BerlinAm Ende war es deutlich: Mit 804 zu 553 Stimmen (58,4 zu 40,2 Prozent) setzte sich Michael Müller im Rennen um die SPD-Bundestagskandidatur im Wahlkreis Charlottenburg-Wilmersdorf gegen Sawsan Chebli durch. Wahlberechtigt waren rund 2500 Parteimitglieder, die sich zwölf Tage lang online beteiligen konnten. Am Ende nahmen 59,2 Prozent  der Wahlberechtigten das Angebot wahr. 

Noch am Mittwochabend akzeptierte Chebli das Ergebnis: „Ich gratuliere Michael Müller zur Nominierung“, schrieb sie in einer Mitteilung. Und weiter: „Ich bin überzeugt, dass der faire demokratische Wettbewerb, den wir in den letzten Wochen geführt haben, der SPD nicht geschadet hat, im Gegenteil: Er stand unserer Partei gut zu Gesicht.“

Wochenlang hatte das Duell des Regierenden Bürgermeisters mit seiner Staatssekretärin in der Senatskanzlei elektrisiert. Viele hatten sich daran gestört, dass Müller, nachdem ihm der Weg in den Bundestag über seinen Heimatwahlkreis Tempelhof-Schöneberg verbaut war – dort kandidiert Juso-Chef Kevin Kühnert – einfach ins benachbarte Charlottenburg-Wilmersdorf wechselte. Dabei hätte er wissen können, dass dort Chebli Ambitionen hatte. Und viele waren überrascht, wie offensiv Chebli die Gegensätze herausstrich: Sie sei als Frau, Tochter von Migranten, Kämpferin gegen Sexismus und Rassismus eine echte Alternative.

Was in den kommenden Tagen und Wochen folgt, ist für Michael Müller wohl nur noch eine Formalität. Im November wird der SPD-Kandidat auf einer Wahlkreiskonferenz offiziell aufgestellt. Zwar ist das Mitgliedervotum formal nicht bindend, die Wahl gilt jedoch als sicher.

Erst Ende vergangener Woche hat das SPD-interne Duell zusätzliche überraschende Würze bekommen. Und die Chancen von Müller, den Wahlkreis nächstes Jahr tatsächlich zu gewinnen, haben sich möglicherweise von einem auf den anderen Tag dramatisch verbessert. Tief im Windschatten der sozialdemokratischen Mitgliederbefragung wäre Klaus-Dieter Gröhler fast gescheitert. Der CDU-Politiker hat den Wahlkreis bei den beiden vergangenen Wahlen jeweils direkt geholt – und will das nächstes Jahr wiederholen. Am Sonntag jedoch ließ ihn der Kreisverband der CDU Charlottenburg-Wilmersdorf, dessen Vorsitzender er auch ist, im ersten Wahlgang durchfallen. Dabei gab es noch nicht einmal einen Gegenkandidaten. Im zweiten Wahlgang trat dann plötzlich Martin Lindner an: in den Nuller-Jahren eine Zeit lang Chef der Berliner FDP und im Jahrzehnt danach vorübergehend Vizechef der Bundestagsfraktion. Diverse Niederlagen später verschwand Lindner in der parteipolitischen Bedeutungslosigkeit.

Erst vor vier Wochen trat Lindner der CDU bei. Nun wechselte er aus Steglitz-Zehlendorf in den Nachbarkreis Charlottenburg-Wilmersdorf – um sich dort neun Tage später um den dortigen Wahlkreis zu bewerben. Später behauptete der Kreisvorstand, dass Lindner gar nicht hätte nominiert werden dürfen, weil Formalien nicht eingehalten wurden. Doch zuvor war es haarscharf zugegangen. Im zweiten Wahlgang gewann Amtsinhaber Gröhler mit einer Stimme Mehrheit.

Klaus-Dieter Gröhler will dem knappen Ausgang bei seiner Nominierung nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Er wisse, dass er tags zuvor beim Kreisparteitag einigen Leuten „auf die Füße getreten“ sei, indem er Kandidaturen für die gleichzeitig mit der Bundestags- und der Abgeordnetenhauswahl anstehenden Abstimmung für die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) nicht unterstützt habe. Und diese Leute hätten sich einen Tag später an ihm, dem Kreisvorsitzenden, gerächt, so Gröhler. So etwas gehöre in der Politik „auch dazu“, sagte Gröhler am Mittwoch der Berliner Zeitung. Immer mal wieder würden Unterlegene „Luft ablassen“, das müsse man aushalten können. Im Übrigen gelte: „Mehrheit ist Mehrheit.“

Ein schlechtes Omen für seinen Wahlkampf mag Gröhler in seiner knappen Nominierung übrigens nicht erkennen. Bei einer Mitgliederbefragung wie bei der SPD blieben Enttäuschte zurück, die mit „viel Herzblut“ für ihren Favoriten gekämpft haben. Da sei es keineswegs sicher, dass diese sich dann auch für den Sieger des Zweikampfs engagieren. Das sei bei einer professionell organisierten Nominierung durch Delegierte wie bei der CDU anders. Er jedenfalls habe keine Befürchtungen, dass es ihm im kommenden Wahlkampf an Unterstützung fehlen könnte. Ob für BVV, Abgeordnetenhaus oder Bundestag – „in Charlottenburg-Wilmersdorf laufen wir wie ein Team gemeinsam los“, so Gröhler. Das soll dann auch Michael Müller zu spüren bekommen.