Der Plauder-Prinz: Harrys Biografie erschienen

Prinz Harrys Biografie „Reserve“ ist erschienen – das larmoyante Zeugnis eines überprivilegierten und verletzten Nepo-Babys. Und überaus unterhaltsam. 

Zwei zum Preis von einem: Harry Biografie und ein Buch über seine Großmutter, die im vergangenen Jahr verstorbene Königin Elizabeth II.
Zwei zum Preis von einem: Harry Biografie und ein Buch über seine Großmutter, die im vergangenen Jahr verstorbene Königin Elizabeth II.AP

Er kokste, erlebte sein erstes Mal mit einer älteren Frau und geriet handfest mit Bruder William aneinander: Nach Bekanntwerden zahlreicher Details können Royal-Fans nun alle Anekdoten aus Prinz Harrys Autobiografie selbst nachlesen. „Reserve“, wie der deutsche Titel des Buchs lautet, erschien in der Nacht zu Dienstag. In London öffneten einige Buchläden eigens schon um Mitternacht für den Verkauf. Und das Buch des britischen Adelssprosses ist vor allen Dingen eines: ein geschwätziges Werk voll säftelnder Anekdoten über vereiste Genitalien, Prinzenprügeleien und einer  Entjungferung in einem Kornfeld hinter einem Pub - eine britische Jugend. Und „Reserve“, so der deutsche Titel, ist noch etwas: großartige Unterhaltung auf hohem Klatschniveau. 

Bereits seit Tagen zitieren vor allem britische Medien aus „Reserve“. Das Buch unterlag einer strengen Sperrfrist, war aber am vergangenen Donnerstag versehentlich vorübergehend in Spanien zu kaufen gewesen. So versehentlich schien das natürlich nicht wirklich, zumal Harry sich und ein paar weitere Geschichten aus dem Buch eifrig in verschiedenen Talkshows präsentierte, was die Verkäufe zusätzlich angekurbelt haben dürfte.

Ein Mitarbeiter packt das Buch „Spare“ des britischen Prinzen Harry, dem Herzog von Sussex, aus.  Es führt jetzt schon die Bestseller-Listen an.
Ein Mitarbeiter packt das Buch „Spare“ des britischen Prinzen Harry, dem Herzog von Sussex, aus. Es führt jetzt schon die Bestseller-Listen an.AFP/Isabel Infantes

Das über 500 Seiten starke Buch hat der Prinz mit einer Widmung versehen: „Für Meg und Archie und Lili... und natürlich für meine Mutter“. Seine Mutter, die verstorbene Prinzessin Diana wusste wie ihr jüngster Sohn auch nur allzugut, wie man mit den Medien agiert um maximale Aufmerksamkeit für minimales Handeln zu erreichen. Doch im Gegensatz zu dem Beben, das Dianas BBC-Interview im britischen Königshaus und der englischen Gesellschaft verursachte, ist Harrys Buch in erster Linie die Chronologie eines Familienstreits, deren nationale Sprengkraft eher gering sein dürfte. Der Palast jedenfalls schweigt bislang in gewohnter Manier und ist damit auch gut beraten. 

Zu Beginn beschreibt Harry langatmig-verkitscht eine Begegnung mit seinem Vater und seinem Bruder William nach der Beerdigung von Prinz Philip im April 2021. Er habe damals um dieses „geheime Treffen“ gebeten, um einen Ausweg aus dem schweren Familienzerwürfnis zu finden.

Charles III. „Bitte, Jungs –macht mir meine letzten Jahre nicht zur Hölle“

Doch der Streit bei dem gemeinsamen Spaziergang sei „so hitzig“ geworden, dass König Charles III. – damals noch der ewige Thronfolger – seine Söhne gebeten habe: „Bitte, Jungs – macht mir meine letzten Jahre nicht zur Hölle“, schreibt Harry in dem Buch. Und stellt sich die Frage: „Mein geliebter Bruder, mein Erzfeind, wie hatte das geschehen können?“

In mehreren Interviews mit britischen und US-TV-Sendern hat Harry seinen Familienmitgliedern und dem Hofpersonal bereits schwere Vorwürfe gemacht. Sie hätten die Stimmung gegen ihn und seine Ehefrau Herzogin Meghan angeheizt, indem sie der britischen Boulevardpresse Informationen über das Paar zugesteckt hätten. Im US-Sender ABC forderte der 38-Jährige, vor einer möglichen Versöhnung müsse die Royal Family Verantwortung übernehmen.

Eine Rückkehr in die erste Reihe der königlichen Familie schloss er grundsätzlich aus. Ein solcher Schritt sei „unüberlebbar“, sagte Harry. „Das ist wirklich traurig, denn das zerstört im Wesentlichen die Beziehung zwischen uns.“ Was Harry galant unterschlägt: die erste Reihe ist bereits besetzt von seinem Bruder und dem König. Sollte William aus irgendwelchen Gründen nicht König werden, so folgen dessen Sohn George und seine Geschwister Charlotte und Louis, bevor Harry in der Thronfolge eine Reihe spielt. Im englischen Original lautet der Titel des Buches „Spare“. Das Wort spielt auf die Redewendung „the heir and the spare“ an – also „der Erbe und der Ersatz“.

Harry gesteht schwierige Beziehung zu Bruder William ein

Harry und seine Ehefrau Herzogin Meghan (41) hatten ihre royalen Pflichten bereits vor längerer Zeit aufgegeben und wohnen mit den Kindern Archie (3) und Lilibet (1) in Kalifornien. Ein Schritt, den dem Paar viele Briten übel genommen haben.

In dem Buch spricht Harry viel über die schwierige Beziehung zu Prinz William und die Entfremdung zwischen ihm und dem aktuellen Thronfolger. Ihre Mutter, die 1997 tödlich verunglückte Prinzessin Diana, wäre traurig, wenn sie den Streit zwischen den Brüdern erleben müsste, sagte Harry im Gespräch mit ABC.

Zuvor hatte er im Interview des britischen Senders ITV der königlichen Family vorgeworfen, seine Ehefrau Meghan nicht gegen die britischen Medien verteidigt zu haben. William und dessen Ehefrau Prinzessin Kate hätten Meghan nicht willkommen geheißen. Grund seien teils rassistische Vorurteile der britischen Boulevardpresse gegen die geschiedene Ex-Schauspielerin gewesen. Das Königshaus schweigt bislang zu den Anschuldigungen. Harry zufolge hat er derzeit keinen Kontakt zu Bruder William oder seinem Vater König Charles III.

Ebenfalls ihr Fett weg bekommt die Stiefmutter Harrys:  Königin Camillas Bedürfnis, ihr Image aufzubessern, sowie ihre Bereitschaft, Beziehungen zur britischen Presse aufzubauen, machten sie gefährlich, behauptete er im Gespräch mit ABC. Zugleich nahm er Camilla in Schutz. Sie sei „keine böse Stiefmutter“, sagte Harry und betonte erneut, wie sehr doch alle Familienmitglieder liebe. Zu seiner Großmutter Queen Elizabeth II., die im September gestorben war, habe er eine sehr gute Beziehung gehabt, sagte er. „Sie wusste, was los war. Sie wusste, wie schwer es war. Sie sagte mir nie, dass sie sauer war. Ich glaube, sie war traurig, dass es so weit kam“, erzählte Harry über seinen Auszug aus dem Königshaus.

Harry soll für die Biografie, die er gemeinsam mit dem Ghostwriter J.R. Moehringer verfasst hat, eine Vorauszahlung von umgerechnet 20 Millionen Euro erhalten haben. Er hat angekündigt, einen Teil der Erlöse zu spenden. Nach Angaben in dem Buch hat der Herzog von Sussex bereits 1,5 Millionen Dollar (1,4 Mio Euro) an die von ihm mitgegründete Organisation Sentebale gestiftet, die an Aids erkrankte Kinder und Waisen in Afrika unterstützt. 

Prinz Harry: „Reserve“, Penguin Verlag, 512 Seiten, 26 Euro