Berlin - Wie können Kinder, die Gewalt oder Todesfälle erleben, in der aktuellen Lage unterstützt und begleitet werden? Das war eine von vielen Fragen auf einer europäischen Fachtagung zum Kinderschutz. Die Tagung wurde vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, der evangelischen Militärseelsorge in Bonn, der Thomas-Morus-Akademie Bensberg sowie der weltweit arbeitenden World Childhood Foundation organisiert. „Kinder sind die jüngsten und schwächsten Opfer bei schrecklichen und menschenverachtenden Straftaten der sexuellen Gewalt“, sagte der Sprecher Kriminalprävention und Opferschutz des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Hermann-Josef Borjans. Und weiter: „Wir müssen die Belange der Opfer in den Fokus rücken und weit mehr Betreuung und Hilfen anbieten als derzeit“. Es sei ein „verstörendes und aufrüttelndes Zeichen, wenn schwerwiegende Straftaten wie im westfälischen Lügde lange Zeit im Dunkeln bleiben“.

Der Direktor des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen, Ingo Wünsch, der in den vergangenen Jahren als Chefermittler im Innenministerium Düsseldorf in die intensiven Ermittlungen zu sexueller Gewalt eingebunden war, wies darauf hin, dass Aktivitäten von Kindern im digitalen Netz in der Pandemie stark zugenommen hätten. Die Gefahren durch sexuellen Missbrauch, der im Netz angebahnt und ausgeübt werde, seien viel zu wenig bekannt: „Wir müssen Kinder in der digitalen Welt genauso schützen wie in der realen Welt“, forderte Wünsch. Hier seien die Aufmerksamkeit von Eltern und Bezugspersonen, aber auch die Vermittlung einer gefahrenbewussten Medienkompetenz bei Kindern überaus notwendig.

Experte: Pandemie beeinträchtigt das kindliche Leben oft stark

Die Geschäftsführerin der World Childhood Foundation Deutschland, Dr. Astrid Helling-Bakki machte deutlich, dass sexualisierte Gewalt an Kindern allermeist im unmittelbaren Nahfeld der Kinder geschehe und es oft weder Zeugen noch Beweise für Übergriffe gebe: Um jungen Opfern eine kinderfreundliche Anlaufstelle zu bieten, in der multiprofessionelle Teams Gewalttaten gemeinsam besser aufarbeiten können, hat die World Childhood Foundation eine bundesweite Initiative nach internationalem Vorbild gestartet. Mit lokalen Trägern setzt sie sogenannte Childhood-Häuser um, in denen die Perspektive und das Wohl der Kinder im Vordergrund stehen. Dr. Helling-Bakki machte deutlich, wie hoch der Bedarf ist. Es fehle aber an vielen Orten an Mitteln für die Finanzierung dieser Angebote.

Der Hamburger Professor für Notfall- und Rettungsmanagement Dr. Harald Karutz wies darauf hin, wie wichtig das soziale Umfeld sei, damit Kinder eigene Gewalterfahrungen, aber auch Todesfälle in ihrem Nahbereich bewältigen könnten. Gerade die Pandemie beeinträchtige das kindliche Leben oft stark, irritiere die Sozialkontakte und führe zu ausgedehnter Mediennutzung. Karutz: „Die psychosozialen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie für Kinder dürfen nicht länger unterschätzt werden, sie müssen auf allen Ebenen des Krisenmanagements unbedingt stärker berücksichtigt werden als bisher.“

Hilfe-Strukturen für Kinder nach Gewalterfahrungen reichen nicht aus

Der Essener Kinder- und Jugendtherapeut Reinert Hanswille wies darauf hin, dass die vielfältigen sozialen Beziehungen von Kindern und Jugendlichen ganz besonders auch familiäre Aktivitäten oder Sport- und Freizeitangebote derzeit stark eingeschränkt seien. Entsprechend sei ein Austausch unter den Akteuren in der Kinder- und Jugendarbeit notwendig, um die Lebensbeziehungen der Heranwachsenden zu stärken. Auch das psychosoziale Netzwerk aller Akteure in Kinder- und Jugendarbeit solle gemeinsam in den Blick nehmen, was in und nach der Pandemie die Resilienz der Heranwachsenden stärke.

Die Opferschutzbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen, Elisabeth Auchter-Mainz betonte, was als Fazit der Tagung gelten kann: Es sei noch ein weiter Weg, bis es ein flächendeckendes Hilfs- und Unterstützungsangebot für Kinder und Jugendliche gebe. Derzeit, so resümierte Militärdekan Dr. Uwe Rieske, reichten die Hilfe-Strukturen für Kinder nach Gewalterfahrungen nicht aus: Die Pandemie hat offen zutage treten lassen, dass es eine Unterversorgung für Hilfen bei Kindeswohlgefährdung und bei Gewalterfahrungen von Kindern gibt.