinem heimischen Studio nachempfunden, wo der Singer-Songwriter seine Musik macht. Die Teppiche stammen von dort.

Beim Jury-Voting war Sam Ryder aus Großbritannien noch ganz vorn. Das Publikumsvoting gab dann aber den Ausschlag für die Ukraine.

Das waren die ESC-Finalisten 2022

  • 01 TSCHECHISCHE REPUBLIK mit We Are Domi („Lights Off“): Radiotauglicher Popsong mit Anklängen an die frühen 1980er Jahre. Das Lied handelt davon, sich nach einem Liebes-Aus zu verändern.
  • 02 RUMÄNIEN mit WRS („Llámame“): Elektro-Popsong. Gesungen auf Spanisch und Englisch geht es in dem Song um eine verbotene Liebe. Dass WRS auf Spanisch singt, ist eine Erinnerung an seine Kindheit, denn zu Hause guckten seine Mutter und Großmutter oft spanische Telenovelas im Fernsehen.
  • 03 PORTUGAL mit Maro („Saudade, Saudade“): Leise Pop-Ballade zum Zurücklehnen. Die Sängerinnengruppe um Maro singt über Sehnsucht (Sabaude) und wie das Gefühl einer Trennung auf ihnen wiegt.
  • 04 FINNLAND mit The Rasmus („Jezebel“): Rockiges Radio-Lied mit Anlehnung an einen Horror-Clown in der Performance. Die Band des 2003er-Hits „In the Shadows“ singt in leicht veränderter Besetzung als damals über eine mysteriöse, unmoralische Frau (Jezebel).
  • 05 SCHWEIZ mit Marius Bear („Boys Do Cry“): Einfühlsame Ballade. Musiker statt Mechaniker: Bear brach seine Ausbildung ab und studierte Musikproduktion. In seinem Lied besingt er den kleinen Jungen in jedem Mann - und ja: Jungs weinen auch.
  • 06 FRANKREICH mit Alvan & Ahez („Fulenn“): Genre-Mix aus Techno und traditionellen Instrumenten. Die Band singt nicht auf Französisch, sondern auf Bretonisch. Das Lied handelt von einem mystischen Naturwesen.
  • 07 NORWEGEN mit Subwoolfer („Give That Wolf A Banana“): Elektro-Pop-Song. Der Text erinnert an Rotkäppchen und den bösen Wolf, denn die Band empfiehlt in dem Spaß-Song, dem Wolf eine Banane zu geben, bevor er die Großmutter frisst.
  • 08 ARMENIEN mit Rosa Linn („SNAP“): Gefühlvoller Gitarren-Song zum Schunkeln mit Anmutungen an das bekannte Lied „Home“. Linn singt darüber, wie sie Gedanken an eine vergangene Liebe wach halten.
  • 09 ITALIEN mit Mahmood und Blanco („Brividi“): Ballade mit hoch gesungenen männlichen Stimmen und Mitgröl-Faktor. Das Lied auf Italienisch handelt vom Schauer (Brividi), der den beiden beim Gedanken an die Liebe eiskalt herunterläuft.
  • 10 SPANIEN mit Chanel („SloMo“): Poppiger Sommer-Sonne-Tanz-Song. Auf Spanisch singt die Sängerin und Tänzerin darüber, wie sie den Männern mit ihrem Auftritt den Kopf verdreht.
  • 11 NIEDERLANDE mit S10 („De Diepte“): Sentimentale Pop-Ballade: Die Sängerin und Rapperin singt darüber, in einer toxischen Beziehung gefangen zu sein.
  • 12 UKRAINE mit Kalush Orchestra („Stefania“): Hip-Hip-Song mit Folklore-lementen aus der ukrainischen Volksmusik. Rapper Oleh Psjuk hat das Lied in ukrainischer Sprache vor dem russischen Angriffskrieg auf sein Land geschrieben. Es ist seiner Mutter gewidmet.
  • 13 DEUTSCHLAND mit Malik Harris („Rockstars“): Pop-Song mit Rap-Einlage. Malik kommt aus einer Musiker-Familie, in der schon der Großvater (Opernsänger), die Großmutter (Pianistin) und sein Vater Ricky Harris (TV-Moderator und Cellist) musikalisches Talent hatten. Das Lied handelt von den guten, problemlosen Zeiten als Kinder, als alle noch kleine „Rockstars“ waren.
  • 14 LITAUEN mit Monika Liu („Sentimentai“): Chansonartiges Lied - erinnert optisch an die französische Schlagersängerin Mireille Mathieu. Liu singt über eine verflossene Liebe, die ihr nachts nicht aus dem Kopf geht
  • 15 ASERBAIDSCHAN mit Nadir Rustamli („Fade To Black“): Emotionale Ballade. Rustamli findet das Lied wie perfekt auf sich zugeschnitten. Der Song handelt von einem Liebes-Aus.
  • 16 BELGIEN mit Jérémie Makiese („Miss You"): Souliges Poplied mit R&B-Note. Jérémie Makiese strebt nicht nur eine Gesangs- sondern auch eine Fußballer-Karriere an. In dem Lied will er mit der Vergangenheit Schluss machen und nach vorne blicken.
  • 17 GRIECHENLAND mit Amanda Georgiadi Tenfjord („Die Together“): Gefühlvolle Ballade. Die in Norwegen lebende Medizinstudentin singt in ihrem Lied darüber, wie es ist, sich in einer Beziehung auseinander gelebt zu haben.
  • 18 ISLAND mit Systur („Med Hækkandi Sól“): Mystischer Country-Popsong mit Folklore-Elementen. Die drei Geschwister aus einer Musiker-Familie besingen auf Isländisch den Jahreszeitenwechseln nach einem dunklen Winter Med Hækkandi Sól (Mit der aufgehenden Sonne.)
  • 19 MOLDAWIEN mit Zdob si Zdub & Advahov Brothers („Trenuletul“): Spaßiger Western-Hit, der etwas an den 90er-Jahre-Kracher „Cotton Eye Joe“ (Rednex) erinnert. Die Band singt über eine wilde Zugfahrt von Chisinau nach Bukarest.
  • 20 SCHWEDEN mit Cornelia Jakobs („Hold Me Closer“): Hymnisch anmutende Pop-Ballade. Der Song der Tochter des bekannten schwedischen Rockers Jacob Samule („The Poodles“) handelt vom Schmerz eines Liebes-Aus.
  • 21 AUSTRALIEN mit Sheldon Riley („Not The Same“): Gefühlvolle Ballade. In dem Lied ging es um schwere Erinnerungen aus der Kindheit, die darüber hinaus auf einem Menschen lasten. Riley bezieht sich dabei auf sein sechsjähriges Ich und die Zeit als er mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde.
  • 22 GROSSBRITANNIEN mit Sam Ryder („Space Man“): Radio-Popsong zum Wohlfühlen. In seinem Lied stellt sich Social-Media-Bekanntheit Ryder vor, wie es wäre, ein Astronaut zu sein, will aber am Ende lieber nach Hause, zu dem was er kennt.
  • 23 POLEN mit Ochman („River“): Klavier-Popsong. Der im US-amerikanischen Massachusetts geborene Krystian Ochman kann in seinem Song nicht mehr und singt darüber, sich einfach von einem Fluss (River) wegtreiben zu lassen. Seine Familie hat ihn zur Musik animiert. Besonderes Vorbild war sein Großvater, ein Opernsänger.
  • 24 SERBIEN mit Konstrakta („In Corpore Sano“): Wohlbefinden, Versicherung und das Haar von Meghan Markle: Konstrakta schwört in ihrem Mitklatsch-Lied vor einer Waschschüssel auf einen gesunden Körper.
  • 25 ESTLAND mit Stefan („Hope“): Countrylied mit Westerncharme und Johnny-Cash-Vibes. Stefan richtet den Blick in die Zukunft und singt in dem Lied darüber, Entscheidungen mutig anzupacken.